Mittwoch , 28. Oktober 2020
Nach einer Party im Kurpark gab es einen Corona-Verdacht. Symbolbild: AdobeStock

Corona-Verdacht nach Party: Eine Rekonstruktion

Lüneburg. Am Morgen nach der Party, welche die Startwoche in Turbulenzen stürzen sollte, ploppte in einem Gruppenchat eine Sprachmitteilung auf: „Ich habe gerade eine Nachricht erhalten, dass einer, mit dem ich am Wochenende zusammen war, Corona-positiv getestet wurde.“ Und weiter: „Es tut mir voll leid, dass ich euch jetzt noch so umarmt hab. Ich hoffe, dass ich das jetzt nicht hab oder dass ich euch jedenfalls nicht angesteckt hab.“

Kurz danach, am vergangenen Freitag um 12.29 Uhr, schickte die Leuphana-Universität eine Rundmail. Betreff: „Update zur Startwoche“. Studierende, hieß es, hätten am Abend zuvor eine private Feier im Kurpark veranstaltet, eine „größere Anzahl“ von Erstsemestern sei dort gewesen. Und weiter: „Im Rahmen dieser Veranstaltung soll es einen Risiko-Kontakt gegeben haben.“ Man nehme diesen Vorfall sehr ernst. Die Gruppentreffen der Erstsemester auf dem Campus seien vorläufig abgesagt. Soweit die offizielle Sicht.

Bald gingen Gerüchte herum, verbreitet über soziale Medien. Von „200 bis 400 Leuten“ im Kurpark war dort die Rede, von vier Polizei-Autos, die die Feier „gesprengt“ hätten. Plötzlich standen offenbar Anschuldigungen im Raum – so deutliche, dass der Leiter der Startwoche in einer Mail schrieb: „Diejenigen, die Donnerstagnacht dabei waren, gehören trotz ihres Fehlers ohne Abstriche zur Universitätsgemeinschaft.“ Es gehe nicht darum, „einzelne Studierende zu verurteilen oder zu sanktionieren.“

Was war Donnerstagnacht wirklich passiert?

Mithilfe von Aussagen der Organisatoren der Startwoche, der Polizei und Menschen, die im Kurpark gefeiert haben, lässt sich der Abend weitgehend rekonstruieren.

Der Vorfall ist exemplarisch für eine Zeit, in der über den Umgang mit der Corona-Pandemie gestritten wird: über Masken-Regeln, Abstandsgebote und das korrekte Maß der Kontaktbeschränkungen. Die Party im Kurpark wirft deshalb Fragen auf, die über den Donnerstag hinausgehen: War nicht damit zu rechnen, dass Erstsemester sich zu Partys treffen? Wie korrekt haben sich alle Beteiligten verhalten? Und wie geht man als Universität künftig am besten mit solchen Corona-Verdachtsfällen um?

Nach ihren Veranstaltungen in Kleingruppen hielten sich am Donnerstag mehrere Erstsemester-Studierende auf der Mensa-Wiese auf, erinnern sich einige, die dabei waren. Sie wollen anonym bleiben. Man habe sich dann entschieden, in den Kurpark umzuziehen. Dort trafen mehrere Gruppen aufeinander. Zunächst spielten sie Flunkyball, ein Trinkspiel, und blieben größtenteils unter sich. Später mischten sich die Gruppen. Insgesamt waren nach Aussage der Studierenden nicht mehr als 70 Leute im Park, „eher weniger“. Dabei war das Verhältnis von Erstsemestern zu höheren Semestern zunächst recht ausgeglichen. So wurde einer Erstsemesterstudentin gesagt, sie und ihre Freund*innen seien an diesem Tag „die ersten Erstis“, die man treffe. Die Erstsemesterstudierenden hatten den Eindruck, dass die höheren Semester „einfach mal wieder Bock“ hatten zu feiern.

Die Polizei konnte nur die Personalien einer Person aufnehmen 

Gegen 22.15 Uhr ging bei der Polizei Lüneburg ein Anruf ein. Anwohner*innnen meldeten eine Ruhestörung. Wie ein Pressesprecher der Polizei mitteilte, gehe man davon aus, dass mehr als 50 Menschen vor Ort gewesen seien. Beim Eintreffen der Beamt*innen waren aber bereits fast alle Menschen geflüchtet. Lediglich die Personalien einer einzigen Person wurden aufgenommen.

Die Corona-Verordnung des Landes Niedersachsen legt für Treffen eindeutige Grenzen fest. Demnach dürfen sich im Freien nur bis zu zehn Menschen (oder Personen aus zwei Haushalten) treffen, ohne dabei den Mindestabstand von 1,50 Meter einzuhalten. Das macht deutlich: Die Studierenden haben mit aller größter Wahrscheinlichkeit gegen Corona-Regeln verstoßen.

Wie hoch die mögliche Infektionsgefahr im Freien ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Grundsätzlich ist eine Übertragung des Corona-Virus im Freien eher unwahrscheinlich, da Wind Tröpfchen und Aerosole, über die das Virus übertragen wird, davonweht. Doch werden die Sicherheitsabstände nicht eingehalten, besteht auch im Freien die Möglichkeit, sich anzustecken.

Die Universität reagierte zügig. Am Donnerstagabend habe sie von Tutor*innen erste Nachrichten über die Party erhalten, sagt der Leiter der Startwoche, Sven Prien-Ribcke. Am Morgen darauf wurde die Leitung über den Risikokontakt informiert. Am frühen Freitagmorgen entschied man im Präsidium, Veranstaltungen in den digitalen Raum zu verlegen. Erst als am Montagmorgen ein negatives Testergebnis des Studierenden vorlag, fiel die Entscheidung: Ab Dienstag durften die Erstsemester wieder auf den Campus.

Uni hat festgelegt, wie in Risikosituationen zu handeln ist

Für die Polizei gehöre diese Art von Einsätzen wie am Donnerstag zum Tagesgeschäft, sagt der Pressesprecher. Es gelte immer eine erste Einschätzung vor Ort und Prüfung der Intensität der Lage. Wenn die Corona-Vorschriften für Treffen im Freien nicht eingehalten werden, müssen Betroffene mit Bußgeldern rechnen, so die Polizei.

Wie aber soll man umgehen mit solchen Ereignissen? Wenn es bloß um Kontakte eines Kontakts zu einem Infizierten geht?

Für die Universität ist klar, dass sie in einem ähnlichen Fall wieder so handeln würde. Solche Situationen lassen sich laut Leuphana-Sprecher Zühlsdorff nie ausschließen. Die Universität habe daher in ihrem Hygienekonzept schon zuvor festgelegt, wie in Risikosituationen zu reagieren sei. Die Entwicklung der Pandemie werde seit März dieses Jahres von zwei Krisenstäben beobachtet und dementsprechende Entscheidungen getroffen.

Es wird auch in diesem Semester ein ständiges Abwägen bleiben: Wie viel Präsenz auf dem Campus ist möglich, wie viel zu gefährlich? Man habe intensiv überlegt, ob man die Präsenz-Veranstaltungen auch am Montag unterbrechen solle, sagt Sven Prien-Ribcke, da „uns die Präsenz sehr am Herzen liegt“.

Die Startwoche ist für die Erstsemester eine wichtige Gelegenheit, neue Freund*innen zu finden. Wenn man von sich nur von Bildschirm zu Bildschirm kennenlernt, ist das kaum möglich.

Und so sind am Ende diejenigen gebeutelt, die sich an alle Corona-Regeln gehalten haben.

Von Anton Burmester, Julia Fehr, Ambra Ihme, Charline Löbbecke und Corinna Manschke