Drehpause: Das Team ist fort, Kulisse und Equipment bilden ein skurriles Stillleben. Foto: Malte Sänger

Ausstellung in der Kulturbäckerei: Besuch in einer Zwischenwelt

Lüneburg. Einen Spielfilm zu drehen, das ist in der Regel eine aufwändige Angelegenheit mit vielen Mitarbeitern, davon kündet meist ein nicht enden wollender Abspann. Im Film selbst darf davon natürlich nichts zu merken sein. Summende Betriebsamkeit am Set, am Ende die Entstehung einer in sich geschlossenen Welt, die vielleicht in einer ganz anderen Zeit angesiedelt ist: Der Fotograf Malte Sänger hat beides zugleich eingefangen, eine seltsame Zwischenwelt dokumentiert: „French Flags, Butterflies & Bazookas“ ist der Titel seiner Ausstellung, die in der Kulturbäckerei zu sehen ist.

Equipment für die Dreharbeiten

Der Titel bezieht sich auf Equipment für Dreharbeiten. Den Hintergrund der durchweg quadratischen Fotografien bildet eine historische Kulisse: Salons, Treppenhäuser, repräsentative Säle eines Schlosses. Doch die majestätische Pracht wird empfindlich gestört. Hier hat sich sein Filmteam breitgemacht. Stative, Strahler, Reflektorschirme, Absperrungen, Kabeltrommeln und viele kleine Dinge, die der Laie nicht sofort identifiziert, stehen herum. Manchmal sind es auch nur ein paar Wasserflaschen und eine Dose Haribo, die für Irritation sorgen. Die Besatzung selbst ist nicht zu sehen, Mittagspause vermutlich, Drehpause. Hier ist wieder die große Stille eingekehrt.

Aber die architektonische Harmonie ist aufgebrochen. Feldherren und gekrönte Häupter blicken von großen, üppig umrahmten Ölschinken herab auf die kühlen, funktionalen, Technik-Arrangements Was mag hier gedreht werden? Eine Doku? Ein historischer Kostümfilm? Es gibt weder Informationen über die Dreharbeiten noch über die Schauplätze, es liegen auch kaum Requisiten herum, keine Kleider, keine gepuderten Lockenperücken. Natürlich weckt so etwas den Ehrgeiz des Betrachters, auf einem Bild ist ein Schreibtisch zu sehen, auf dem Fußboden umgeben von beschriebenem Papier. Ringt hier ein Dichter oder ein Diplomat um die richtigen Worte?

Konstruktion von Illusion

Wir werden es wohl nie herausbekommen, und die Intention des Fotografen ist ohnehin eine andere: Hier geht es um die Konstruktion von Illusion, also von scheinbarer Realität. Dafür müssen Ton und Licht perfekt sein, die Perspektiven glaubhaft, der Zuschauer soll schließlich vergessen, dass hinter der Kamera all die Macher stehen und für ein paar Minuten oder auch nur Sekunden nahtlos Hand in Hand arbeiten, bis für die nächste Szene das ganze Gerödel neu sortiert wird. Und am Ende des ganzen Zaubers steht das Schloss wieder nur für sich, unbewohnt, als Museum der Vergangenheit in der realen Gegenwart.

Malte Sänger, Jahrgang 1987, studierte Fotografie, Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Er erhielt eine Reihe von Auszeichnungen und Stipendien, seine Arbeiten sind unter anderem Teil der Kunstsammlung der Deutschen Börse Photography Foundation.

Stichwort Gegenwart: Die Ausstellung in der Kulturbäckerei läuft bis zum 6. Dezember.

Von Frank Füllgrabe