Freitag , 30. Oktober 2020
Der Kelch eines Atomendlagers ist an Sumte vorbeigegangen. Der Salzstock unter seiner Oberfläche wurde als nicht geeignet ausgesiebt. Foto: t&w

Darum kommt der Salzstock Sumte nicht als Endlager infrage

Lüneburg. Es war aus Lüneburger Sicht eine der beiden großen Überraschungen der ersten Aussiebungsrunde auf dem Weg zu einem Atomendlager: Nicht nur Gorleben fiel durch das Raster der Geologen, sondern auch der Salzstock unter dem Dorf Sumte in Amt Neuhaus, der bis unter den mecklenburgischen Nachbarort Gülze reicht.

Auf allen von Atomkraftgegnern gezeichneten Karten war Sumte noch als einer der möglichen Endlager-Orte verzeichnet gewesen. In dem östlichen Zipfel des Landkreises Lüneburg befürchtete man seit 1995, schon wegen der geringen Besiedlung attraktiv für ein Endlager zu sein. Denn 1995 war Sumte in der sogenannten „Salzstudie“ zu den vier möglichen niedersächsischen Endlagerstandorten gezählt worden, wurde sogar in der zweithöchsten Eignungsstufe angesiedelt. 25 Jahre später ging der Kelch dagegen schon in der ersten Auswahlrunde an Sumte vorbei. Warum?

Elf Kriterien für die Bewertung

Unter elf Kriterien begutachteten die Geologen der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) seit 2017 die Bundesrepublik. Darunter auch die 91 Quadratkilometer umfassende und maximal 1080 Meter mächtige Salzstruktur „Klein Kühren – Gülze – Sumte“. Acht der elf Kriterien wurden nach dem „Referenzdatensatz Steinsalz“ bewertet, das heißt, weil hier noch keine ortsbezogenen Erkenntnisse vorlagen, wurden aus der Literatur „allgemein anerkannte Erfahrungen“ über das Wirtsgestein zusammengetragen, wie die BGE ihr Verfahren erläutert. Sechs dieser acht Kriterien wurden mit „günstig“ bewertet, zwei mit „nicht günstig“.

Größeres Gewicht erhielten in dieser frühen Phase der Standortsuche die „drei gebietsspezifisch bewerteten Kriterien“, 29also die, die sich auf die konkreten Gegebenheiten vor Ort beziehen.

„Günstig“ lautete das Urteil hinsichtlich der „Konfiguration der Gesteinskörper“ und der „räumlichen Charakterisierbarkeit“ – demnach die Ausdehnung und den Aufbau, um dort ein Endlager zu platzieren. Aber: Das Kriterium „Schutz des einschlusswirksamen Gebirgsbereiches durch das Deckgebirge“ erhielt nur ein „bedingt günstig“. Gründe: Das Deckgebirge über dem Salzstock weist „strukturelle Komplikationen“ auf, die Wassereinbrüche oder sogar das Auflösen von Steinsalz möglich machen.

Nicht zufrieden waren die Geologen auch mit der Überdeckung des Salzstockes mit grundwasserhemmendem Gestein. Diese sei in Sumte von „einer gering mächtigen und möglicherweise lückenhaften Ausprägung“, heißt es in dem Zwischenbericht.

Deckschichten zu dünn und zu löchrig

Und diese Zweifel an dem Deckgebirge wurden stärker gewichtet, weil sich der Sumter Salzstock recht hoch auffaltet – bis auf 420 Meter unter der Oberfläche.

Für geologische Laien: Die Deckschichten über dem Salzstock Sumte wurden als zu dünn und zu löchrig erachtet, um hochradioaktiven Müll für eine Million Jahre sicher von der Oberfläche abzuschirmen.

Bemerkenswert ist, wie bloße Verschiebungen der Betonung innerhalb eines Vierteljahrhunderts zu völlig anderen Bewertungen der Endlagerfähigkeit von Sumte führten.

So hieß es in der Salzstudie von 1995 zum wasserhemmenden Deckgebirge: „Gülze-Sumte weist wahrscheinlich nur lokal Lücken in den tonigen, alttertiären Barriereschichten auf.“

2020 wurden diese zwar als „potenziell grundwasserhemmend“ eingestuft, aber als so dünn, dass „nur eingeschränkt damit zu rechnen“ sei, „dass ein geeigneter einschlusswirksamer Gebirgsbereich gefunden werden kann“.

Rinnen und „Scheitelstörungen“ in dem Deckgebirge wurden zwar auch 1995 festgestellt, das reichte damals aber nicht aus, um Sumte als Alternative für Gorleben auszuschließen. 41 Salzstöcke in Niedersachsen, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg waren damals betrachtet worden. Abschließend wurden damals die Salzstöcke Waddekath, Wahn, Zwischenahn „und mit Vorbehalten Gülze-Sumte“ benannt. „Es wird empfohlen, diese vier Strukturen in die weitere Diskussion einzubeziehen.

2020 dagegen „erfolgt nach Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien die zusammenfassende Bewertung des identifizierten Gebietes mit ‚nicht günstig‘.“

Von Joachim Zießler