Mittwoch , 21. Oktober 2020
Daniel Mellem stellt seinen ersten Roman „Die Erfindung des Countdowns“ vor. Foto: t&w

Hamburger Autor Daniel Mellem: „Die Erfindung des Countdowns“

Lüneburg. Mit seiner ersten abendfüllenden Arbeit über mitochondriale Netzwerke, was immer das ist, schrieb sich Daniel Mellem zum Doktor der Physik. Mellems tiefere Leidenschaft gehört allerdings der Literatur. Das eine schließt das andere nicht aus: Mellems erster Roman führt in die Welt der Physik, zum Raketenpionier Hermann Oberth, einer extrem schillernden Figur der Zeitgeschichte. Bei Lünebuch las der Hamburger Schriftsteller jetzt aus seinem noch druckfrischen Buch, das den wunderbaren Titel „Die Erfindung des Countdowns“ trägt.

Kompromissloser Forscher, der verspottet wird

Oberth (1894-1989) ist zunächst mal ein Fall für Kenner, einer, der vorneweg dachte, aber hintanstand. Als „Leitstern meines Lebens“ bezeichnete der weit prominentere Raketenmann Wernher von Braun den visionären Forscher aus Siebenbürgen. Für Mellem ist Oberth spannend, weil er die Geschichte eines Utopisten erzählen kann, der die Erfüllung seiner Utopie erlebt.

Mellem, 1987 geboren, fächert das Leben eines Manns auf, der fanatisch, besserwisserisch und kompromisslos seinem Forscherdrang folgt, und der sicher das Gute will, aber doch das Böse befeuert. Angestachelt vom Lesen des Jules-Verne-Klassikers „Reise um den Mond“ ist Oberth schon als Kind fasziniert von dem Gedanken, eine Rakete zu erfinden. Seine im Laufe der Jahrzehnte immer detaillierter ausgearbeiteten Ideen werden aber verspottet, weggelächelt und beiseite gewischt, seine fertige Dissertation wird abgelehnt. Oberths Geschichte ist die eines dauernden Scheiterns, immer neuen Anlaufens und Weitermachens. Sein Wissen aber wird denn doch genutzt, und Oberth verstrickt sich wie von Braun in die NS-Zeit und den Bau von Raketen als mörderische Waffen.

Familiengeschichte als zweiten roten Faden

„Man muss den Fakt kennen, um die Fiktion zu entwerfen“, sagt Mellem. Er webt neben den Stationen, die den Forscher von Siebenbürgen bis in die USA treiben, die Familiengeschichte als zweiten roten Faden in den Roman. Oberth ist vierfacher Vater, aber seiner Frau und seinen Kindern steht er, wie Mellem ihn schildert, unbeholfen und sprachlos gegenüber. Hermann liebt seine Familie, aber gibt ihr kaum Raum. Erstaunlich, wie seine Frau zu ihm steht.

Der Gefahr aller biographischen Romane und Filme kann Mellem nicht entkommen. Sie prägen das Bild eines Menschen ins Gedächtnis, obwohl sie doch nur einen zudem subjektiv geschilderten Teil ausbreiten können. Mellem wahrt in seinem sorgfältig komponierten Buch aber wohltuend Distanz zu Hermann Oberth, auch wenn er seinen Roman aus dessen Perspektive vorantreibt. Und zwangsläufig sind bei dem schlank angelegten Roman Auslassungen unvermeidlich, zu übermächtig sind Wucht und Erschütterung, die Oberth mit zwei Weltkriegen, mit Weimarer Republik, Deutschem Reich und Nachkriegszeit durchlebt.

Auf den Raketenforscher stieß Mellem, als er sich mit Fritz Langs Film „Die Frau im Mond“ (1929) befasste. Fritz Lang hatte damals Oberth als Berater engagiert. Aus dem Film stamme, erzählt Mellem, auch die Erfindung des Countdowns, der es in die reale Welt geschafft hat. Passend laufen bei Daniel Mellem die Kapitel rückwärts, und am etwas rührseligen Ende sitzen Hermann und Tilla Oberth auf der Tribüne beim Countdown, der Saturn V zum Mond schießt.

Von Hans-Martin Koch