Viele Hamburg-Pendler sind verunsichert, seit die Stadt zum Corona-Hotspot geworden ist.

Pendeln in den Corona-Hotspot

Lüneburg. An diesem Morgen unterscheidet sich die Stimmung am Lüneburger Bahnhof nicht von der an anderen Oktobertagen. Es ist kalt, feucht und ungemütlich. Nur in der Bahnhofshalle ist es noch muckelig. Auf den zweiten Blick erkennt man aber die ein oder andere Sorgenfalte mehr auf den Gesichtern der Wartenden am Gleis. Diesmal geht es nicht in erster Linie um die nicht ganz unwahrscheinliche Verspätung des Zuges, sondern um die Gegebenheiten am Zielort. Am Vortag, dem 19. Oktober, hatte das Gesundheitsamt Hamburg mitgeteilt, dass der 7-Tage-Inzidenzwert in der Hansestadt die wichtige Grenze von 50 überschritten habe. Ab diesem Wert gelten die verschärften Bestimmungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, die Mitte Oktober von Bund und Ländern beschlossen wurden.

Jedes Jahr mehr Pendler

„Ich habe ein ungutes Gefühl“, sagt eine Frau im Vorbeigehen. Sie ist Ende 50, hat kurze grau-blonde Haare, trägt eine Aktentasche. Sie sehe ja, dass sich nicht alle Menschen an die Maßnahmen halten. Eigentlich könne sie von Zuhause aus arbeiten, nur heute müsse sie in die Firma – technische Probleme. Am Gleis 3 erzählt ein junger Rechtsreferendar (30) etwas anderes: Die Maßnahmen seien doch schon so sehr in den Alltag jedes einzelnen integriert, er könne sich nicht vorstellen, dass weitere Einschränkungen spürbare Veränderungen mit sich brächten. Die Hauptsache sei, dass die Maßnahmen durchgehalten würden, bis die Sache durchgestanden ist.

Die beiden Pendler sind zwei von rund 12 000 Lüneburgern, die sich täglich auf den Weg an die Elbe machen. Jedes Jahr werden es mehr. Lüneburg, größte Stadt im erweiterten Speckgürtel, ist also direkt von den Geschehnissen in Hamburg betroffen. Viele Hamburger zog es in den vergangenen Jahren in die Stadt. Ganze Neubaugebiete wurden für sie errichtet.

Alles ganz einfach

Am Gleis 6 erklärt der Auszubildende eines großen Telekommunikationsunternehmens, dass er keine Wahl habe. „Weder der schulische, noch der betriebliche Teil meiner Ausbildung lässt sich zuhause vorm PC machen“. Er sei besorgt, weil er zur Risikogruppe gehöre. Optimistischer, aber ebenfalls nicht ohne Sorge im Gesicht, schildert eine Frau – die hinter der Maske etwas verzweifelt auf ihr Frühstück blickt – ihre Situation. „Ich muss nicht oft nach Hamburg pendeln, aber wenn, dann nehme ich die Maske erst wieder ab, wenn ich zurück in Lüneburg bin.“ In Hamburg gäbe es so viele Menschen, und deshalb fühle sie sich dort nicht so besonders wohl und ließe die Maske auf.

Selbstbewusst erklärt der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma seinen Umgang mit der Situation. Er sei das ganze Jahr nach Hamburg zur Arbeit gefahren und werde jetzt nicht damit aufhören. „Kann ich auch gar nicht“. Neben gesundheitlichen Dingen müsse er sich vor allem um seine Familie kümmern. Was nütze die Gesundheit, wenn man arm ist? Man müsse sich ja einfach nur an die Regeln halten: „Abstand, keine Leute treffen, Händewaschen. Ganz einfach.“

Von Kevin R. Thomas