Dienstag , 27. Oktober 2020
KZ-Häftlinge
Laars Gerstenkorn und Margit Wartemann legen einen Kranz an der Grabstelle nieder. (Foto: be)

Gedenken ist Friedenserziehung

Hittbergen. Auch nach 75 Jahren gibt es keine Antwort auf quälende Fragen, auf das Unbegreifliche. „Was ging in den Opfern vor, die in den Wald getrieben wurden und ihre eigenen Gräber ausheben mussten? Was ging in den Tätern vor?“ Nachdenkliche Worte sprach Laars Gerstenkorn jetzt nahe dem Ort der grausamen Tat: In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs am 16. April 1945 erschoss die SS in dem Wald „Am Buscheberg“ zwischen Bullendorf und Hittbergen 45 ehemalige KZ-Häftlinge und verscharrte sie dort.

Als Bürgermeister der Samtgemeinde Scharnebeck hatte Gerstenkorn eingeladen zu einer Gedenkfeier anlässlich des 75. Jahrestages der Beisetzung der Opfer auf dem Friedhof in Hittbergen. Die britischen Militärbehörden in Lüneburg veranlassten die Exhumierung des Massengrabes „Am Buscheberg“, am 12. Oktober 1945 wurden die Opfer feierlich und würdevoll auf dem Friedhof bestattet: in Anwesenheit aller Bürgermeister der umliegenden Dörfer und der gesamten erwachsenen Bevölkerung aus Echem und Hittbergen.

Bevor nun auf dem Friedhof eine vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) aufgestellte Erinnerungstafel eingeweiht und ein Kranz an den Gräbern der ermordeten ehemaligen KZ-Häftlinge niedergelegt wurde, trafen sich die Gäste zunächst in Bullendorf in dem Wald, in dem das Verbrechen einst stattgefunden hatte. Mit dabei waren unter anderem Ex-Landrat Franz Fietz, der derzeitige stellvertretende Landrat Norbert Thiemann, Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Mitglieder des Samtgemeinderates Scharnebeck, Bürgermeister der umliegenden Gemeinden, Vertreter von Schulen und interessierte Bürger.

Grabanlage wird seit 35 Jahren von Jugendlichen gepflegt

Rainer Griebel, Leiter der Oberschule am Schiffshebewerk in Scharnebeck, berichtete, dass Schüler der neunten Klasse mehrmals im Jahr die Grabstelle in Hittbergen pflegen, sie sich mit dem Schicksal der Opfer auseinandersetzen. „Die Schüler erleben Geschichte an einem historischen Ort. Das ist aktive Friedenserziehung“, betonte Griebel.

Seit mehr als 35 Jahren pflegen Jugendliche aus den jeweiligen neunten Klassen die KZ-Grabanlage auf dem Friedhof. Hermann Daerner war 1985 Leiter der damaligen Hauptschule, als der VDK an diese mit dem Projekt herantrat. Nicht nur die Schüler setzen sich seither mit der Geschichte der unbekannten Opfer auseinander. Auch Daerner.

So hielt er einen spannenden Vortrag über die Ereignisse vor 75 Jahren und seine Nachforschungen. Es handele sich bei den 45 erschossenen KZ-Häftlingen um politische Gefangene, die als Facharbeiter im Rüstungsbetrieb als sogenannte Funktionshäftlinge tätig waren, berichtete er. Möglicherweise seien es deutsche Soldaten gewesen, im Alter von etwa 30 bis 50 Jahren.

Doch nur einer von ihnen konnte identifiziert werden. „Nach langwieriger Recherche in verschiedenen Archiven, im Internet und mit Unterstützung von Jan Effinger vom VDK kann ich heute den schicksalshaften Weg des Häftlings Hans Müller beschreiben“, sagte Daerner.

Dieser ist auf der Erinnerungstafel auf dem Friedhof nachzulesen. Der Sohn von Hans Müller habe zusammen mit seiner Frau und Tochter im April 2014 das Grab des Vaters in Hittbergen besucht, berichtete Daerner. „Er bedankte sich bei mir für die langjährige Pflege des Grabes.“ Die Namen der Täter wurden nie ermittelt. Der Mord an 45 Menschen blieb ungesühnt.

Von Stefan Bohlmann