Seit gut einem Jahr zwingen die Knickpfosten in der Spitzkehre Auto- und Motorradfahrer, vom Gas zu gehen. Foto: t&w

Spitzkehre in Alt Garge: Aufregung hat sich gelegt

Alt Garge. Die Empörung war groß im September vergangenen Jahres. Motorradfahrer fühlten sich plötzlich kriminalisiert, so mancher Biker gar seiner individuellen Freiheit beraubt. Freie Fahrt für freie Bürger – diesen Grundsatz habe der Landkreis mit seinen baulichen Maßnahmen in der Spitzkehre bei Alt Garge außer Kraft gesetzt, so der Vorwurf. Der Bundesverband der Motorradfahrer fuhr denn auch schweres Geschütz auf, kündigte rechtliche Schritte an.

Jetzt, ziemlich genau ein Jahr später, ziehen Jens-Michael Seegers, Chef des kreiseigenen Betriebs für Straßenbau und Unterhaltung (SBU), und Erster Polizeihauptkommissar Andreas Dobslaw Bilanz: „Die Aufregung der ersten Monate hat sich gelegt“, betonen die beiden – und: „Die Maßnahme hat sich bewährt!“ Dobslaw, der auch Geschäftsführer der Lüneburger Unfallkommission ist, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich werde die Maßnahme im kommenden Jahr polizeiintern an der Polizeiakademie als ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Verkehrsberuhigung vorstellen.“

Spitzkehre war Rennstrecke für Motorradfahrer

Wie berichtet, hatte der Landkreis 2019 die Spitzkehre in Alt Garge – die sogenannte Applaus-Kurve – mit insgesamt 60 rot-weiß-roten Knickpfosten, einer geänderten Verkehrsführung und einer Tempo-Reduzierung auf 30 km/h entschärft. Aus Verkehrssicherheits- aber auch aus Lärmschutzgründen: Denn immer führten Bürger aus Alt Garge sowie Besucher des örtlichen Campingplatzes Klage über Motorradfahrer, die mit ausgeräumtem Auspuff und hoher Drehzahl die Straße zu ihrer privaten Rennstrecke gemacht hatten und vor allem an den Sonn- und Feiertagen die Spitzkehre hoch und runter donnerten.

Dass es nur einige wenige Auto- und Motorradfahrer sind, die sich daneben benehmen, die baulichen Maßnahmen nun aber alle Verkehrsteilnehmer treffen, ist den Verantwortlichem beim Kreis und der Polizei bewusst. Denn die geänderte Verkehrsführung führt nun einspurig durch die Spitzkehre, das heißt, der Gegenverkehr muss anhalten. Große Warn- und Hinweistafeln an beiden Seiten der Spitzkehre weisen die Auto- und Motorradfahrer auf die neue Situation hin.

Doch die Verkehrsteilnehmer scheinen diese Verkehrsführung akzeptiert zu haben. „Aus polizeilicher Sicht ist die Strecke jetzt unauffällig,“ sagt Dobslaw. Wobei diese Einschätzung zumindest für das Thema Lärm wohl nicht ganz zutreffend ist. Hier sei allerdings der Gestzgeber und weniger die Straßenbauer gefragt, denn: „Dass zum Beispiel Auspuffanlagen mit Klappensteuerung und entsprechender EU-Norm legal sind, ist Lärmgeplagten nur schwer klarzumachen“, verdeutlicht Dobslaw die Probematik. Mit dieser Technik wird der Auspuff auf Knopfdruck zur Krawalltüte. „Warum darf man sowas in Deutschland überhaupt kaufen?“, ärgert sich der Erste Polizeihauptkommissar.

Maßnahmen haben Wirkung gezeigt

Keine Frage, weil illegal, ist aber das Fahren ohne den sogenannten „DB-Eater“, jenes Endstück im Auspuff, das so mancher Krawallmacher gerne schon mal rausschraubt, bevor er auf die Strecke geht. Im Juli hatte der SBU laut Seegers noch einmal die Spitzkehre genauer unter die Lupe genommen – und festgestellt: Es waren nur wenige Motorradfahrer unterwegs, trotz des guten Wetters. Der SBU-Chef ist überzeugt: „Das lag nicht nur daran, dass wir die Kurve mit der neuen Verkehrsführung unattraktiv gemacht haben“, ein viel gewichtigerer Grund dürfte seiner Einschätzung nach die Corona-Pandemie sein. „Die Leute waren im Frühsommer deutlich weniger unterwegs.“ Ein Beobachtung, die Verkehrsexperte Dobslaw untermauern kann.

Übrigens: Der erste Ärger über die neue Spitzkehren-Verkehrsführung scheint auch beim Bundesverband der Motorradfahrer verraucht zu sein: Der hatte seinerzeit juristische Schritte angekündigt (LZ berichtete), doch gekommen ist in diese Hinsicht nichts, berichtet Dobslaw. Und auch die Knickpfosten scheinen inzwischen von den Verkehrsteilnehmern akzeptiert zu werden: Nur einmal, kurz nachdem die Pfosten aufgestellt waren, wurden sie von Unbekannten in einer Nacht- und Nebelaktion wieder abgesägt. Der Täter wurde nie ermittelt. Jetzt liegen zwar hin und wieder Pfosten im Straßengraben. Wohl aber nur deshalb, weil so mancher Lkw-Fahrer die Kurve zu eng nimmt und mit seinem Anhänger die Pfosten touchiert, vermuten Seegers und Dobslaw.

Von Klaus Reschke