Die Malerin Lillemor Mahlstaedt lebt und arbeitet drei Monate in Lüneburg. Foto: t&w

Viel Output benötigt viel Input

Lüneburg. Eigentlich hat sie alles in ihrem Atelier in Hamburg. Platz, Licht, Rahmen, Moorlauge, Farbtuben in Hülle und Fülle und was immer sie zum Arbeiten nutzen mag. Sie kann dort große Formate aufziehen, und eine Malschule betreibt Lillemor Mahlstaedt ebenfalls zu Haus im Stadtteil Farmsen. Nun lebt sie Reduktion im schnuckeligen Hutzelhaus des Rote-Hahn-Stifts – als Stipendiatin der Uwe-Lüders-Treuhandstiftung. „Ich bin sooo dankbar, dass ich diese Möglichkeit habe“, sagt die Malerin.

Es ist ja nicht selbstverständlich, dass eine Künstlerin des Rentenalter-Jahrgangs 1952 ein Stipendium bekommt. Aber Uwe Lüders, dem Stifter des Stipendiums, geht es nicht ausschließlich um die Förderung des Nachwuchses. Der Lübecker Unternehmer mit Herz für Lüneburg möchte Künstlerinnen und Künstlern aus dem Norden eine Auszeit gönnen, in der sie sich nicht um Kasse und Küche kümmern müssen, sondern drei Monate ganz für ihre Malerei leben können. Unterkunft, Geld für Lebensunterhalt und Material – alles inklusive!

Lüders möchte mit seiner Stiftung mehr. Es solle um Schritte zur Professionalisierung der Stipendiaten gehen. Da allerdings besteht für Lillemor Mahlstaedt wenig Handlungsbedarf. Sie war Lehrerin, ist Kunsttherapeutin und seit 1992 freischaffend aktiv. Sie hat ihren Weg gefunden.

Am liebsten malt sie Menschen

Des Weiteren wünscht sich der Mäzen neben einer hohen Präsenz auch Bilder, die einen Bezug zur Stadt besitzen. Gebäude, Kirchen, Straßenzüge aber sind so gar nicht ihr Thema, meint die Künstlerin. „Ich bin eine Menschenmalerin“, sagt Mahlstaedt. Zwei Ideen aber verfolgt sie doch: Zum einen malt sie Portraits von Frauen aus der Stadt. Eine Zeichnung als Vorlage steht gerade auf der Staffelei. Lieber aber arbeitet sie direkt vor dem Modell auf Leinwand.

Auf ihrer Homepage sind Bilder aus einem Jahrzehnt dokumentiert, immer wieder Menschen. Menschen in Bewegung, beim Tanz, auf dem Eis, beim Fußball, beim Spiel mit dem Hund, auf der Schaukel, beim Tennis, im Wasser. Wie kommt da nun Lüneburg hinein? So: Lil­lemor Mahlstaedt greift zur Kamera, fotografiert die Stadt, vergrößert die Bilder und kratzt auf ihnen Flächen frei – Raum für Menschen. Das Verfahren ist sinnbildlich für ihre Kunst, sie ist im Kern gegenständlich, aber wird experimentierend aufgebrochen.

Lillemor Mahlstaedt hatte sich Licht für die Arbeitsfläche mitgebracht, aber das braucht sie gar nicht. Die Bedingungen im Atelierhaus seien ausgezeichnet. Auf das Stipendium wurde sie über eine Ausschreibung beim Bund Bildender Künstler aufmerksam und über ihren Kollegen Matthias Meinel. Er nahm das Uwe-Lüders-Kunststipendium der Sparkassenstiftung Lüneburg, wie es korrekt heißt, im Jahre 2018 wahr. Uwe Lüders besuchte die Künstlerin daheim in ihrem Atelier – und ließ sich überzeugen.

„Ich habe mir in Hamburg die Zeit für die Malerei immer abgeknapst“, sagt sie. Jetzt sei sie zum ersten Mal frei von allem Alltagsgewusel. So viel Zeit wie möglich will Lillemor Mahlstaedt in der Stadt verbringen, vor allem natürlich zum Malen. Aber ihre Tochter lebt auch in der Stadt, und in einer gemütlichen Ecke des Wohnateliers liegt eine Menge Lesestoff. Die Zeit und die LZ und ein kleiner Stapel Bücher. Eva Menasse ist dabei, Norbert Scheuers „Winterbienen“ und das Buch von Julia Voss über die Entdeckung der schwedischen Malerin Hilma af Klint. Wer viel Output bringen will, braucht viel Input.

Von Hans-Martin Koch