Timm Schindel (l.) begleitet den Miniatur-Bau einer argentinischen Familie mit seiner Kamera. Foto: privat

Argentinische Familie baut für das Miniatur Wunderland

Lüneburg/Buenos Aires. Rio de Janeiro wurde kürzlich zerlegt. Der Copacabana Palace liegt gemeinsam mit weiteren Wahrzeichen und kleineren Wohnhäusern, Bäumen und Fahrzeugen gut verpackt in selbstgebauten Holzboxen. Nun wartet die südamerikanische Großstadt darauf, nach Hamburg geschifft zu werden. Als nächstes steht Patagonien auf dem Programm, 76 Quadratmeter Gletscher, Eis und Schnee: Eine argentinische Familie baut für das Miniatur Wunderland in Hamburg einen Teil von Südamerika im Kleinformat. Der Lüneburger Timm-Christian Schindel begleitet das Projekt mit der Kamera. Daraus entsteht die Dokumentation „How to build South America“.

„Das ist alles ziemlich verrückt“, begeistert sich Schindel, „und es hört gar nicht auf, spannend zu sein.“ Der 40-Jährige lebt seit Februar in Argentinien, in der Nähe von Buenos Aires bei einer Familie, die laut Schindel mindestens genauso verrückt ist wie das ganze Projekt, für das er arbeitet.

„Das Miniatur Wunderland Hamburg hat die Familie Martinez 2017 auf einer Ausstellung in den USA kennengelernt, dort haben sie dann ihre Seelenverwandtschaft entdeckt und beschlossen, das Projekt gemeinsam umzusetzen“, erzählt der Lüneburger, der 2011 seine eigene Produktionsfirma gegründet hat, ab 2013 für drei Jahre bei der Video-Plattform LZPlay gearbeitet hat und anschließend als Video-Chef zum Miniatur Wunderland gewechselt ist.

"Er ist so unfassbar detailverliebt"

Der ursprüngliche Plan für das neue Wunderland-Projekt war indes ein ganz anderer: Als das Unternehmen zusätzliche 400 Quadratmeter Platz in der Speicherstadt gewinnen konnte, wollten die Betreiber eine gläserne Brücke über den Fleet schlagen und in dem neuen Teil England im Miniaturformat bauen. Das sollten, wie es sich bisher bewährt hatte, die Modellbauer aus Hamburg übernehmen. Von diesem Plan ist nur die gläserne Brücke geblieben.

„Lass uns doch lieber 400 Quadratmeter Südamerika bauen und das mit der verrückten Familie aus Argentinien machen“, soll das Wunderland laut Schindel nach dem Treffen in Amerika gesagt – und dann realisiert haben. Zum ersten Mal wird nun ein ganzer Teil der Miniatur-Ausstellung nicht in Hamburg, sondern in Südamerika gebaut. Das soll den Modellen mehr Authentizität verleihen.

„Peter, der Sohn der Familie, ist der Chefmodellbauer. Er ist so unfassbar detailverliebt, baut alles super realistisch, haucht jedem kleinsten Teil Leben ein. Das macht mega Spaß“, erzählt Schindel. Er selbst ist dafür verantwortlich, den gesamten Bau, die Planungen und Absprachen zwischen den argentinischen und den Hamburger Modellbauern, die wegen des Coronavirus nur noch digital ablaufen können, mit seiner Kamera aufzunehmen und daraus kleine Filme zu erstellen.

Die ganze Pandemie in Argentinien erlebt

Die ersten drei Teile hat Schindel aus Hamburg gefertigt. „Wir hatten ein Video-Team aus Buenos Aires, das regelmäßig zur Familie gefahren ist und mir die Aufnahmen geschickt hat.“ Im Februar wollte er eigentlich nur einmal runter fliegen, um sich selbst noch mal ein Bild von der Situation zu machen. Es gefiel ihm so gut, dass er die ganze Pandemie dort verbrachte. „Ich ließ Rückholflüge sausen, zog zu der Familie auf den Hof. So habe ich viel mehr mitbekommen, als es aus Hamburg jemals möglich gewesen wäre“, begründet der Lüneburger. Die vierte Episode, die wie alle anderen bereits auf Youtube zu sehen ist, ist somit vor Ort entstanden.

Schindel reicht das nicht aus. In seiner Zeit in Argentinien habe ihn neben dem Projekt noch etwas ganz anderes fasziniert: „Die Familie Martinez ist an sich schon eine Geschichte wert. Wie sie hierhin gekommen sind, ihr Haus, das sie von Hand gebaut haben, dieser Zustand des Nie-fertig-Seins – aber ohne Leistungsdruck und Unzufriedenheit – das alles fasziniert mich. Ich möchte diese Geschichte erzählen.“ Deshalb plant der Lüneburger, aus dem gesammelten Material eine eigene Dokumentation zu erstellen. Eine, die der Familie Martinez gerecht wird und die Mentalität dieser „Steh-auf-Männchen“, wie er es beschreibt, auch nach Deutschland tragen kann.

Wie lange er noch in Argentinien bleiben wird, lässt Schindel offen: „Ich habe aufgehört zu planen. Solange es mir hier gefällt und solange ich diese Arbeit machen kann, bleibe ich hier.“

Die vierte Episode der Doku „How to build South America“, die Schindel in Argentinien gedreht hat, kann bei Youtube angeschaut werden. Mehr über Timm Schindel gibt es auf www.timmschindel.de/work im Netz.

Von Lilly von Consbruch