Viele Bereiche im ländlichen Raum werden von Pflegediensten nicht abgedeckt. Für die Betroffenen ein großes Problem. Foto: Adobe Stock

Alleingelassen in Grünhagen

Grünhagen. Melanie Schulzes* Tage beginnen morgens um 4 Uhr: aufstehen, duschen, Kaffee aufsetzen. Dann Papa wecken, aus dem Bett helfen, waschen, anziehen, zur Toilette begleiten, Tabletten zurechtlegen, Brote schmieren. Manchmal läuft was anders als geplant, wie neulich, als ihr Vater Durchfall hatte. Dann kann sie ihn nicht einfach allein lassen. Er schafft das ja nicht selbst. „Ich komme momentan oft spät zur Arbeit“, seufzt sie. Aber was tun? Ein Pflegedienst könnte Entlastung schaffen. Ja, aber offenbar nicht in Grünhagen.

Melanie Schulze und ihre Schwester Petra haben sich die Finger wund telefoniert – einen Pflegedienst nach dem anderen angerufen, eine Absage nach der anderen kassiert. Nett seien sie, hilfsbereit, aber überlastet: „Sie hören sich die ganze Geschichte an – bis die Frage aufkommt, wo wir wohnen.“ Grünhagen. Am nördlichsten Zipfel des Landkreises Uelzen. Jeder fährt durch, kaum einer bleibt.

„Ich kriege dann immer das Gleiche zu hören“, erzählt Petra Schulze. „Die Pflegedienste haben zu wenig Personal, die Anfahrtspauschale ist zu gering und Grünhagen zu weit weg.“ In einem Ordner hat sie ungefähr zehn Einrichtungen notiert, die sie angerufen haben will – von Bad Bevensen über Uelzen bis Suderburg. Weil Grünhagen näher an Lüneburg liegt als an der Kreisstadt Uelzen, habe sie es auch dort versucht – zweimal. „Dann hat ein großer Anbieter erklärt: Wissen Sie, Sie brauchen es in Lüneburg gar nicht weiter zu versuchen. Wir haben in unmittelbarer Nähe genug Menschen zu versorgen.“ Inzwischen haben Petra und Melanie Schulze die Suche aufgegeben.

Doch ihr Vater will nicht ins Seniorenheim. Keine zehn Pferde könnten ihn dazu bewegen, sagt der 82-Jährige. Das Haus, in dem er lebt, hat er selbst gebaut. „Ich kenne hier jeden Stein.“ Bis vor einem Jahr ist er noch selbst mit dem Auto nach Bienenbüttel gefahren, um einzukaufen, hat er auch selbst gekocht und geputzt. Doch dann kamen die Schmerzen. Ein Abszess an der Wirbelsäule, wie sich später herausstellen sollte. Es folgten weitere Diagnosen, mehrere Krankenhausaufenthalte und drei Monate im künstlichen Koma. Dass er heute überhaupt wieder in seinem Wohnzimmer sitzt, ist für seine Töchter ein Wunder. Wie es weitergehen soll dagegen ein Rätsel.

Melanie Schulze wohnt ein Stockwerk über ihrem Vater. Sie will, dass er bleibt – schon allein, weil das häusliche Umfeld dazu beitrage, dass er Dinge allein versucht. Motiviert bleibt. Fortschritte macht. In einem Pflegeheim würde ihm wohl vieles abgenommen, vermutet sie. Darum kommt nun jeden Mittag der Bruder ihres Vaters – auch schon über 70 –, schaut nach dem Rechten und hilft seinem Bruder zum Mittagsschlaf beim Einstieg ins und dem Ausstieg aus dem Bett. Muss er zur Toilette, bevor Melanie Schulze am späten Nachmittag von der Arbeit zurückkehrt, wird es schwierig. Dass er das nicht allein schafft, sei auch der Grund gewesen, weshalb ein Pflegedienst, der zunächst zugesagt hatte, wieder abgesprungen sei. Die Familie fühlt sich im Stich gelassen.

Überforderte Angehörige, auseinander gerissene Paare

Edda Hermann-Lichtenberg von der Heimaufsicht der Hansestadt Lüneburg kennt diese Sorgen. „Viele Bereiche im ländlichen Raum werden nicht abgedeckt. Der Mangel dort ist groß.“ Die Folgen: überforderte Angehörige, verwahrloste Haushalte oder auseinander gerissene Paare – weil dann doch oft einer ins Altenheim ziehen muss, obwohl es mit Hilfe von außen gar nicht notwendig wäre.

Edda Hermann-Lichtenberg bestätigt die Vermutungen der Schulzes: „Wenn eine Fachkraft eine halbe Stunde unterwegs ist, um den Patienten zu versorgen, um zum Beispiel Medikamente zu verabreichen, rechnet sich das nicht.“ Nicht, solange für eine Medikamentenvergabe vielleicht zehn Euro berechnet würden, und für die Anfahrt etwa vier Euro. Und auch nicht, solange qualifiziertes Personal am Markt fehle. „Die Verweildauer einer Fachkraft in ihrem Beruf liegt bei zirka sechs Jahren.“

Fälle, wie jener der Schulzes, kommen der Heimaufsicht öfter zu Ohr. Im Landkreis Lüneburg klagten Betroffene etwa aus Vastorf und Thomasburg über ähnliche Sorgen. Helfen kann der Senioren- und Pflegestützpunkt der Hansestadt Lüneburg nicht in allen Fällen.

Manchmal, weiß Edda Hermann-Lichtenberg, würden die Pflegedienste auch Patienten tauschen – wenn bekannt ist, dass dort, wo der pflegebedürftige Neukunde sitzt, ein anderes Unternehmen noch weitere Menschen versorgt. Dann gehe die Rechnung wieder auf.

Ein solches Angebot haben die Schulzes nicht erhalten. „Ich würde so gern mal wieder das Haus verlassen und wissen: Mein Vater wird versorgt, alles ist gut“, seufzt Melanie Schulze. Sie würde auch gern mal wieder zum Reiten fahren, oder abends um 21 Uhr schlafen gehen – ohne zu wissen, dass sie in zwei Stunden noch einmal aufstehen muss, um ihrem Vater ins Bett zu helfen. Der hat nun mal seinen eigenen Rhythmus, das will sie ihm nicht nehmen. Nicht seinen Rhythmus und auch nicht sein Zuhause.

*Alle Namen der Familie von der Redaktion geändert

Von Anna Petersen