Freitag , 30. Oktober 2020
Oberbürgermeister Ulrich Mädge äußert sich im Interview zum Grüngürtel West. Foto: A/t&w

„Die Verhinderungstaktik von Teilen der Politik finde ich schwer erträglich“

Lüneburg. Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass auch bei der Stadtentwicklung scheinbar Stillstand eingekehrt war. Scheinbar, weil bei Ausschüssen und Veranstaltungen nur sehr begrenzt Bürger zugelassen waren. Doch die jüngste Bürgerversammlung im Kulturforum zum geplanten Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg zeigt, die Planungen gehen weiter. Diese sowie andere tangieren aus Sicht von Kritikern den Grüngürtel West. Sie fordern: Finger weg, Schluss mit den Planungen. Die LZ sprach mit Oberbürgermeister Ulrich Mädge.

Herr Mädge, der Aufstellungsbeschluss für den „Digital-Campus“ ist knapp zwei Jahre alt. Die damit verbundenen Wohn- und Gewerbegebiete würden den Grüngürtel West tangieren. Halten Sie und die Verwaltung an den Planungen fest?

Ulrich Mädge: Ja natürlich. Die Corona-Krise hat doch noch deutlicher gemacht, dass es wichtig ist, Wohnen und Arbeiten zusammenzubringen. Wir wollen Gewerberäume schaffen für Startup-Unternehmen, dazu Wohnraum in nächster Nähe. Entsprechende Projekte werden unter anderem auch in Braunschweig, Buxtehude sowie in der Nähe des Hamburger Volks-parkstadions forciert. Dort soll das Quartier Science City Bahrenfeld entstehen, in dem neben wissenschaftlichen Instituten und Einrichtungen auch rund 2500 Wohnungen vorgesehen sind. Der in Lüneburg geplante Digital-Campus möchte auch Ort sein für zukunftsträchtige nachhaltige, digitale Gründungen. Den Auftrag dafür haben wir mehrheitlich von der Politik bekommen.

Braucht es diesen Digital-Campus wirklich? In den vergangenen Monaten hat Homeoffice noch einmal einen großen Schub bekommen.

Homeoffice ist doch nur ein kleiner Baustein der Digitalisierung. Für Startup-Unternehmen, die in Kooperation mit der Universität zusammenarbeiten, braucht es Räume, wo gemeinsam entwickelt wird. Unser Digital-Campus ist ein Ansatz zu den bestehenden Gebäuden auf dem ehemaligen Uni-Standort Volgershall.

Aber das Projekt würde den Grüngürtel tangieren. Das kritisieren Bürger und Umweltverbände weiter, nachdem die Politik Ende 2018 dem Aufstellungsbeschluss mehrheitlich zugestimmt hat.

Über den Bebauungsplan „Digital-Campus/Grüngürtel West“ wollen wir den Grüngürtel sichern. Größtenteils handelt es sich um Ackerflächen, die man nicht unter Natur- oder Landschaftsschutz stellen kann. Deshalb wollen wir sie aufwerten, indem wir Ersatz- und Ausgleichsflächen drauflegen und diese im B-Plan festsetzen. So können wir den Grüngürtel zum Beispiel in Höhe von Reppenstedt und dem geplanten Digital-Campus mit 330 bis 580 Breite sichern. Wir haben inzwischen Kartierungen beauftragt und eine Ersteinschätzung zum Klima.

Darüber hinaus stehen wir in Verhandlungen über einen städtebaulichen Vertrag mit der NLG, der überwiegend die Flächen gehören. Wenn wir soweit sind, stellen wir das natürlich alles im Bauausschuss vor. Außerdem sind wir im ständigen Gespräch mit der Gemeinde Reppenstedt. Diese hat gerade zugesagt, dass die „Nase“ – Reppenstedter Flächen, die in den Grünzug hineinragen – nicht bebaut wird. Das werden wir in einer Vereinbarung festhalten wie auch, dass wir uns am Bau eines Kreisels sowie dem Radwegeausbau abseits der Hauptstraße nach Reppenstedt beteiligen.

Kritiker verweisen immer wieder auf den Ratsbeschluss von 2014, der auf Antrag der damaligen rot-grünen Mehrheitsgruppe erfolgte. Darin heißt es: Der Landschaftsraum im Westen von Lüneburg zwischen den Gemeinden Reppenstedt, Vögelsen, Heiligenthal und der Wohnbebauung der Stadt wird planerisch für den Natur- und Landschaftsschutz und Naherholung gesichert. Damit sind doch die Grenzen klar definiert, oder?

Es war ein Grundsatzbeschluss des Rates, ohne die Fläche des Grüngürtels präzise festzulegen. Das soll nun durch den Bebauungsplan erfolgen. In Höhe des geplanten Bebauungsgebietes Wienebütteler Weg wird die Grenze des Grüngürtels durch die Hochspannungsleitung festgelegt – wie ich das jüngst auf der Bürgerversammlung erläutert habe.

Aber in dem Beschluss von 2014 heißt es „freihalten bis zur Wohnbebauung der Stadt“, danach müsste der Grüngürtel doch auch das Areal bis zur Wohnbebauung am Brockwinkler Weg einschließen?

Nein. Die Stadt hat die Flächen in der 1970er-Jahren vom Land gekauft als Stadtentwicklungsfläche für Wohnbebauung. In den 1980er-Jahren wollte ein privater Investor diese von uns erwerben, um dort eine Reha-Klinik zu bauen. Doch es kam nicht dazu, weil er in Insolvenz ging. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Politik immer wieder mit Beschluss festgehalten, wo welche Flächen künftig entwickelt werden sollen. Die Fläche Am Wienebütteler Weg war immer wieder Thema. Allerdings kam 1996 das Landschaftsgutachten zu dem Ergebnis, dass vom Weißen Berge aus (Nähe Krähornsberg) Kaltluftströme kommen, die zur Belüftung der Innenstadt wichtig sind. Deshalb haben wir für das geplante Neubaugebiet ein Teilklimagutachten von der Firma Geo-Net erstellen lassen. Die Erkenntnisse daraus sind Grundlage für die Bebauung, wie das Herr Trute bei der Bürgerversammlung noch einmal erklärt hat.

Die Bedenken von Anwohnern sowie Initiativen sind dennoch groß.

Lüneburg hat einen großen Bedarf an Wohnungen, vor allem an bezahlbaren. 2015 hat der Rat mehrheitlich ein Wohnungsbauprogramm beschlossen, das die Neubaugebiete fixiert. Am Wienebütteler Weg gehört dazu. Dort sollen mehr als 40 Prozent geförderter Wohnungsbau entstehen. Die Verhinderungstaktik von Teilen der Politik finde ich schwer erträglich und nicht nachvollziehbar. Gerade die Grünen blicken gerne nach Freiburg. Dort soll im Westen der Stadt ein neuer Stadtteil mit knapp 7000 vor allem bezahlbaren Wohnungen entstehen, dazu Schulen, Kitas und Märkte. Im Rahmen eines Bürgerentscheids haben mehr als 60 Prozent der Freiburger für eines der bundesweit größten Wohnneubauprojekte gestimmt. Ich kann nicht vor dem Lüneburger Rathaus fordern „wir haben Platz“, wenn es um die zusätzliche Aufnahme von Flüchtlingen geht und wenn es um die Schaffung von dringend notwendigem Wohnraum geht sagen: Nein, so habe ich das nicht gemeint. Container reichen aus.

Bei dem geplanten Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg prognostiziert das von der Stadt in Auftrag gegebene Verkehrsgutachten 1500 zusätzliche Verkehrsbewegungen. Sehen Sie nicht auch die Gefahr, dass diese Autokolonnen aus dem Westen zum Verkehrskollaps führen?

Es gibt viele Studien, die den Umstieg aufs Rad belegen. Wir wollen das forcieren durch optimierte Radwegeverbindungen sowie eine gute Anbindung an den ÖPNV. Natürlich kann man immer alles negieren, aber das hilft keinem, der dringend eine Wohnung sucht.