Mittwoch , 21. Oktober 2020
Fourozan Asgari (links) und Zakia Kraim packen an der Abfüllung Desinfektionsmittel in Kartons. Foto: Michael Behns

Das Virus als Umsatzturbo

Lüneburg. Wenn der Summer die Tür zur Firma AFP öffnet, steigt einem der Geruch von Desinfektionsmitteln in die Nase. Das ist in Zeiten der Seuche noch kein Alleinstellungsmerkmal. Eher schon, dass die antiseptischen Schwaden bei der Lüneburger Firma nicht wie bei vielen anderen verknüpft werden mit wirtschaftlichen Problemen. Sondern mit dem Geräusch klingender Kassen.

Die AFP Antiseptica Forschungs- und Produktionsgesellschaft mbH füllt flüssige Desinfektionsmittel ab – vom Fläschchen für die Hände bis zum 1000-Liter-Tank zum Desinfizieren von Ställen. Das Geschäft brummt. Die Firma stellt schneller Mitarbeiter ein, als die Website aktualisiert werden kann. Erweiterungsflächen werden gesucht. „Wir sind an der Belastungsgrenze“, sagt Gero Dannat, der Technische Geschäftsführer.

Und das liegt nicht nur daran, dass Viren den Absatzmarkt für die AFP vergrößern. Schon vor der Afrikanischen Schweinepest und Corona schrieb die Firma im Lüneburger Hafen eine Erfolgsgeschichte. Vor 35 Jahren von Dr. Walter Hahn gegründet, startete sie ihre Produktion mit fünf Mitarbeitern. Den Wiener Chemiker führte die Liebe zu seiner Frau aus Salzhausen in die Salzstadt. Seine Firma wuchs stetig. „Und das nur aufgrund von Kundenempfehlungen“, betont Dieter Herrmann, der Kaufmännische Geschäftsführer. Aktuell arbeiten 125 Menschen zwischen gigantischen Edelstahltanks voll Natronlauge, Hochregalen mit blauen Plastikfässern und Reinräumen der Klasse D, in denen Reinigungmittel unter genau den Bedingungen hergestellt werden wie sonst Tabletten.

Vom Edelstahltank in die Abfüllstraße

„Wir sind ein stark reguliertes Unternehmen“, sagt Herrmann und öffnet zum Beleg einen Raum mit tausenden kleinen Fläschchen. Darin: Proben der von AFP im Auftrag von anderen Unternehmen abgefüllten Desinfektionsmittel. „Beschwert sich etwa ein Kunde über Citrusduft in seiner Charge, können wir so nachweisen, dass der nicht bei uns zugegeben wurde – der Fehler also beim Umfüllen des Kunden passiert sein muss“, erläutert Herrmann.

In einem zehntausende Liter fassenden Edelstahltank wird gereinigtes, also entmineralisiertes Wasser mit UV-Licht bestrahlt, damit es absolut keimfrei ist. Wird eine Abfüllstraße auf einen anderen Kunden umgestellt, wird alles peinlichst genau gespült, damit sich niemand über den blauen Farbstoff des Konkurrenten in seinem eigenen, eigentlich klaren Handdesinfektionsmittel ärgern muss.

AFP verkauft keine eigenen Produkte, Lüneburger, die im Hafen wegen einer Familienpackung Handdesinfektionsmittel vorstellig werden, würden leer ausgehen. „Wir dürfen sie nicht weitergeben, nicht mal an unsere eigenen Mitarbeiter.“

Die Pandemie habe das Unternehmen, das schon vor Corona gut ausgelastet war, nach Angaben seiner Geschäftsführer an seine „Kapazitätsgrenzen“ geführt. Mittlerweile gibt es an den vier Abfüllstraßen an sechs Tagen Nachtschichten, auch am Wochenende wird gearbeitet. 30 Prozent mehr Waren werden auf Lkws verladen. Eine neue Abfüllstraße hat bereits ihren Testlauf mit Wasser absolviert. Im ersten Quartal 2021 soll sie an den Start gehen. Um sie aufzustellen, musste eine Mauer durchbrochen werden. Herrmann zuckt die Achseln: „Wir sind ein historisch gewachsenes Unternehmen. Auch räumlich stoßen wir an Grenzen.“ Schon hat die AFP ein 4500 Quadratmeter großes Grundstück in der Nähe gekauft, hofft aber noch auf ein weiteres, größeres. „Wir müssen in den nächsten zwei bis fünf Jahren erweitern“, sagt Herrmann.

Freigegeben sind sieben WHO-Standardrezepturen

In der Coronakrise hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz sieben WHO-Standardrezepturen befristet bis April 2021 für neue Produzenten freigegeben. „Es tummeln sich im Moment die unterschiedlichsten Anbieter auf dem Markt“, sagt Herrmann.

Für die Zukunft sei ihr Unternehmen gut aufgestellt, meinen die Geschäftsführer. Die Qualität der Fertigung und das über Jahrzehnte erworbene Vertrauen ihrer Kunden ließen sich nicht ad hoc aufholen.

Trotz der Mehrarbeit in der Pandemie sei „die Motivation des tollen Teams sehr hoch“, lobt Herrmann. Selbst, wer mit dem Gabelstapler im Hochregallager kurvt, steht im Kampf gegen das Virus. Und der soll „den Mitarbeitern auch honoriert werden“. Alle beteiligten Mitarbeiter erhalten einen Corona-Sonderzuschlag. Und nächstes Jahr winken wegen des erfolgreichen Jahres höhere Tantiemen.

Von Joachim Zießler