Pianistin Wiebke Schröder im Dialog mit dem Kontrabassisten Arnold Ogrodnik (Foto: t&w).

Explosive Meditationen: Jazz mit Pianistin Wiebke Schröder

Lüneburg. Sogenannte Neue Musik galt schon immer als enfant terrible, insbesondere, blickt man in die Geschichte der klassischen Musik. Auch heute ist manche Komposition und Musik-Aufführung, die unter der Rubrik „neu“ angekündigt wird, solcher Einschätzung ausgesetzt. Für zeitgenössische Schöpfer Neuer Musik, die ja als zu intensivem Zuhören verpflichtende E-Musik und nicht als unmittelbar eingängige U-Musik begriffen wird, setzt sich seit rund fünf Jahrzehnten Helmut Erdmann intensiv ein: Er rief vor 46 Jahren das Festival Neue Musik ins Leben und machte Lüneburg durch das hier ansässige European Live Electronic Centre zu einer Adresse für Komponisten aus aller Welt.

Erstmals setzte Erdmann ein längst fälliges Wagnis in die Tat um: Im Rahmen des von ihm künstlerisch verantworteten 46. Festivals gab es spannenden zeitgenössischen Jazz: das Konzert eines Trios, das die in Osnabrück und Hamburg ausgebildete Master-Absolventin, Komponistin und Pianistin Wiebke Schröder zusammen mit ehemaligen Kommilitonen gründete.

Das Klavier im Mittelpunkt

Ein durchschnittlich relativ junges Publikum im sehr gut besuchten Glockenhaus bestätigte Erdmanns Wahl. Das Instrument Klavier steht im Mittelpunkt des Ensembles, ebenso wie auch im Zentrum der acht Festival-Livekonzerte. Für den Deutschen Tonkünstlerverband Landesverband Niedersachsen als Mitveranstalter des Jazzkonzerts begrüßte Julia Habiger-Prause die in artigem Corona-Abstand wartende Zuhörerschaft und stimmte Erdmanns einführenden Worten zu: Auch im Jazz sei das Experiment elementar.

Genau jene Idee machte das Wiebke-Schröder-Trio mit Eigenkompositionen der Band-Leaderin sinnfällig: „On And On“ hatte sie das Konzert betitelt, den ersten längeren Life-Auftritt nach unfreiwilliger, coronabedingter Pause. So heißt auch das erste Stück des Abends. Einleitende Patterns des Klaviers, die zunächst eine bestimmte Stimmungsbasis versprechen, entwickelten sich in verschiedenen Tonlagen und in immer freier gestalteter Harmonik und Formgebung am Klavier und mit den Instrumenten des Trios, Kontrabass und Schlagzeug. Hier zeigte sich – wie in den folgenden Stücken – die typische Experimentierfreudigkeit und das Talent zu musikalischer Narrativität Wiebke Schröders.

Atmosphäre zu Beginn meditativ, dann klanglich explosiv

Notierten Motiven, Akkordfolgen oder Rhythmen folgt deren stimmungsvolle Variation in freiem Spiel, gemischt mit wiederum vorgegebenen Themen- und Motivkomplexen („April“, „You“, „Missed Chance“, „Hexenkind“). Oft ist die Atmosphäre zu Beginn meditativ - Klassikeinflüsse wie der Impressionismus sind unverkennbar - , verändert sich aber ständig durch Neukombinationen und dynamische und klangliche Explosivität.

Arnold Ogrodnik am Kontrabass (anstelle des im Programm angekündigten Matthias Kleiner) faszinierte durch sein virtuoses Motivspiel, teils auch mit kräftigem Bogenstrich in Einlagen phantasievoll entwickelter Ornamentik. Das passte sich der besinnlich wirkenden Atmosphäre eines Stückes ebenso an wie den Überraschungseffekten. Als ein perfekter Partner im fein abgestimmten Triospiel zeigte sich auch Silas Jakob. Der Schlagzeuger und Perkussionist ist ein Schwelger in feinnerviger, hochkomlexer und abwechslungsreicher Rhythmik und schöne Klangfarbenwechsel, die er auch in eigenen Stücken aufblühen ließ („New“, „Excited Why“) ließ. Angereichert durch spontane Akzente mixte er scheinbar konträre Grooves mit swingender Nonchalance. Das aufmerksame Publikum honorierte die interessanten Interpretationen mit Zwischenapplaus.

Von Antje Amoneit