Montag , 26. Oktober 2020
Die gelben Warnwesten machen Meter gut: Die erste Klasse der Grundschule Wendisch Evern lernt von Polizist Martin Schwanitz, aus welcher Entfernung sie mit den Westen noch gesehen werden können. Fotos: t&w

Sichtbarkeit im Straßenverkehr

Wendisch Evern. „Ich sehe zwei Menschen und ein Auto“, sagt die sechsjährige Ella mit einem Blick in die komische Röhre, die da in ihrem Klassenzimmer steht. In deren Inneren befinden sich Spielzeug-Menschen – es sind allerdings drei und nicht zwei Menschen. Den dritten hat Ella nicht entdeckt, weil er, ganz in schwarz gekleidet, nicht zu sehen war.

Die gelbe Röhre ist ein Lichttunnel, den Martin Schwanitz, Verkehrssicherheitsberater der Polizei Lüneburg, mitgebracht hat. Bei einem Blick hinein simuliert er eine Straße bei Nacht, auf der ein Auto und Fußgänger in unterschiedlichen Klamotten unterwegs sind. „Der Lichttunnel ist ganz neu eingetroffen. Er ist der erste in Norddeutschland und wir wollen mit ihm das Thema Sichtbarkeit im Straßenverkehr verdeutlichen – vor allem bei Erst- und Zweitklässlern“, sagt Schwanitz.

„Sagt mal Stopp, wenn ihr den Mann in der schwarzen Kleidung sehen könnt.“ – Verkehrssicherheitsberater Martin Schwanitz

Im Lichttunnel können die Abstände der Figuren zum Betrachter verändert werden. Im kleineren Maßstab können die Spielzeug-Figuren etwa auf eine scheinbare Entfernung von 100 Metern gestellt und dann immer weiter an den Betrachter herangeschoben werden. „Sagt mal Stopp, wenn ihr den Mann in der schwarzen Kleidung sehen könnt“, sagt Schwanitz in die Runde. „Stopp“, sagt Luis, da sind die Spielzeug-Menschen schon auf unter 20 Meter zu ihm herangekommen. „Hier können manche Autofahrer, je nachdem wie schnell sie unterwegs sind, schon nicht mehr rechtzeitig bremsen“, sagt Schwanitz.

Martin Schwanitz zeigt den Kindern den Lichttunnel. Es ist der erste dieser Art in Norddeutschland.

Wer jedoch eine Warnweste mit den sogenannten Retroreflektierenden Elementen trägt, kann bei einfallender Lichtquelle – zum Beispiel von einem Autoscheinwerfer – schon aus einer Entfernung von 150 Metern gesehen werden. „Das sind spezielle Reflektoren, die das Licht ziemlich genau zur einfallenden Lichtquelle zurückwerfen – egal, aus welcher Richtung die kommt.“

Als Radfahrer sichtbar machen

Im Lichttunnel können verschiedene Modi eingestellt werden, zum Beispiel die Simulation „Mondlicht mit Person mit reflekierender Kleidung und Auto-Gegenlicht“. „Viele, die in den Lichttunnel geblickt haben, möchten sich danach als Fußgänger oder Radfahrer unbedingt sichtbar machen“, sagt Schwanitz. Ein Autofahrer, der bei Dunkelheit mit Abblendlicht fährt, sehe eine dunkel gekleidete Person frühestens bei 30 Meter Entfernung.

Nach der Demonstration in der Klasse geht es für Ella und die anderen nach draußen. Vor der Grundschule auf dem Rasenstück stellt sich der Polizist erst 30 Meter von den Kindern entfernt auf. Da ist er noch gut zu sehen. Dann läuft Schwanitz zurück, bis er gut 100 Meter von den Kindern entfernt ist. Das ist ganz schön weit, finden die. „So und noch weiter könnt ihr, wenn ihr eine Warnweste tragt, weg sein, und werdet immer noch gut gesehen“, erklärt er später.

Warnwesten kommen gut an bei Erstklässlern

Die Entfernung lasse sich besser begreifen, wenn die Kinder sie sehen, als wenn sie nur die Zahl 30 oder 150 Meter hören. „Ich bemerke zwar einen Trend hin zu mehr Sichtbarkeit und sehe häufiger Leute mit Warnwesten, aber ich denke, wir können da noch mehr bewirken und so auch ganz konkret Unfallzahlen reduzieren.“

Am Ende fragt er die Erstklässler, ob sie die neongelben Warnwesten cool finden. Einvernehmliche Ja-Rufe schallen durch die Klasse. „Und glaubt ihr, dass auch Erwachsene die Westen gut finden?“ Da murmeln die Kinder und mehr Nö-Rufe sind zu hören. Sie wollen ihre Westen, die sie zum Abschied geschenkt bekommen haben, zu Hause aber auf jeden Fall den Eltern zeigen. Die Westen mit den Retroreflektoren würden nur eine handvoll Euro kosten.

Sie verlören nach ungefähr 20 bis 30 Wäschen zwar an Funktionalität, aber solange könnten sie das Unfallrisiko im Straßenverkehr reduzieren. „Und ich muss sagen, Neongelb ist einfach die Trendfarbe im aktuellen Herbst und Winter – ein echter Hingucker, der sowohl den Kurzen als auch den Erwachsenen sehr gut steht“, schließt Schwanitz.

Von Laura Treffenfeld