Dr. Bettina Schröder-Henning und Dr. Michael Perschmann gehören zu der Gruppe des Zukunftsrates, die über alternative Wege in der ambulanten Pflege informieren möchte. Foto: t&w

Pflege ohne Zeitdruck

Lüneburg. Auch im Alter in den eigenen vier Wänden möglichst selbstständig leben, das wünschen sich viele Senioren. Damit steigt auch die Bedeutung der ambulanten Pflege. Doch die steht gewaltig unter Druck. „Die Mitarbeiter sind frustriert aufgrund der schlechten Bezahlung, der Hetze durch einen zu engen Zeittakt und weil die Abrechnung der Einzelleistungen oft menschliche Zuwendungen darüber hinaus nicht möglich macht“, sagen Dr. Bettina Schröder-Henning und Dr. Michael Perschmann. Eine Antwort auf den Pflegenotstand könnte aus ihrer Sicht das niederländische „Buurtzorg-Modell“ sein, das mittlerweile auch in Deutschland Fuß fasst.

Menschlichkeit vor Bürokratie

Schröder-Henning und Persch­mann gehören beide der Arbeitsgruppe „Leben und Sterben im Quartier“ (LuStiQ) an, die im Rahmen des Zukunftsrates gegründet wurde. Diese möchte „Buurtzorg“, zu deutsch Nachbarschaftshilfe, auch in Lüneburg anschieben. Bereits 2007 wurde der ambulante Pflegedienst in den Niederlanden von dem Krankenpfleger Jos de Blok gegründet. „Sein Anliegen war es, dass Pflegekräfte solche Rahmenbedingungen bekommen, dass die zu pflegenden Menschen wieder im Mittelpunkt der tatsächlichen Arbeit stehen“, berichten die beiden Lüneburger. Unter dem Motto „Menschlichkeit vor Bürokratie“ gehe es darum, den zu Pflegenden in seiner Eigenständigkeit zu unterstützen und zu aktivieren.

Das Modell zeichnet sich dadurch aus, dass es ausschließlich aus autark organisierten Pflegeteams besteht. „Vier bis zwölf Pflegekräfte übernehmen selbstständig die Pflege von bis zu 60 Personen, ohne dass es immer wieder zu Wechseln in der Betreuung kommt. Es gibt nur wenige Mitarbeiter im Backoffice. Alle anderen Aufgaben der Verwaltung und Organisation werden von jedem individuell aus dem Pflegeteam übernommen“, erklärt Schröder-Henning.

Lokales Unterstützungsnetzwerk

Das Anliegen der Pflegekräfte ist es, dass sie über die pflegenotwendigen Tätigkeiten hinaus den Klienten dabei beraten und begleiten, was er selbstständig leisten kann. Perschmann gibt ein Beispiel: „Es gibt betagte Menschen, die sich weiterhin mit Unterstützung selber waschen möchten. Das dauert länger. Doch die Abrechnung nach Einzelleistungen birgt die Gefahr, dass derjenige das nicht in dem damit verbundenen Zeitfenster schafft. Bei Buurtzorg wird überlegt, mit welchen Methoden und Hilfsmitteln es möglich wird, dass der zu Pflegende es selber machen kann, ohne dass die Uhr läuft. Aktivierung der Selbsthilfe ist das Ziel.“

Ein weiterer Schwerpunkt des Modells ist der Aufbau eines breiten lokalen Unterstützungsnetzwerkes der Pflegekräfte. Neben der Familie können Nachbarn und Freunde einbezogen werden. Zu dem Netzwerk gehören aber auch Ärzte und Sozialarbeiter. Durch die Nachbarschaftshilfe können zum Beispiel Spaziergänge oder Besuchszeiten für einen Plausch organisiert werden.

Kosten im Vergleich erheblich niedriger

Jos de Blok, der von 1993 bis 2006 Manager bei zwei überregionalen ambulanten Pflegediensten in den Niederlanden war, gründete die „Pflegerevolution“, wie Deutschlandfunk titelte. Über die Jahre hat de Blok eine eigene Software entwickeln lassen, die Pflegerinnen und Pfleger, Ärzte, Therapeuten und Ehrenamtliche vernetzt. In den Niederlanden wurde die gemeinnützige Organisation viermal in Folge zum besten Arbeitgeber gekürt. Sie beschäftigt mittlerweile 14 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in selbstständig agierenden Pflegeteams. „Vergütet werden nicht Einzelleistungen, sondern es gibt ein Zeitbudget. Die Kosten sollen im Vergleich zu konventionellen Pflegediensten erheblich niedriger sein“, hat die Lüneburger Arbeitsgruppe in Erfahrung gebracht.

Auch in Deutschland hat das Pflegemodell Einzug gehalten. Johannes Technau, Geschäftsführer von Buurtzorg Deutschland, wird dazu in der Veranstaltung berichten. „Wir wünschen uns, dass wir mit der Veranstaltung Pflegende erreichen, die zu etwas Neuem durchstarten möchten“, sagt Schröder-Henning.

Von Antje Schäfer