Freitag , 30. Oktober 2020
Am 16. Mai musizierten fünf Schüler des Wilhelm-Raabe-Gymnasiums für Bewohner der Seniorenresidenz Lüneburg. Nur eine von vielen Gesten der Solidarität in der Corona-Krise. Foto: t&w

Interview mit Psychologen: Sozialer Kitt wurde gestärkt und zeigt dennoch Risse

Hygiene-Demos auf der einen Seite, Corona-Partys auf der anderen. Die Sorge lag nahe, dass die Polarisierung der Gesellschaft zu- und das Vertrauen in den Staat abnimmt. Aber eine Studie, an der Sie mitgearbeitet haben, brachte ein anderes Ergebnis…

Dr. Jonas Rees: Die einschneidenden Veränderungen in der Corona-Krise können die Sicht auf staatliche Institutionen und das Erleben des Zusammenhalts verändern. Wir wissen inzwischen, dass eine deutliche Mehrheit der Menschen hierzulande zufrieden ist mit dem staatlichen Krisenmanagement zur Eindämmung der Pandemie. Gleichzeitig steigt in Corona-Zeiten die Zufriedenheit der BürgerInnen mit der Demokratie und auch das Vertrauen der Menschen untereinander.

Streit und Polarisierung gab es in unserer Gesellschaft ja auch schon vor Corona. Die allermeisten sozialen Prozesse, die wir nun beobachten, sind nicht neu. Sie treten aber in der Krise offener zutage, werden anders sichtbar und natürlich auch anders gerahmt als vorher. Dass uns etwa die Einschränkung unserer gewohnten Freiheiten frustriert, ist doch klar. Und Frustration macht Aggression wahrscheinlicher. Bei den Ausschreitungen in Stuttgart und Frankfurt mögen die Einschränkungen durch Corona daher den Rahmen geboten haben. Die Verbindung aus Frustration und Aggression, die Tatsache, dass Hemmschwellen durch Alkohol gesenkt werden – all das wussten wir aber schon lange vor Corona. Auch dass Verschwörungserzählungen für viele Menschen attraktiv sind, ist nicht neu. Wir wissen schon seit einer Weile, dass etwa die Hälfte aller Deutschen grundsätzlich für solche Mythen empfänglich ist. Die Corona-Krise bestimmt nun so sehr unseren Alltag und ist dabei in vielerlei Hinsicht von Unsicherheit geprägt. Das prädestiniert Corona als Bezugspunkt für Verschwörungserzählungen.

Warum sind solche Erzählungen gerade jetzt so beliebt und warum sind sie scheinbar in manchen Regionen weiter verbreitet als andernorts?

Verschwörungserzählungen bieten Menschen vermeintliche Ordnung in chaotischen Zeiten. Die Erzählungen, das Virus hänge mit dem Ausbau des 5G-Netzes zusammen oder sei bloß eine Erfindung, um uns allen Elektrochips einzupflanzen etwa liefern einerseits eindeutige Schuldige. Wenn Bösewichte hinter allem stecken, wird die Situation erträglicher, dann weiß ich immerhin, warum wir in diesem Schlamassel stecken. Solche Erzählungen beinhalten aber auch Verhaltensgebote. Beispielsweise halten sich Menschen, die an solche Corona-Mythen glauben, weniger an Abstandsgebote und Hygieneregeln, und sehen sich oft in der Pflicht, andere über ihre vermeintlichen Erkenntnisse aufzuklären. Wir wissen inzwischen, dass in Regionen mit hohen Infektionszahlen die durchschnittliche Zustimmung zu Corona-Verschwörungserzählungen niedriger ist. Sie halten vermutlich der bitteren Realität nicht stand, wenn im eigenen Umfeld jemand erkrankt.

Ist der soziale Kitt in der Krise gestärkt statt geschwächt worden?

Krisen sind immer ein Gradmesser für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft. Die Corona-Krise zeigt, dass Menschen sich solidarisch verhalten, aufeinander Rücksicht nehmen, die Einkäufe für Angehörige von sogenannten Risikogruppen erledigen oder in der Nachbarschaft zusammenrücken. Wir sehen in der Krise aber auch deutlicher, wo Zerwürfnisse und Risse durch unsere Gesellschaft verlaufen, wem nicht geholfen, wer vergessen wird. Viele ältere Menschen etwa sind während der Krise noch weiter sozial isoliert worden als vorher schon und dadurch dramatisch vereinsamt. Es ist doch außerdem interessant, wie nun teilweise auf die Warnstreiks der Beschäftigten in Kliniken, Kitas und Pflegeheimen reagiert wird, für die vor wenigen Wochen abends noch applaudiert wurde, weil sie „den Laden am Laufen halten“. Ich denke, die Frage ist nicht, ob der Zusammenhalt in der Gesellschaft pauschal gestärkt oder geschwächt wurde, sondern mit wem wir nun stärker zusammenhalten und mit wem nicht.

Während eine lautstarke Gruppe Aluhüte gegen „Gedankenstrahlen“ trägt und Impfungen ablehnt, weil sie die Implantationen von Chips fürchtet, scheint die Mehrheit in der Krise mehr Vertrauen in den Staat zu entwickeln. Müssen die Medien aufpassen, gut organisierten, durch Echokammern verstärkten Minderheiten zu viel Aufmerksamkeit zu widmen?

Es ist eine schwierige Gratwanderung. Natürlich hält sich die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland an die Hygieneregeln. Bei den CoronaleugnerInnen handelt es sich um eine Minderheit. Nur, weil Meinungen besonders lautstark oder vehement vorgetragen werden, sollten sie nicht mehr Aufmerksamkeit erhalten. Andererseits warnen wir aber schon lange vor einer Verharmlosung von Verschwörungserzählungen, insbesondere, weil sie eine Brücke zur Gewalt schlagen: Wenn angeblich mächtige Geheimbünde konspirieren, um die Menschheit zu unterwerfen, dann ist schnell jedes Mittel recht. Wozu das führen kann, haben nicht zuletzt Christchurch, Halle und Hanau gezeigt.

Es steht zu befürchten, dass sich Gewalttäter in Zukunft auch auf Corona-Verschwörungsmythen berufen werden, um ihr Handeln zu rechtfertigen.

Alle drei Attentäter haben sich auch durch Verschwörungserzählungen radikalisiert und ausdrücklich darauf bezogen. Es steht zu befürchten, dass sich Gewalttäter in Zukunft auch auf Corona-Verschwörungsmythen berufen werden, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Spätestens seit dem Versuch am Rande der sogenannten Corona-Demos in Berlin ins Reichstagsgebäude einzudringen, kann auch niemand mehr leugnen, dass solche Veranstaltungen von Rechtsextremen unterwandert und instrumentalisiert werden. Es ist also wichtig, sich mit Verschwörungsmythen auseinander zu setzen und kritisch darüber zu berichten, auch, wenn die Menschen, die daran glauben, einer Minderheit angehören.

Wie schwer wäre es, bei einer zweiten Welle erneut einen Lockdown durchzusetzen?

Wir haben schon in den ersten Wochen der bundesweiten Einschränkungen gesehen, wie die Bereitschaft abnahm, sie einzuhalten. Das hat einerseits damit zu tun, dass das Verständnis für die Hygienemaßnahmen anfangs enorm hoch war. Es konnte also quasi nur abnehmen. Es hat aber natürlich auch damit zu tun, dass Menschen der Einschränkungen überdrüssig werden und sich Normalität wünschen. Und schließlich – auch das wird leider zu oft übersehen – können viele Menschen sich die Einschränkungen auch buchstäblich nicht mehr leisten. Selbstständige beispielsweise, die von heute auf morgen vor den Trümmern ihrer Existenz standen und sich nun mühsam wieder aufgerappelt haben. Ein zweiter Lockdown hätte finanziell und gesellschaftlich dramatische Folgen.

Vor dem Virus sind nicht alle gleich. Minderheiten und Randgruppen sind stärker betroffen. Geraten solche Gruppen, die besonders unter der Krise leiden, aus dem Blick?

Das scheint mir ein unheimlich wichtiger Punkt, über den viel zu wenig gesprochen wird. Gerade zu Beginn der Krise wurden oft die positiven Seiten beschworen und romantisierend davon geschwärmt, dass wir uns nun alle etwas Entschleunigung gönnen, endlich mal die Wohnung aufräumen und den Garten auf Vordermann bringen könnten. Solche Diskussionen werden immer noch zu häufig aus einer privilegierten Perspektive geführt, die es sich leisten kann, die „guten Seiten“ zu sehen. Mit sicherem Job und einem Zuhause, in dem man sich wohlfühlt. Finanziell ruinierte Menschen, die nicht wissen, wie es weitergehen soll oder denen in einer viel zu kleinen Wohnung die Decke auf den Kopf fällt, werden dabei übersehen. Es gibt alarmierende Zahlen zu depressiven Symptomen unter Kindern und Jugendlichen während des Lockdowns. Die Dunkelziffer von Fällen häuslicher Gewalt ist in die Höhe geschossen. Vor dem Virus sind mitnichten alle gleich. Vorher schon bestehende Unterschiede in unserer Gesellschaft werden durch die Krise nur noch größer und wir wären gut damit beraten, auch deren soziale und gesellschaftliche Folgen stärker in den Fokus zu rücken.

International geben die Bürger ihren Regierungen sehr unterschiedliche Noten, was die Bewältigung der Coronakrise angeht. Nach einer Untersuchung der Uni Trier herrscht etwa große Unzufriedenheit in Thailand, Venezuela und Russland. Sehr zufrieden sind dagegen die Menschen in Vietnam, Qatar und Neuseeland. Deutschland rangiert in dieser Rangliste im oberen Mittelfeld. Erfolg scheint das entscheidende Kriterium zu sein, oder?

Ich bin in Ostwestfalen geboren und aufgewachsen. Wenn wir hier gefragt werden, wie es uns geht, antworten wir „Muss ja“ und schimpfen dann normalerweise übers Wetter. Inzwischen schimpfen wir über Corona. Bei aller Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation und den Pannen, die es ja auch gab und noch geben wird, scheint es mir wichtig, nicht zu vergessen, dass wir im internationalen Vergleich bisher gut dastehen. Die Fallzahlen waren in einem handhabbaren Rahmen und das große Chaos, das manche befürchteten, blieb aus. Das ist vor allem ein Verdienst des klugen Krisenmanagements und der weitgehend besonnenen Reaktionen der Menschen. Damit ist es auch ein Erfolg von allen, die die Maßnahmen mitgetragen haben, wenn auch manchmal zähneknirschend.

Zur Person

Der Sozialpsychologe Dr. Jonas Rees arbeitet am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Er studierte in Sussex und Bielefeld. Er forscht zu Vorurteilen, sozialen Bewegungen und Erinnerungskultur in Deutschland. Die Studie zu den Zustimmungswerten der Bürger in der Corona-Krise wurde von Wissenschaftlern der Uni Bielefeld und des DIW Berlin erstellt.

Von Joachim Zießler