Mittwoch , 28. Oktober 2020
Bernadette und Joachim Gottschalk bei einer Protestaktion am 26. April 2018 vor dem Lüneburger Rathaus. Foto: t&w

„Wir lassen nicht locker“

Lüneburg. Der Streit über die Erinnerungskultur der Stadt Lüneburg überdauert sogar die jüngste, vor Gericht erzielte Einigkeit. Holocaust-Überlebende und Nachfahren von Opfern hatten auf die Verhüllung des Denkmals für die 110. Infanterie-Division am Graalwall geklagt. Vor dem Verwaltungsgericht einigten sie sich Mitte September mit der Stadt Lüneburg, dass die Infotafel am Mahnmal um einen Halbsatz ergänzt werde, der die Beteiligung der Einheit am Holocaust benennt (LZ berichtete).

Nach dem Prozess hatten sich Bernadette Gottschalk – ihre Mutter Hedwig Hedi Frankl überlebte den Völkermord an den europäischen Juden in einem Arbeitslager bei Wien – und ihr Mann Joachim noch zufrieden gezeigt. Drei Wochen später schickten sie ein 88 Seiten starkes Schreiben an Oberstaatsanwalt Thomas Vogel, in dem sie die Lüneburger Anklagebehörde auffordern, Ermittlungen wegen Volksverhetzung und Beleidigung gegen die Stadt Lüneburg aufzunehmen. Aus Sicht der in Laatzen lebenden Gottschalks hat die Hansestadt erst mit der Einwilligung zur Ergänzung der Infotafel am Graalwall „die Leugnung des Völkermordes an den Juden beendet“. In den Jahren zuvor habe sie dagegen „die Shoah volksverhetzend geleugnet“.

Gröning-Prozess als seelische Belastung

Hintergrund: Vor fünf Jahren waren Bernadette Gottschalk, ihre Mutter, ihr Onkel Dr. Imre Lebovits sowie ihr Mann nach Lüneburg gereist, um am Prozess gegen Oskar Gröning, den „Buchhalter von Auschwitz“ teilzunehmen. Der Prozess fand in der Ritterakademie statt. Unweit davon bemerkten sie das Denkmal für die 110. Division mit der Inschrift: „Es sage keiner, dass unsere Gefallenen tot sind.“ Auf der Erklärtafel stand damals: „Von 10 500 Mann vor der Kesselschlacht bei Minsk 1944 gelang es nur etwa 300, zu entkommen. Das Kriegstrauma lässt die Toten nicht ruhen.“

Das wurde als „menschenwürdeverachtendes Verhalten“ empfunden, wie die Gottschalks an die Staatsanwaltschaft schrieben: „Während die jüdischen Nebenkläger sich der seelischen Strapaze unterzogen, im Gerichtssaal nochmals die Ermordung ihrer Familienangehörigen durchzuerleben, wurden sie an den 19 Prozesstagen mit der Ehrung der Mörder der Shoah und der Werbung für die Anerkennung deren Kriegstraumata konfrontiert und damit herabgewürdigt.“

Stadt äußert sich nicht dazu

Joachim Gottschalk erzürnt im Gespräch mit der LZ besonders, dass das Kriegsverbrechen der 110. Infanterie-Division im weißrussischen Ozarichi seit dem 19. Februar 1946 bekannt gewesen sei. Damals hatte Oberjustizrat Smirnow beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess einen halben Tag lang berichtet, wie die Wehrmacht am 9. März 1944 vor ihrer Frontlinie drei Todeslager für Zivilisten eingerichtet hatte, um sich ihrer als „menschliche Schutzschilde“ zu bedienen. Rund 9000 Menschen starben.

Aus Sicht der Gottschalks habe die Stadt den Völkermord über Jahrzehnte „strikt beschwiegen“. Auf den Einwand des Reporters, dass die Stadt seit Jahren in vielfältiger Weise der Opfer des Nationalsozialismus gedenke und dass sich Oberbürgermeister Ulrich Mädge persönlich demonstrierenden Neonazis in den Weg gestellt hatte, antwortete Joachim Gottschalk: „Das mag durchaus so sein. Aber wir als Betroffene haben natürlich immer einen verengten Blickwinkel. Deshalb lassen wir nicht locker.“

Die Stadt wollte den Vorstoß der Gottschalks nicht kommentieren.

Von Joachim Zießler