Freitag , 30. Oktober 2020
Eingekuschelt wie im Fell der Mutter werden die Jungtiere von Susanne Bütow gefüttert. Foto: privat

Eine Lüneburgerin pflegt verwaiste Kängurus

Lüneburg/Tasmanien. Sie ist Mutter und mehrfache Großmutter. Mit gerade mal 35. Und sie geht voll auf in ihrer Rolle, die längst zur Rolle ihres Lebens geworden ist. Wenn sie über ihre Familie erzählt, gerät sie unweigerlich ins Schwärmen, plaudert mit ansteckendem Enthusiasmus über Erlebnisse mit ihren Kleinen, die so niedlich sind, dass sich kaum jemand ihrem Charme entziehen kann. Susanne Bütows Familie – das sind kleine Kängurus. Wallabys heißt die Art, um die sich die ehemalige Lüneburgerin seit 2013 in ihrer neuen Heimat in Australien kümmert. In Tasmanien zieht sie verwaiste Beuteltierbabys auf. Jetzt hat sie darüber ein Buch veröffentlicht.

Zum Surfen nach Australien

Vor sechs Jahren hatte die LZ schon einmal über die Auswanderin geschrieben. Damals berichtete sie von ihrem Start in Down Under, wohin es sie nach ihrer Ausbildung bei der Lüneburg Marketing GmbH verschlagen hatte. „Hauptsächlich des Surfens wegen“ hatte sie es damals auf die andere Seite der Erdkugel verschlagen, verriet sie. Doch es waren nicht die süßen Surfer, sondern die süßen kleinen Hüpfer, die ihr Herz eroberten. „Ich habe mich sofort in diese kleinen Knopfaugen verliebt.“ Und so waren die Tiere nicht unmaßgeblich Schuld daran, dass es sie dauerhaft in den südlichsten Bundesstaat Australiens zog. „Lüneburg vermisse ich hin und wieder schon ein wenig“, gesteht sie im Gespräch mit der LZ, „aber mein Lebensmittelpunkt ist jetzt hier. Und das möchte ich auch auf keinen Fall mehr eintauschen.“

Die Natur dort sei atemberaubend, die Strände oft menschenleer, die Wellen zum Surfen ideal und der Tierreichtum für sie als Deutsche ungeahnt vielfältig. Dort betreibt Susanne Bütow, deren Eltern in Amelinghausen leben, seither eine Aufzuchtstation für Wallabybabys, die ihre Mutter verloren haben und die ohne ihre Hilfe nicht überleben würden. Später berichteten auch die Frauenzeitschriften „Bild der Frau“ und „Lea“ über die Lüneburgerin im Exil.

Das Buch hat rund 60 Seiten

So ganz genau weiß sie es selbst nicht, doch irgendwie und irgendwann muss wohl eine Lektorin mal im Internet auf den LZ-Bericht gestoßen sein. Vor etwa einem Jahr habe die dann bei ihr angefragt, ob sie sich vorstellen könne, ein Buch über ihre Arbeit und die Erlebnisse mit den tierischen Waisenkindern zu schreiben. Sie konnte – und schrieb los. Ein Jahr später liegt nun das Ergebnis vor: ein kleines, gut 60 Seiten umfassendes Büchlein mit dem Titel „Spring einfach mitten rein“, angereichert mit zahlreichen Fotos der knopfäugigen Tierbabys. „Ich hatte das Glück, dass mein Partner ein sehr guter Hobbyfotograf ist“, erzählt sie. „Er hilft mir auch bei der Aufzucht so gut es geht, springt ein, wenn ich arbeiten muss oder mal verhindert bin, hat als begabter Handwerker auch die Außengehege gebaut.“

Meist werde von einer Tierorganisation angerufen, wenn es mal wieder einen Unfall gab, bei dem ein Wallaby überfahren wurde, aber das Junge im Beutel überlebt hat. Denn die Tiere sind überwiegend nachtaktiv und werden in der Dunkelheit oft nicht oder zu spät von Autofahrern gesehen. „Gerade jetzt, wir haben ja Frühling, gibt es hier besonders viele solcher Unfälle.“ Sie sehe immer wieder auch selbst tote Tiere auf der Straße. „Ich laufe dann wie ein aufgescheuchtes Huhn mitten auf die Straße und kontrolliere, ob es sich um ein Weibchen oder Männchen handelt. Im Beutel der Weibchen stecken nämlich häufig Wallaby Joeys – so nennt man die Babys, die den Unfall überlebt haben“, berichtet sie. Und ohne die Mama, deren Milch und deren Wärme haben sie keine Überlebenschance. Also wird Susanne Bütow zu ihrer Ersatzmama.

Fast rund um die Uhr kümmert sie sich dann um die Wallabywaisen. Ständig Fläschchen vorbereiten, Gras pflücken und füttern, wärmen, den Darm stimulieren, damit sie ihr Geschäft machen können – das alles auch nachts und für bis zu vier Tiere parallel. „Und manchmal haben wir auch noch kleine Wombats.“ Was nach purem Stress klingt, ist für sie dennoch auch ein Glücksfall. „Das ist einfach total schön.“ Dankbar sei sie, dass sie einen Job hat, der dieses Engagement überhaupt zulässt: „Wir bieten Bootstouren für Touristen an, die sind so getaktet, dass wir nur so lange draußen sind, dass die Wallabybabys alle drei bis vier Stunden ihre Flasche bekommen“, schildert sie.

Mit 14 Monaten in die Freiheit

Auf mehrere Schultern verteilen ließe sich die Mutterrolle eh schlecht. Susanne Bütow verdeutlicht: „Wallabys sind total feinfühlig, jede noch so kleine Ursache kann bei ihnen Angst auslösen. Sie sind deutlich gestresster als domestizierte Tiere.“ Also hänge das Leben der Winzlinge ganz von ihr ab. Es dauert Monate, bis ein kleiner Joey den ersten Schritt auf den Weg in die freie Wildnis zurücklegen kann. In den großen Außengehegen auf dem neun Hektar großen Waldgrundstück machen sie ihre ersten Sprünge. Im Alter von zehn bis 14 Monaten werden sie dann in die Freiheit entlassen. Doch viele kommen immer mal wieder gern auf einen Besuch vorbei, denn zu ihrer Ziehmutter haben sie auch nach dem Auszug ein besonderes Verhältnis, das werde bei jeder Begegnung deutlich.

Von all dem ist nun in ihrem Buch nachzulesen. „Ich wollte darstellen, wie einzigartig diese Tiere sind und was wir als Menschen von ihnen lernen können“, nennt sie ihre Motivation. Auch darum trägt der Bildband den Zusatz „Die Weisheit der Kängurus“. Bleibt nur noch die Frage, ob die Leihmutter der Wallabys sich nicht auch eigene Kinder wünscht. Susanne Bütow lacht: „Dafür habe ich gar keine Zeit“

Das Buch „Spring einfach mitten rein“ ist bei Bastei Lübbe erschienen, es kostet 12 Euro.

Von Alexander Hempelmann