Dienstag , 27. Oktober 2020
Kulturforum - Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig - Lesung und Gespräch (Foto: t&w).

Gregor Gysi über Nachhaltigkeit, die Linke und Ampelmännchen

Lüneburg. Er füllt längst nicht mehr nur in Ostdeutschland die Säle. Einst als Betrüger beschimpft und wegen seiner Rolle in der Wiedervereinigung kritisiert, avancierte er zu einem der prominentesten Politiker Deutschlands. Dr. Gregor Gysi, Rechtanwalt und Linken-Politiker, kluger Kopf und begnadeter Redner, stellte am Dienstag im Kulturforum Lüneburg seine 2017 erschienene Autobiographie vor.

Angekündigt als „Lesung und Gespräch“ gestaltet sich der Abend in der Konzertscheune größtenteils als Monolog, in dem Moderator und Journalist Hans-Dieter Schütt eine Nebenrolle spielt. Dennoch wird es ein kurzweiliger Abend, denn Gysi hat viel zu erzählen, wenn er aus dem Nähkästchen plaudert, und das tut er in scharfsinnigen Formulierungen und mit viel Humor.

„Die BRD hatte immer den Willen, zu siegen“

Mit 72 Jahren schaut er auf ein bewegtes Leben zurück. Anekdoten aus Kindheit und Jugend in der DDR und seiner Zeit als Rechtsanwalt halten sich die Waage mit klaren politischen Statements. Gleich zu Beginn, angesprochen auf das Thema Corona, macht er klar, dass eine Pandemie nicht dazu führen dürfe, dass Grundrechte eingeschränkt werden – und erntet dafür spontanen Applaus.

Gysi nutzt die Bühne, um Kritik zu üben an der Art und Weise, wie die Wiedervereinigung vor sich gegangen sei. „Die BRD hatte immer den Willen, zu siegen“, sagt Gysi. Er ist überzeugt: Hätte man damals mehr Elemente der DDR in das wiedervereinigte Deutschland gerettet, wären die Bürger heute zufriedener. „Und damit meine ich nicht das Ampelmännchen“.

Die Gleichstellung von Frauen, die Polikliniken, die Berufsausbildung mit anschließendem Abitur – es war eben nicht alles schlecht in der DDR. Auch zur aktuellen Politik der Grünen bezieht er Position und plädiert für eine „ökologische Nachhaltigkeit unter sozialer Verantwortung“: „Wenn ich ein Braunkohlekraftwerk schließe, muss ich dem Arbeiter sagen, wo er wieder Arbeit findet.“

Zu Trump sollte man auch mal nein sagen

An Selbstvertrauen mangelt es dem ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Linken nicht: Es sei ihm gelungen, denen, die vor der Wiedervereinigung Angst gehabt hätten, einen Weg in die Einheit zu zeigen. Und dass die Linkspartei mittlerweile als Teil der politischen Landschaft Deutschlands akzeptiert sei, zählt er ebenfalls zu seinen Erfolgen. Er spekuliert darüber, ob und unter welchen Bedingungen Die Linke ab dem kommenden Jahr Teil der Regierung sein könne – auch wenn er selbst nicht dabei sein werde, denn im Gegensatz zu manch anderen Kolleginnen und Kollegen wisse er, wann es Zeit sei, zu gehen. Was nicht so ganz stimmt, denn noch im Mai dieses Jahres ließ sich Gysi zum außenpolitischen Sprecher der Linkspartei wählen.

Außenpolitik, auch so ein spannendes Thema, zu dem Gysi viel zu sagen hat. Er spricht über Flüchtlinge, über Griechenland und Zypern und darüber, dass man viel diplomatisches Geschick benötige und niemals belehrend sein dürfe. Zu Trump sollte man auch mal nein sagen, und gegenüber Russland verhalten wir uns arrogant, so seine Meinung. Mit Sorgen betrachtet er, dass sich ehemals demokratische Länder wie die USA, Ungarn und Polen gerade von der Demokratie abwenden. „Und wir haben die AfD.“

Gysi plaudert aus seiner Zeit als Anwalt

Aus seiner Zeit als Anwalt plaudert Gysi bis heute gerne. Einen Straffälligen verteidigen – vielleicht sogar einen Mörder und sich damit gegen eine große Mehrheit stellen, das habe ihn geprägt. Auch wenn man heute gerne über Gysis Rolle als Verteidiger von Regimekritikern wie Robert Havemann und Rudolf Bahro spricht, so haben die politischen Fälle eigentlich nur etwa 5 Prozent seiner Tätigkeit ausgemacht, räumt er ein. Der Rest seien „ganz normale Strafsachen“ gewesen.

„Ein Leben ist zu wenig“ lautet der Titel seines Buches. Er habe sechs Leben gehabt: Kindheit und Jugend, Studium, als Bürger der DDR, als Rechtsanwalt, eines, in dem die Mehrheit ihn abgelehnt habe, und eines, in dem die Mehrheit ihn schließlich akzeptiert habe. Bis dahin sei es ein langer Weg gewesen. In Talkshows nach der Wende wurde er immer wieder hart angegangen. „In so einer Stunde auf dem heißen Stuhl bei RTL, da verlierste sechs Wochen deines Lebens“, berlinert Gysi.

Von Ruth Heume