Dienstag , 27. Oktober 2020
„Unsere Landwirte schauen schon sehr genau, dass sie nur die Flächen beregnen, auf denen es wirklich nötig ist“, sagt Ulrich Ostermann, Geschäftsführer des Kreisverbands der Wasser- und Bodenverbände Uelzen. Foto: phs

Dutzende Wasserspeicher für Lüneburg?

Uelzen. Gewässerunterhaltung und Beregnung – das sind seine Themen: Ulrich Ostermann, Geschäftsführer des Kreisverbands der Wasser und Bodenverbände Uelzen, hat im Zuge der Debatte zur Grundwasserentnahme gerade alle Hände voll zu tun. Seine Behörde umfasst eine Mitgliedsfläche von insgesamt fast 310 000 Hektar in den Landkreisen Uelzen, Lüneburg und Gifhorn. Die Landwirte dort fordern, künftig mehr Grundwasser für die Beregnung ihrer Felder entnehmen zu dürfen. Warum? Wie viel? Und mit welchen Mitteln? Das erklärt Ulrich Ostermann im Gespräch mit der LZ.

Herr Ostermann, beim jüngsten Scoping-Termin in Uelzen haben die Landwirte gefordert, künftig deutlich mehr Grundwasser für die Feldberegnung aufwenden zu dürfen. Auf welcher Grundlage?

Ulrich Ostermann: Wir haben aktuell in Lüneburg ein Wasserrecht von 16,3 Millionen Kubikmetern pro Jahr, in Uelzen sind es 40 Millionen. Mit dem neuen Wasserrechtsverfahren streben wir an, in Lüneburg ungefähr 19,3 Millionen Kubikmeter und in Uelzen ungefähr 44 Millionen entnehmen zu dürfen. Es wird Jahre geben, wo mal mehr oder weniger entnommen wird – aber im Mittel muss das passen. Hintergrund sind Prognosen, die aussagen, dass wir im Zuge des Klimawandels mehr Wasser brauchen werden. Demnach müssten wir sogar 25 Prozent zusätzlich beantragen – und nicht nur zehn Prozent. Aber das ist aus dem Grundwasser schlicht und einfach nicht entnehmbar.

Ist denn die jetzt angestrebte Anpassung des Wasserrechts mit Grundwasser- und Naturschutz zu vereinbaren?

Wir haben von einem Ingenieurbüro ein hydrogeologisches Modell erstellen lassen, das aufzeigt, was passiert, wenn wir in Lüneburg und Uelzen zusammen ungefähr 90 Millionen Kubikmeter entnehmen würden. Ergebnis: Es wäre nicht umweltverträglich. Darum haben wir geschaut, welche Maßstäbe man stattdessen anlegen kann und die bereits genannten Mengen, also rund 63 Millionen Kubikmeter pro Jahr in Uelzen und Lüneburg zusammen, für die weiteren Untersuchungen genommen. Im Augenblick werden die Gebiete kartiert, von denen wir auf Grundlage des Modells annehmen, dass sie eine Mehrentnahme aus dem Grundwasser von rund zehn Prozent beeinflussen könnte. Die Experten schauen nach pflanzensoziologischen Gesichtspunkten, wie sich die Biotope zusammensetzen. Dann werden Fachgutachter bewerten: Kann es Auswirkungen durch eine Grundwasserabsenkung auf diese Bereiche geben oder eben nicht? Wenn der Gutachter nun ermittelt, was sicherlich für einige Flächen zu erwarten ist, dass sich eine Grundwasserabsenkung ergeben könnte, geht das an einzelnen Stellen entweder nicht mit den zehn Prozent mehr, oder aber wir müssen über Ersatzmaßnahmen nachdenken. Wir rechnen mit Ergebnissen Mitte nächsten Jahres.

Der Umweltausschuss des Lüneburger Kreistages hat jüngst eine Resolution verabschiedet. Darin fordert er die Landesregierung auf, dem Trinkwasser eine unantastbare Position einzuräumen – auch gegenüber kommerziellen Interessen. Wie sehen das die Landwirte?

Also, hier hat noch nie einer gesagt, dass die Beregnung Vorrang vor Trinkwasserversorgung haben sollte. Die Positionierung ist aus unserer Sicht völlig in Ordnung. Aber man muss auch bedenken: Trinkwasser mit höchster Qualität wird zu 70 Prozent durch Toiletten und Waschmaschinen gejagt. Und nur schätzungsweise zehn Liter von 100 pro Tag werden für Dinge verwendet, für die man absolut sauberes Wasser tatsächlich braucht. Das Problem hat eine längere Geschichte. Das wird gern mal vergessen.

Die Lüneburger Politik fordert auch mehr finanzielle Anreize für den Einsatz effizienter Beregnungstechnik sowie Feldfrüchte und Fruchtfolgen, die geringere Wassermengen benötigen. Das müsste Ihnen doch eine Hilfe sein, oder?

Ja, aber die Frage ist: Wer bezahlt das? Anreize schaffen heißt vermutlich, dass man bestimmte Regularien einführt, die der Verbraucher zahlen muss – also auch der Landwirt. Damit der Wassernutzer mehr darüber nachdenkt, wofür er sein Wasser verbraucht. Das kann schon regulative Effekte haben, aber am Ende wieder über die Kosten, die der Landwirt für seine Beregnung zahlt.

Gibt es denn aussichtsreiche Technologien, die die Landwirtschaft in Niedersachsen wassersparender machen könnten?

In der Regel wird ja mit Trommelmaschinen und sogenannten Kanonen beregnet. Mit denen kann man einen Kreis von etwa 70 Metern versorgen. Es gibt auch Düsenwagen, mit denen erreicht man zwar keine 70 Meter, aber man spart schätzungsweise 30 Prozent Wasser ein. Davon haben wir hier noch zehn Stück rumstehen, denn die sind so unpraktisch, dass sie keiner benutzt. Es braucht immer zwei Personen und zwei Schlepper, um die Teile umzustellen. Das ist kaum zu leisten. Eine Alternative ist eine fest installierte Kreis- oder Linearberegnung. Die hat eine genauso gleichmäßige Wasserverteilung wie ein Düsenwagen, setzt aber voraus, dass man einigermaßen quadratische oder rechteckige Flächen hat, auf denen keine Bäume oder Strommasten stehen. Oder – das wäre die nächste Stufe – eine Tröpfchenbewässerung. Für Kartoffeln wäre das irgendwann denkbar. Vorteil: Man könnte auf diese Weise nicht nur Wasser, sondern auch Dünger aufbringen. Nachteil: Man muss Schläuche verlegen und zur Ernte wieder aufwickeln. Massentauglich ist das alles nicht.

In Stöcken und Borg im Landkreis Uelzen gibt es zwei Speicher, in denen Wasser aus der Zuckerfabrik für die Feldberegnung gesammelt wird. Könnte dieses Modell nicht auch andernorts Entlastung bringen?

In der Tat. Das Modell funktioniert auch mit anderen Wasserquellen, Kühlwasser oder Produktionswasser aus der Kartoffelverarbeitung zum Beispiel. Eine Zuckerfabrik braucht man dafür jedenfalls nicht. Die Wassermengen, die wir bis 2040 prognostisch benötigen, sind weder aus dem Elbe-Seitenkanal noch aus dem Grundwasser zu holen. Das heißt, wir müssen Alternativen suchen. Unser Plan ist es darum, dutzende Wasserspeicher im Lüneburger Raum zu bauen – mit vielleicht 10 000 bis 20 000 Kubikmetern Wasser für den einzelnen Landwirt bis hin zu einer Million Kubikmetern – je nachdem, wo Wasser anfällt, das man speichern kann. Wir arbeiten gerade daran, die Ministerien davon zu überzeugen, dass Fördermittel für solche Projekte her müssen.

Manche Pflanzen haben mehr, manche weniger Durst: Wäre nicht auch der Anbau trockenresistenterer Kulturen eine Option?

Ja, das wird teilweise ja auch schon gemacht. Bei den bekannten norddeutschen Feldfrüchten gibt es Sorten, die weniger Wasser brauchen. Das wird intensiv erforscht. Pflanzen, die weniger Wasser verdunsten, werden am Ende aber auch weniger Substanz haben. Da muss man Kompromisse finden. Der nächste Punkt wäre, ganz andere Kulturen anzubauen. Da ist dann aber wieder die Frage, ob die in Nordeuropa überhaupt vermarktungsfähig sind. Die Agrarpolitik spielt hierbei eine entscheidende Rolle.

Wo können die Landwirte heute bereits ohne große Investitionen einen Beitrag für den Grundwasserschutz leisten?

Unsere Landwirte schauen schon sehr genau, dass sie nur die Flächen beregnen, auf denen es wirklich nötig ist. In der Vergangenheit ist ja oft auch über die Enden der Flächen hinaus beregnet worden. Das ist aber gerade in den letzten drei Jahren deutlich besser geworden. Und Wassersparen heißt auch, sich rechtzeitig zu entscheiden: Beregne ich das Getreide noch, oder lasse ich es sein? Ist das am Ende überhaupt noch wirtschaftlich? Die meisten Landwirte in der Region erzielen ihr Haupteinkommen über die Kartoffel. Die muss optimal beregnet werden, die anderen Kulturen im Zweifel eher nicht. Ein Großteil der Landwirte hat schon verstanden, dass man nicht einfach nur mehr Wasser fordern kann. Wir müssen mit dieser Ressource vernünftig umgehen und irgendwie ein Wassermanagement in Gang bringen, mit dem wir die Wasserflüsse und -verbräuche optimieren können.

Von Anna Petersen