Die „Bello Sisters“ machen beim Supertalent Eindruck

Handorf. Die Moderatorin klagt über Schweißausbrüche, Komiker Chris Tall beißt die Zähne zusammen und It-Girl Evelyn Burdecki bleibt nur noch eins zu sagen: „Oh mein Gott!“ Beim diesjährigen Staffelauftakt der RTL-Castingshow „Supertalent“ blieb Jury und Publikum kurzzeitig die Spucke weg. Der Grund: drei junge Frauen aus dem Landkreis Lüneburg. Auf der Bühne wagen die Schwestern, die sich im Show-Business gerade einen Namen als „Bello Sisters“ machen, den Handstand übereinander, Spagat in luftiger Höhe – und noch so einiges mehr, was über das kleine ABC der Akrobatik hinausgeht. Bohlen findet’s „hammermäßig“, der Rest der Jury auch: Mit vier Ja-Stimmen hat das Lüneburger Trio die erste Hürde genommen.

„Wir konnten es erst gar nicht glauben“, erinnert sich Loren Bello (22) an ihren Erfolgsmoment im August – ausgestrahlt erst am vergangenen Wochenende. Dabei haben sie und ihre Schwestern Celine (20) und Joline (14) bereits Erfahrung in Sachen Talentshow. Erst wenige Wochen zuvor standen sie im Finale von „America’s Got Talent“, quasi dem Pendant zum Supertalent in den Vereinigten Staaten. Ein nervenaufreibendes Unterfangen. Nach ihrem ersten und zugleich letzten Auftritt in Amerika im März zwang die Corona-Pandemie den Sender zum Umplanen: Die Performances der drei Frauen wurden fortan aus einem Kölner Filmstudio in die Staaten übertragen, damit Heidi Klum, Sofía Vergara und Co. Woche für Woche ein Urteil abgeben konnten. Und weil ihre Leistungen bei den amerikanischen Zuschauern gut ankamen, hieß es dann jede Woche wieder: neue Musik, neue Outfits, neue Choreographie.

Zirkusfamilie in achter Generation

Für das Trio absolutes Neuland: „Als Zirkusartisten zeigt man sonst ein Leben lang dasselbe Programm“, erzählt Loren beim Termin mit der LZ in der Handorfer Sporthalle. Bis zum Ausbruch der Pandemie hatten sie zwei Jahre lang im Zelt von Circus Roncalli vor großem Publikum gestanden – ohne Fernsehkameras, aber mit ordentlich Beifall. Die Idee mit der Talentshow war für sie ein Schritt raus aus der Arbeitslosigkeit und rein in ein neues Abenteuer. Während Mutter Gipsy Bügler, die einst mit Stelzen über das Hochseil balanciert ist, immer wieder Zweifel kamen, ob der Druck für ihre Töchter nicht doch zu hoch sein könnte, waren sie selbst vom Ehrgeiz gepackt. Daran konnte auch eine Knieverletzung, die Loren zwischenzeitlich zum Tragen einer Schiene zwang, nichts ändern.

Loren, Celine und Joline entstammen einer italienisch-deutschen Zirkusfamilie in achter Generation. Die Akrobatik liegt ihnen quasi im Blut: Ihr Vater war als bekannter Artist mit diversen Zirkussen auf Reisen, zeitweise tourten er und sein Bruder auch als die „Bello Brothers“ durch die Staaten. Dass sie einmal in ihre Fußstapfen treten würden, hätten sie selbst entschieden, betonen die drei Schwestern. „Wenn du das jeden Abend siehst, willst du das irgendwann einfach auch.“ Bereits im Grundschulalter standen sie das erste Mal in der Manege. Ein Leben auf gepackten Koffern, mit konsequenter Online-Beschulung und viel Disziplin.

Gesunde Ernährung und tägliches Training seien Pflicht, erzählt Loren, die als die Selbstbewussteste der Drei gern die Rolle der Sprecherin übernimmt. Dafür sorgt Celine mit frechen Sprüchen auch dann noch für Spaß bei der Arbeit, wenn die Nerven drohen blankzuliegen, und erweist sich Joline mit ihrem harten Trainingsplan den anderen beiden als konsequentes Vorbild. „Sie sind schon immer sehr eng miteinander, machen alles zusammen“, sagt Mutter Gipsy Bügler. „Sie sind wie beste Freundinnen.“

Dass sie nun seit ein paar Monaten im Landkreis Lüneburg leben, ist der Corona-Krise geschuldet. Als der Lockdown kam und der Zirkusbetrieb eingestellt wurde, konnten sie spontan bei einem Familienmitglied unterkommen. Wie lang sie bleiben werden, ist ungewiss. „Wir vermissen die Arbeit unter dem Zeltdach und das Publikum sehr“, verrät Loren. Der 22-Jährigen schwebt für die Zukunft ihrer Truppe keine reine TV-Karriere vor. „Im Zirkus sind wir zu Hause.“ Dass ihnen dieses Zuhause durch die Pandemie genommen werden könnte, bereite ihr derzeit mehr Kopfzerbrechen als die waghalsigste Akrobatiknummer.

Bleibt also nur, ein Nahziel zu stecken: Der Traum vom Supertalent-Finale treibt sie momentan jeden Vormittag zum Training in die Handorfer Sporthalle. Vom Medienrummel um ihren Casting-Auftritt bekommen sie dort nur beim Blick aufs Handy etwas mit. Bei Schlagzeilen wie „Drei heiße Engel für Dieter Bohlen“ muss Celine schon ziemlich schlucken, „zumal Joline doch erst 14 ist“, sagt sie. Loren nickt betreten. Dass Bohlen Anspielungen zu ihrer Optik machen würde, sei zu erwarten gewesen. „Der darf das, aber bitte nicht so platt“, sagt Loren. Und erst recht nicht ohne Würdigung ihrer akrobatischen Leistung. Beim Zirkus wäre das nicht passiert, murmelt Loren. Beim Zirkus war die Welt noch eine andere.

Von Anna Petersen