Mittwoch , 28. Oktober 2020
Manche Senioren fühlen sich durch die Corona-Krise sozial isoliert und finden alleine keinen Weg aus der Einsamkeit. Symbolfoto: djd-mk/Dr. Reisach Kliniken/GettyImages

Depressionen und Ängste: Wenn das Virus die Psyche angreift

Lüneburg. Es ist eine erschreckende Beobachtung, die Dr. Katharina Knüpling, leitende Ärztin der Abteilung für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL), in den letzten Monaten gemacht hat. „Es häufen sich Fälle von schweren Krisen, Depressionen und aggressiven Suizidversuchen – vor allem bei Menschen im hohen Alter“, sagt sie. Zwar sei es zu früh für eine statistische Erhebung, doch erste Eindrücke zeigten: „Bei den meisten hing das mit dem Lockdown und dem Coronavirus zusammen.“

Der Wegfall von Kontakten, einer festen Tagesstruktur und regelmäßigen Betreuungsangeboten, aber auch die schiere Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus und der Ungewissheit, wie lang diese Situation noch anhält – all das treibe viele Senioren derzeit in die Verzweiflung. „Und das betrifft nicht nur Menschen, die schon vorher mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen hatten“, betont Dr. Knüpling. Jeden könne in dieser ungewissen Zeit eine schwere Depression oder unkontrollierbare Angst heimsuchen.

Angst vor dem Virus lässt ihn nicht mehr schlafen

So erging es auch Klaus Maler*. Der 65-Jährige ist eigentlich topfit, noch nie hatte er in seinem Leben ernsthafte gesundheitliche Probleme – doch Mitte Mai stieg sein Blutdruck enorm an, seitdem kann er nicht mehr schlafen. Seit zweieinhalb Wochen ist er deshalb in stationärer Behandlung in der PKL. Denn seine Ärzte und seine Frau vermuten, dass ihn vor allem die Angst vor dem Virus nicht mehr schlafen lässt.

Maler selbst hat für diese Einsicht etwas länger gebraucht. „Das sind hauptsächlich Nebenwirkungen des Medikaments gegen Bluthochdruck“, meint er auch jetzt noch. Doch auch er habe bemerkt, dass die Pandemie etwas in ihm ausgelöst hat. „Ich hatte Angst“, räumt er ein. „All diese Nachrichten, diese verschiedenen Meinungen, das alles hat mich verunsichert. Ich wusste nicht mehr, was ich tun und glauben soll.“

Maler begann, alles zu desinfizieren, „was man desinfizieren kann“. Die Autoschlüssel, jede Türklinke im Haus, Oberflächen, einfach alles. „Ja, vielleicht habe ich übertrieben aufgepasst. Das Thema hat mich beherrscht. Das war 24 Stunden am Tag präsent. Vor allem die ersten ein bis zwei Monate, die waren extrem“, erzählt Maler rückblickend. Deshalb sei ihm klar gewesen, dass er sich professionelle Hilfe holen musste.

Nun habe die Angst vor dem Virus etwas nachgelassen, aber der Schlaf, der bleibe immer noch aus. Malers Ärztin versucht zu erklären: „Diese unbewussten Ängste, die die Zeit der Pandemie in Maler ausgelöst hat, sind keine Seltenheit. Wir beobachten das bei vielen Patienten. Die einen reagieren auf diesen Kontrollverlust mit Verschwörungstheorien, die anderen entwickeln Ängste und psychische Probleme wie etwa Schlafstörungen.“

Seelische Schwäche passt nicht zum klassischen Rollenbild

Auch, dass es Maler immer noch schwer fällt, seine Schlafstörungen auf eine psychische Ursache zurückzuführen, wundert die Ärzte nicht. Dr. Knüpling erklärt: „Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind vor allem bei älteren Männern häufig schwerer zu erkennen, das klassische Rollenbild leistet dabei seinen Teil. Eine seelische Schwäche passt für viele Männer nicht in ihr Bild. Sie wollen unverwundbar sein, leben nach dem Motto ,Ein Indianer kennt keinen Schmerz‘. Sie gestehen sich eine psychische Krankheit oftmals nicht ein.“ Außerdem schämten sich viele ältere Leute für eine seelische Erkrankung.

Das liege nicht zuletzt an der Historie: „Viele ältere Menschen wurden während des Zweiten Weltkrieges beziehungsweise in der Nazi-Zeit traumatisiert. Sie haben gelernt, Schmerzen und Probleme gedeckelt zu halten. Doch wenn die Kräfte im Alter nachlassen, ist das schwer auszuhalten.“ Zudem galten psychisch kranke Menschen in Zeiten des Zweiten Weltkrieges als „nicht lebenswert“. „Das alles kann dazu führen, dass sich Senioren keine Hilfe holen, sondern den einzigen Ausweg im Suizid sehen“, sagt Dr. Knüpling. Und genau das gilt es, gerade in Zeiten einer Pandemie, zu verhindern.

Auch Maler sind diese Gedanken nicht fremd. „Die meisten würden den Schritt in die psychiatrische Behandlung erst gehen, wenn nichts mehr geht. Man scheut sich vor Fragen der Nachbarn, man denkt: ‚Was würden die wohl sagen, wenn ich in der Klapse oder Irrenanstalt, wie das ja gemeinhin noch genannt wird, lande?‘.“

Institutsambulanz der PKL ist die richtige Anlaufstelle 

Doch der 65-Jährige hat sich von diesen Vorurteilen losmachen können – auch, weil er wusste, dass ihm nur so geholfen werden konnte. „Ich habe nicht dieses Klischeedenken. Ich schäme mich nicht dafür, dass ich in psychiatrischer Behandlung bin, und ich finde, das sollte auch keiner tun. So etwas kann jeden treffen“, sagt er und fügt hinzu: „Das hier ist ein Krankenhaus wie jedes andere, mit Fachärzten, wie es sie auch in anderen Gebieten gibt. Da muss man keine Scheu an den Tag legen.“

Dr. Knüpling weiß, dass es nicht einfach ist, einen Termin bei einem ansässigen Psychiater oder Psychologen zu bekommen. Sie weist deshalb darauf hin: „Die Institutsambulanz der PKL ist hier in Lüneburg die richtige Anlaufstelle. Dort bekommt man immer Hilfe, und wenn die Not groß ist, können wir sicherstellen, dass zeitnah ein Gespräch stattfindet.“

Für Dr. Knüpling ist es wichtig, dass auch Angehörige sich für dieses Thema sensibilisieren und informieren. „Wir machen für jeden Patienten ein individuelles Behandlungsangebot. Häufig kommt auch eine tagesklinische Behandlung in Betracht, um die Betroffenen so wenig wie möglich aus ihrem Alltag zu reißen.“

*Name von der Redaktion geändert

von Lilly von Consbruch