Montag , 26. Oktober 2020
Der Kreisel an der Bögelstraße. Foto: Tjade Brinkmann

Stadtbegrünung: Vorteile und Beispiele

Lüneburg/Hamburg. Es ist unübersehbar, das alte Bunkergebäude: 75 Meter lang, 75 Meter breit, 38 Meter hoch. Direkt daneben das Heiligengeistfeld, 20 Hektar Asphalt. Im Sommer heizt sich die Fläche mächtig auf, die Hitze steht. Soweit das Auge blickt: keine naturnahe Begrünung – von ein paar Bäumen und wildem Wein einmal abgesehen.

Das ändert sich gerade – der Flakturm in Hamburg soll begrünt werden. Bis Sommer 2021 soll ein Dachpark entstehen, mit Park-, Garten- und Erholungsflächen, zudem ein umlaufender Balkon mit Platz für großflächige Bepflanzung und hochwachsende Gewächse. Vertikale Beete könnten die Bunkerwände grüner machen.

Das Projekt ist ein Riese, wie der Bunker. Aufwändig, teuer. Allein der Umbau wird wohl zwischen 25 und 30 Millionen Euro kosten, dazu kommt der Unterhalt. Finanziert wird das privat. Insgesamt wollen die Initiatoren eine über 8000 Quadratmeter große Grün- und Gemeinschaftsfläche etablieren. Ein ambitionierteres Projekt gibt es derzeit wohl kaum in Deutschland.

Neue Natur schaffen und Stadtklima verbessern

Eines der Ziele: neue Natur für Hamburg schaffen und das Stadtklima verbessern. Der Bunker soll ein Ort der Ruhe, Erholung und Besinnung werden.

Grün in der Stadt hat viele Vorteile. Erhöhte Luftqualität, besseres Mikroklima, Lärmschutz, Windschutz, mehr Biodiversität, CO₂-Bindung, Wasserspeicherung, schöneres Aussehen, die Liste ist lang. Trotzdem wirken viele Städte grau.

Doch in vielen Städten hat ein Umdenken eingesetzt, in Hamburg, und auch in Lüneburg.

Beispiel Hamburg: Bereits 2014 hat die Stadt als erste deutsche Großstadt eine umfassende Gründachstrategie ins Leben gerufen. Der Senat hat dafür drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Seit Juni wird sie durch die Förderung von Fassadenbegrünung ergänzt. Mit der Strategie sollen 70 Prozent der Neubauten begrünt werden, die Fläche von begrünten Dächern um etwa 100 Hektar ansteigen. Das ist mehr als die vierfache Fläche des Lüneburger Kurparks.

Stadtgrün hat nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch praktische: Die Pflanzen schützen Wände und Dächer vor Belastungen durch Wärme, Kälte, Sonnenstrahlen und Niederschlag. Dächer mit Begrünung halten in der Regel doppelt so lange wie konventionelle Flachdächer. Sie sorgen für ein besseres Gebäudeklima und wirken wärmeregulierend.

Auch in Lüneburg wird über Stadtbegrünung nachgedacht

Längst wird auch in Lüneburg über eine grünere Stadt nachgedacht. Stadtverwaltung, Fachbereich 7: Straßen- und Grünplanung. Uta Hesebeck, Bauingenieurin und Leiterin des Bereichs, ist für Begrünungsprojekte in Lüneburg zuständig. An Ideen mangele es nicht, sagt sie, doch auch kleine Stadtbegrünungsprojekte müssen betreut werden. Manchmal würden gerade sie mehr Aufmerksamkeit benötigen als große.

Die Ideen in Lüneburg sind vielfältig. Auch in Lüneburg gibt es eine Förderung für die Begrünung von Dach- und Fassadenflächen, pro Jahr steht ein Budget von 30 000 Euro zur Verfügung.

Zudem werden Verkehrsinseln entsiegelt, Wildblumen gepflanzt, Blühstreifen entlang von Fahrradwegen angelegt. Auf Dauer sollen auch Bushaltestellen und Fahrraduntersteller begrünt werden. Grünflächen werden mittlerweile seltener gemäht, so können dort Wildblumen wachsen – gut für die Insekten.

Im Sommer legte der Bund ein weiteres Förderprogramm auf: „Modellprojekte zur Klimaanpassung und Modernisierung in urbanen Räumen“. Der Bund übernimmt bei den Projekten 90 Prozent der Finanzierung, nur zehn Prozent muss die Kommune tragen. Die Grünplanung hat eine Reihe an Projekten im Blick: etwa die Entsiegelung von nicht mehr benötigten Stellplätzen auf dem Kreideberg oder von nicht mehr nutzungspflichtigen Radwegen. Der ehemalige Hockeyplatz am Heidkamp könnte in einen „Pocket Park“ umgewandelt werden, Bäume als Schattenspender auf Spielplätzen gepflanzt werden. Noch steht die Förderzusage aus, doch Hesebeck ist zuversichtlich: „Wir haben eine ganze Menge vor.“

Hintergrund

Warum grün gut tut

Natur hat eine heilende, entspannende Wirkung auf uns. Wieso eigentlich? Wissenschaftler kennen mehrere Gründe: Wer im Grünen unterwegs ist, bewegt sich meist und schaut seltener auf sein Smartphone. Eine weitere Erklärung bietet die sogenannte „Arousal Theory“, die sich mit Umgebungsreizen beschäftigt. In Städten sind wir besonders vielen Reizen ausgesetzt: hupende Autos, hohe Gebäude, Werbedisplays und schnelle Bewegungen. Das kann Stress auslösen. Grünflächen bieten das richtige Level an Reizen und das perfekte Verhältnis zwischen Ordnung und Chaos, erklärt Friedericke Kuhn vom Institut für experimentelle Wirtschaftspsychologie der Leuphana. Ein Wald hat demnach nahezu therapeutische Wirkung auf uns: Das Vogelgezwitscher ertönt gleichmäßig; man sieht den Weg, weiß aber nicht, was sich hinter der nächsten Kurve verbirgt. Im Gegensatz zur Eintönigkeit einer Wüste wird einem so nicht langweilig. Maxine Schröder

Von Tjade Brinkmann