Montag , 26. Oktober 2020
Angespitzt zum Thema Miss Germany (Grafik: lz/kb).

Neues Miss Germany-Konzept ist wenig beruhigend

Mir strahlen 80 junge Frauen von der Website der aktuellen Miss Germany-Wahl entgegen. Viele strecken für die Pose den Rücken durch. Sie alle wollen im 21. Jahrhundert einen Schönheitswettbewerb gewinnen.

Laut der Veranstalter hat es dieses Jahr mehr Bewerbungen als in den Vorjahren gegeben, was viele auf das neue Konzept zurückführen: Es geht jetzt um Persönlichkeit. Und tatsächlich weisen die Frauen in ihren Steckbriefen darauf hin, dass sie sich für andere Frauen stark machen wollen, dass ihnen Gleichberechtigung wichtig ist, dass sie auch nach einer Krankheit wieder Mut schöpfen wollen und dass jede Frau schön sei, eben von innen heraus. Die Werbepartner aus der Schönheitsindustrie dürfte das freuen. Es gibt immer noch etwas zu Gucken – jetzt aber mit Inhalt.

Der Öffentlichkeit wird weiter suggeriert, dass eine Frau zwar gerne Mathematikprofessorin sein kann, aber wenn sie dann noch schön ist, wäre das wirklich besser. Eine Politikerin? Gut. Aber es wäre schon schön, wenn ihre Haut toll schimmert. Eine junge Umweltaktivistin? Das ist ja klasse, vor allem, wenn sie auch noch schlank dabei ist. Ich frage mich, wann weiblicher Einsatz, Intelligenz oder Schaffensdrang ganz und gar für sich stehen kann.

Schönheitsideale verunsichern gerade junge Menschen

Dieser Wunsch, in das aktuell vorgelebte Schönheitsideal zu passen, sitzt nachweislich gerade bei Teenagerinnen tief. Wollen wir ihnen weiterhin sagen, dass sie alles werden können, was sie wollen, doch sobald sie ins Netz gucken, merken lassen, dass der Zusatz Schönheit nicht unerheblich ist? Ich finde nicht.

Auch ich kann mich nicht jeden Tag von Idealen frei machen. Im gleichen Atemzug, in dem ich eine stärkere Hinwendung zu Inhalten fordere, überlege ich, welches Bild von mir zu diesem Text wohl gut aussehen würde. Das ist absurd! Ich wünsche mir, dass den Mädchen und Jungen, die heute 13 oder 15 Jahre alt sind, solche Gedanken später fremd sein werden und sie sich den Kopf mehr darüber zerbrechen, wie sie Probleme jenseits der Optik lösen können.

Attraktivitätsempfinden sollte aus uns selbst kommen

Wen oder was wir attraktiv finden, sollte wieder mehr aus uns selbst heraus kommen und nicht aus Einflüssen der Sozialen Medien. Es ist wenig beruhigend, dass die Miss-Germany-Wahl nun auf Bikini-Auftritte verzichtet und auch Mütter jenseits der 30 als Bewerberinnen zulässt. Denn schaut man sich die Bilder der Kandidatinnen an, dann sieht man immer noch ein recht einheitliches – schönes – Gesamtbild.

Das Bewusstsein schärft sich zwar mehr und mehr: Jedes Bild, mit dem wir ein Like für unser Äußeres bekommen wollen, kann auch die Botschaft mitschwingen lassen: Du siehst nicht so aus, ergo, du bist nicht so toll wie ich. Bei Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, potenziert sich diese Verantwortung. Also gebt den Style-, Make-Up-, Haar,- und Beautyfirmen nicht mehr so viel Verkaufsfläche, die sich durch das Versprechen finanzieren, uns zumindest ein bisschen mehr wie die Schönheiten auf dem Bildschirm auszusehen zu lassen. Sondern seid Mathematikprofessorinnen, Politikerinnen oder Umweltaktivistinnen. Ganz ohne Zusatz.

Laura Treffenfeld