Christian Fabel hat mehrere Syrer bei sich zuhause aufgenommen. Bis heute hält der stellvertretende Bürgermeister von Neuhaus Kontakt zu ihnen. Foto: phs/dpa

„Es war eigentlich ruhig“

Sumte. Kaum ein anderer Ort in Deutschland stand im Herbst 2015 derart im Fokus wie Sumte in der Gemeinde Amt Neuhaus.

In dem kleinen Dorf rechts der Elbe richtete das Land Niedersachsen eine Notunterkunft für Flüchtlinge ein. Auf einen Schlag kamen auf rund 100 Einwohner knapp 750 Flüchtlinge aus 14 Nationen – und mit ihnen Journalisten aus aller Welt.

Entstanden ist die Notunterkunft im ehemaligen AIS-Bürodorf – dem einst größten Arbeitgeber im Amt. Die roten Ziegelstein-Flachbauten waren rappelvoll mit Etagenbetten. Schilder am Zaun einer Pferdekoppel warnten auch auf Arabisch, Tiere zu füttern oder zu berühren. Sumte wurde zu einem Symbol der Flüchtlingspolitik. Und alle warteten auf das Chaos.

„Das hat mich emotional und körperlich mitgenommen“

Der damalige Ortsvorsteher Christian Fabel (CDU) war die treibende Kraft hinter dem ungewöhnlichen Abenteuer für Sumte und mitverantwortlich dafür, dass am Ende das meiste gut ging. „Das hat mein Leben ganz schön durcheinandergebracht“, erzählt der stellvertretende Bürgermeister von Neuhaus im örtlichen Café. Natürlich seien die Bedenken der 100 Einwohner groß gewesen, fast täglich habe es Informationsabende gegeben. „Das hat mich emotional und körperlich mitgenommen“, beschreibt er die Ausnahmesituation, die fast ein Jahr andauerte. Der Arbeiter-Samariter-Bund als Betreiber der Unterkunft machte gute Arbeit und unterband manche Streitigkeiten und Ruhestörungen.

Eine Handvoll Menschen kam mit Plakaten, auf denen „Asylterror“ stand. „Die Rechten haben Stimmung gemacht“, berichtet Fabel. Die Situation sei nicht einfach gewesen, aber: „Das Gute war, es ist nichts passiert. Und natürlich bin ich der Ausländerfreund.“ Das stört den 60-Jährigen aber nicht weiter – die Kontakte zu mehreren Syrern, die er zeitweise sogar zuhause aufnahm, sind ihm wichtiger. Im vergangenen November war er zur Hochzeit von Rasem Soufi eingeladen, der inzwischen bei Chemnitz wohnt und Mathematik studiert. „Er hat seine Frau bei uns im Camp kennengelernt, inzwischen haben sie auch ein Kind“, erzählt der Mann mit dem Schnäuzer.Ein anderer junger Syrer wohnt in Hannover, Fabel half ihm bei Bewerbungen, inzwischen arbeitet er im Sicherheitsdienst. „Er nennt mich seinen deutschen Vater und meine Frau seine deutsche Mutter“, berichtet der Unternehmer.

Nachnutzung nicht einfach

Nur ein Jahr lang blieben die Fremden in dem Ort in der Elbmarsch, der vor der Wiedervereinigung zur DDR zählte und erst seit 1993 wieder zu Niedersachsen gehört. Wie schon vor 1945. Die Notunterkunft wechselte den Besitzer, inzwischen gibt es Pläne für einen Caravan-Stellplatz, altersgerechtes Wohnen von Senioren und eine Kindertagesstätte. Doch ganz so einfach ist die Nachnutzung der Häuser im Grünen nicht. „Die Flüchtlinge konnten hier von heut auf morgen rein, doch jetzt werden viele Steine in den Weg gelegt“, berichtet Gudrun Bahll, die mit ihrem Mann eine Pferdezucht gegenüber der Anlage betreibt. Sie ist die Schwiegermutter von Sven Bahll aus Mölln, der das mehr als zehn Hektar große Gelände erworben hat, und erzählt von mühevollen Behördengängen.

Ihr Rückblick auf die Zeit mit den vielen Zugereisten fällt positiv aus: „Anfangs war ich skeptisch, es war aber eigentlich ruhig“, erzählt Gudrun Bahll. Zur Sicherung des Hofes hatte sich die Familie eine Kamera installiert und Schilder aufgestellt, die vor den elektrischen Zäunen der Pferdekoppel warnten.

Junge Menschen zieht es in die Stadt

Was ist geblieben? Die Flüchtlingszahlen sind seit 2017 zurückgegangen, inzwischen hat Sumte nur noch wenige Geflüchtete, und die gelten als integriert. Unterbringungsprobleme hätte man nicht, so Fabel, die jungen Menschen ziehe es in die Stadt.

Zudem sei die Anbindung schwierig. Bisher müssen die Einheimischen eine kleine Fähre über die Elbe nehmen, wenn sie zu weiterführenden Schulen oder zur Ausbildung nach Lüneburg wollen. Herrscht Niedrigwasser, fährt sie nicht, und kilometerweite Umwege rauben die Zeit. Eine Elbbrücke zwischen Darchau und Neu Darchau ist geplant. „Das ist noch ein weiter Weg“, meint Fabel. Es zeichne sich ein Klageverfahren in Neu Darchau ab.

Immerhin hat sich die Straßenbeleuchtung verbessert. Und Fabel kann sich nun verstärkt auf sein Unternehmen für Garten- und Landschaftsbau konzentrieren. „Ich habe viel gefehlt, da sind die finanziellen Nachwehen noch spürbar. Und dann kam auch noch Corona“. dpa/rnd

Von Britta Körber