Schulzentrum Oedeme: Der 21-jährige Student Thilo unterstützt als Bildungspate den 16-jährigen Ali, der Oberschüler in Oedeme ist (Foto: be).

„Es ist peinlich, wenn ich das nicht verstehe“

Lüneburg. Normalerweise hätten sich Ali Yosuf und Thilo Peithmann wohl nie kennengelernt. Yosuf stammt aus Syrien, ist 16 Jahre alt, besucht die Oberschule in Oedeme. Peithmann ist fünf Jahre älter, studiert in Lüneburg. Doch eine Bildungspatenschaft hat beide zusammengebracht.

Peithmann ist Teil des Awo-Freiwilligenprojektes „Bildungspaten für Kinder“. Seit zehn Jahren unterstützen Studenten und vor allem ältere Menschen Kinder aus wirtschaftlich schwachen Familien oder Flüchtlingsfamilien im Schulunterricht. Dazu zählen dreizehn Grundschulen und zwei Oberschulen in Lüneburg sowie im Landkreis. Gerade zugewanderte Schüler können ihre Deutschkenntnisse in 1:1-Betreuung verbessern, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Auch Ali Yosuf will den Anschluss nicht verlieren: „Ich will etwas lesen oder verstehen, es ist peinlich, wenn ich das nicht verstehe“, sagt Yosuf, der vor zwei Jahren mit seiner Familie aus Syrien gekommen war. Seine Muttersprache ist arabisch. Er hat an der Oberschule in Oedeme den DaZ-Unterricht (Deutsch als Zweitsprache) besucht, doch die wenigen Stunden am Vormittag haben kaum gereicht. Mittlerweile versteht er fast alles, kann sich gut ausdrücken, findet Peithmann. Nur selten müsste er einen arabischsprachigen Übersetzer verwenden. Meistens klärt sich die Bedeutung aus dem Kontext.

Unterricht vor allem über WhatsApp

Neben dem Studium noch Bildungspate zu sein, war zeitweise schwierig für ihn. Er studiert International Business Administration an der Leuphana. Das digitale Sommersemester hat ihn dabei selbst viel Zeit gekostet. Wie viele Studierende ist Thilo Peithmann während der vergangenen Monate wegen der Corona-Pandemie zurück zu seiner Familie gezogen, erzählt er im Videogespräch. Ali Yosuf hatte er vor dem Lockdown, vor den Schulschließungen, nur zweimal persönlich getroffen, ansonsten regelmäßig telefoniert. Und diese wöchentlichen Telefonate mit Yosuf sollten trotz der Schulschließungen weiter stattfinden.

Bildungspatenschaft bedeutet, auch nicht aufzugeben, wenn das WLAN mal nicht funktioniert. Das war anfangs bei Yosuf ein Problem. Gerade dann sind viel Eigeninitiative und Motivation gefragt. „Ab und zu ist auch mal ein Treffen ausgefallen. Dann ging es in der nächsten Woche weiter“, sagt Peithmann. Denn gerade während der langen „Schulpause“ war der Unterricht mit seinem Pater sehr wichtig für Yosuf, damit er Deutsch nicht vergisst. Für ihn ist klar, dass er „so lange wie möglich“ einen Bildungspaten hat. Seine Eltern sprechen beide kaum Deutsch. Deshalb ist Yosuf bei Arztterminen, Elternsprechtagen oder für einen Besuch beim Auswärtigen Amt häufig zum Übersetzen mit dabei.

Der Unterricht mit Thilo Peithmann findet vor allem über WhatsApp statt. Im Chatverlauf sind sieben verschiedene Links zu den Aufgaben, die er vom Bildungspaten einen Tag vorher geschickt bekommt. Von Grammatikübungen über die vier Fälle bis zu Leseverständnisaufgaben – von allem ist etwas dabei. Besonders Spaß macht es dem Schüler, wenn sie nicht nur über Grammatik, sondern über Länder, Städte und kulturelle Gewohnheiten sprechen.

Nicht jeder Bildungspate kann digitale Programme nutzen

Seit die Schule wieder begonnen hat, lernen sie häufiger zusammen für seine Tests. Thilo Peithmann ist es wichtig, dass die Bildungspatenschaft trotz schwieriger Zeiten nicht wegbricht. 2019 waren noch etwa 65 Bildungspaten aktiv. Aktuell sind es noch 52. Davon hätten jedoch viele, so die Betreuerin des Freiwilligenprojekts, Hiltrud Lotze, wegen Corona auf unbestimmte Zeit mit dem Unterricht pausiert. Zusätzlich kann auch nicht jeder Bildungspate digitale Programme nutzen. Peithmann gehört zu den wenigen jungen Ehrenamtlichen, die so schnell auf digitale Alternativen umsatteln konnten. Gerade ist noch eine weitere Studentin dazugekommen. „Digitale Affinität muss vorhanden sein in solchen Zeiten. Das ist ein Vorteil, den vielleicht jüngere Leute eher haben“, findet der Bildungspate.

Wie könnten die über 60-jährigen Bildungspaten den Unterricht digital weiterführen? Dafür braucht die Awo mehr Einsatz und die Ideen junger Leute. Eine Spende in Höhe von 1500 Euro vom Ladies Circle 56 Lüneburg soll zur Unterstützung von digitalem Lernen und Fortbildungen genutzt werden. Diese wurde kürzlich auf der Konferenz „Wir machen weiter. Bildungspatenschaftsprojekte in Zeiten der Pandemie“ übergeben.

Alis Wunschberuf: Zahntechniker

Auch wenn man sich vorerst nicht persönlich sehen kann, das digitale Modell steht einem Treffen qualitativ kaum nach. Im Gegenteil bietet es für beide hohe Flexibilität. Sobald die Fallzahlen aber wieder sinken würden, wollen sie über Hybridformen nachdenken. „Aber nicht so spektakulär wie an der Uni, sondern im Wechsel mal in Präsenz, mal analog.“, fügt Peithmann lachend hinzu.

Ali Yosuf wünscht sich für die Zukunft, dass er weiter mit seinem Paten lernen kann. Ob digital oder analog, ist ihm egal. Denn er möchte nach der Schule eine Ausbildung als Zahntechniker machen – und dafür braucht er einen guten Abschluss. In Deutsch sieht es bislang gut aus für seine Zukunftspläne: „Ich habe im Test eine Drei geschrieben. Vorher war ich schlechter“, erzählt Yosuf stolz. Für Thilo Peithmann ist eine Bildungspatenschaft mehr als nur Nachhilfe. Je besser das Deutsch, desto besser gelingt die Integration. Persönliche Begegnungen, auch wenn sie gerade nicht möglich sind, sind dafür auf lange Sicht unersetzlich.

Wer Bildungspate werden möchte, kann sich an die Awo wenden. Informationen und Anmeldung bei Hiltrud Lotze auf E-Mail-Anfrage an lotze@awo-lueneburg.de oder unter (04131) 759629.

Von Cornelia Braun