Sonntag , 25. Oktober 2020
Thomas Mitschke. Foto: t&w

Interview mit Thomas Mitschke: „Am Ende bezahlt die Natur“

Lüneburg. Ist die Trinkwasserversorgung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten in der Region Lüneburg gefährdet? Das ist nur eine von vielen Fragen rund um das Thema Wasser. Die Diskussion in der Öffentlichkeit und auch in den politischen Gremien zeige, dass die Wissensstände bei diesem komplexen Thema sehr unterschiedlich seien. Um die Wissensstände zu begradigen, hatte der Landkreis zu einem „Runden Tisch Grundwasserbewirtschaftung“ eingeladen. Auf der nichtöffentlichen Veranstaltung gab es einige Fachvorträge unter anderem von Experten des niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zur Grundwassersituation und des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) zum Thema Grundwasserkörper. Zu einer „Begradigung“ hat diese Veranstaltung aber nur bedingt beigetragen, sagte Thomas Mitschke, Vorsitzender der Nabu-Kreisgruppe Lüneburg und beratendes Mitglied in Umweltausschüssen, gegenüber der LZ.

Herr Mitschke, Sie waren als Vertreter des Nabu beim runden Tisch zum Thema Wasser dabei. Wie stellt sich die Situation nach den beiden extremen Dürrejahren 2018 und 2019 sowie dem bisher ebenfalls ziemlich trockenen 2020 in der Region Lüneburg dar?

Thomas Mitschke: Ich beantworte die Frage aus Natur- und Artenschutzsicht: Insbesondere Grundwasserabhängige Biotope und Lebensräume sterben buchstäblich aus und weg, die Feldberegnung lässt die Grundwasserspiegel in den entscheidenden Monaten sinken, was schützenwert ist, wird weiterhin aktiv entwässert. Massives Artensterben in trockengefallenen Mooren, Bächen, Gräben, Teichen und Tümpeln! Libellen, Amphibien, Pflanzenarten sind betroffen. Wir haben nicht nur massive Naturschutz- sondern vor allem Artenschutzprobleme. Der Vertreter vom NLWKN behauptet, alles, wirklich alles im Auge zu haben!

Nichts davon ist wahr. Immer wieder wurde angesprochen, dass anhängende Ökosysteme von Wasserentnahmen nicht betroffen sein dürfen, das Gegenteil ist der Fall. Die Wirtschaft wird in ihrem Tun nicht beeinträchtigt und die Natur bezahlt!

Sie haben angedeutet, dass es widersprüchliche Aussagen der Referenten gegeben hat. Welche waren das?

Insbesondere der Vertreter des NLWKN trägt vor, dass es in den letzten Jahren eine deutlich geringere Grundwasserneubildung gegeben hat und es eine der zukünftigen Aufgaben sein wird, Wasser im Landkreis zu halten. Bisher wird dieses durch Gräben für Entwässerung eher schnell abtransportiert.

Wasserspeicherung im Landkreis bedeutet hohe Aufwendungen, hohe Kosten, denn es müssten Rückhaltebecken usw. errichtet werden.

Die Referentin des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie aber trägt vor, dass zukünftig die Grundwasserneubildung zunehmen soll. Hierbei beruft man sich auf Schätzungen.

Auf was also sollen Kommunalpolitiker vertrauen, die zukünftig womöglich auch unpopuläre Entscheidungen treffen müssen? Die Realität ist, dass der Landkreis Lüneburg bisher eher kein Gebiet für eine messbare Grundwasserneubildung ist.

Wasserverbrauch ist das eine, Grundwasserneubildung das andere. Wie beurteilen die Experten die Situation bei der Neubildung?

Die Experten weisen darauf hin, dass dringend der Grundwasserbestandsschutz angegangen werden muss, doch genau das kostet Aufwand und Geld.

Beim jüngsten Scoping-Termin in Uelzen gab es die Forderung der Landwirtsschaft, rund 65 Millionen Kubikmeter Wasser zur Feldberegnung nutzen zu können. Sind die Experten beim runden Tisch darauf eingegangen?

Ja, und sie haben in ihren Referaten auch jede Menge für eine Vertrauensbildung investiert, dass dies so machbar wäre. Lässt man die Auswirkungen auf die Natur weg, kommt das auch hin. Rechnet man aber den tatsächlichen Status Quo in den anhängenden betroffenen Ökosystemen dazu, stehen wir vor einem Riesenproblem. Die anhängenden Ökosysteme fehlten in keinem Referat, doch wurden deren Zustand von allen Referenten nicht gewichtet.

Die Landwirtschaft strebt alt- vertraute langfristige Verträge (20 bis 25 Jahre) an, was so bestätigt wird. Mit dem Fokus auf den dynamisch fortschreitenden Klimawandel ein Unding. Alle 3 bis 5 Jahre braucht es aus meiner Sicht spätestens eine Neubewertung.

Gab es eine gemeinsame Haltung zur Anhebung der Entnahmegebühren, die schon lange bei 9 Cent für 1000 Liter Grundwasser liegt?

Ja, da gibt es einen breiten Konsens, das hat sich schon in den Umweltausschüssen auf Stadt- und Landkreis-Ebene gezeigt, dass hier dringender Handlungsbedarf besteht und die Mehreinnahmen in wasserspeichernde Projekte fließen müssen.

Die Firma Lohmann will ihre wasserrechtliche Erlaubnis in Lüneburg über 2024 hinaus erneuern. Derzeit darf sie 1,1 Millionen Kubikmeter pro Jahr entnehmen. 90 Prozent davon nutzt die Firma nach eigenen Angaben nur zur Kühlung im Produktionsprozess. Muss es klarere Vorgaben der Politik geben für sparsamen Umgang mit Grundwasser? Müssen Firmen und auch die Landwirtschaft alle technischen Innovationen zum Wassersparen ergreifen, bevor sie Pumpen anschalten?

Firmen sollen zukünftig bei Anträgen möglichst nachweisen, wie innerbetriebliche Abläufe und Modernisierungen beim Wassersparen helfen. Ob man hier aber der Wirtschaft Vorgaben machen kann, bezweifle ich eher. Bei der Landwirtschaft gibt es mehr Spielraum – Wahl der Feldfrüchte, Beregnungszeiten, Beregnungstechnik und -methoden.

Von Werner Kolbe