Verbände wechseln, Frühstück machen, waschen, anziehen: Norbert Stiehl-Schäfer hat viel zu tun in seiner Frühschicht. Foto: Philipp Schulze

Reportage über eine Schicht im Pflegedienst

Lüneburg. „Ruhige Tour“, ruft Norbert Stiehl-Schäfer seiner Kollegin noch schnell durch das geöffnete Autofenster hinterher. Es ist kurz nach sechs am frühen Morgen. 13 Patienten hat er in den nächsten acht Stunden zu versorgen: Verbände wechseln, Medikamente geben, Frühstück zubereiten, waschen, anziehen. „Ruhige Tour“, murmelt er, während er sein Auto durch die verschlafenen Straßen Lüneburgs lenkt. „Das sagt man hier so, auch wenn das eigentlich nie klappt.“

Norbert Stiehl-Schäfer ist Pflegefachkraft beim ambulanten Dienst des DRK-Ortsvereins Lüneburg-Stadt. Oder wie er sagt: „Pastor, Friseur, Seelentröster, Hausmädchen – irgendwie alles.“ Ein Mann, der schon als Kind jedem helfen wollte, und es jetzt beruflich tut. Im Akkord. Dann, wenn andere noch oder schon wieder schlafen, klingelt er an den Türen der Alten und Einsamen. Lächelt, auch wenn es gerade wenig zu lachen gibt. Hört zu, selbst wenn die Stoppuhr ihm etwas anderes rät.

„Aber jeder hat doch auch ein Recht auf Verwahrlosung“

„Wir haben 14 Minuten Zeit“, erklärt der 47-Jährige mit Blick auf sein Smartphone. Dann steckt er den Schlüssel ins Schloss der ersten Wohnung, atmet einmal tief ein, knipst das Licht an. Eine Nikotinwolke sucht den Weg ins Freie, dahinter blinzelt ihm ein Mann in Jogginghose vom fleckigen Sofa aus entgegen. „Guten Morgen! Ich setz‘ schon mal den Kaffee auf“, flötet Norbert Stiehl-Schäfer. Der Senior nickt stumm und wendet seinen Blick wieder dem Fernseher zu. Moderator Harald Lesch erklärt, wie man aus Kartoffeln Alkohol herstellt. Zwei Wellensittiche in einem Käfig fechten lautstark ihren Beziehungskrieg aus, die Kaffeemaschine blubbert. Hört sich so ein guter Morgen an?

Ansichtssache, meint Norbert Stiehl-Schäfer. Früher hat er mal in einem Heim gearbeitet. Dort habe niemand auf dem Zimmer rauchen dürfen. Dort hätte es auch niemals so beißend gerochen – weil in solchen Einrichtungen ein Großteil der Entscheidungen fürs Leben in Hausordnungen und Pflegeprotokollen festgeschrieben seien. „Aber jeder hat doch auch ein Recht auf Verwahrlosung“, findet der Pflegeexperte, grübelt kurz über das Gesagte nach und ergänzt: „Ich meine, Menschen sind doch unterschiedlich – und so unterschiedlich sind eben auch ihre Bedürfnisse.“

Wunden ausmessen und verarzten

Ein bisschen Hilfe muss trotzdem sein. Norbert Stiehl-Schäfer geht mit dem grauen Mann die Speisekarte vom Lieferservice für die nächsten Tage durch: Hähnchen oder Kohlroulade? Nutzt dessen Zigarettenlänge, um noch eben den Abwasch zu erledigen und die Krümel vom Tisch zu fegen und verschwindet dann mit seinem Kunden ins Bad. Am Ende stehen 18 Minuten auf seiner Uhr. „Also, vier Minuten Ehrenamt“, seufzt der DRK-Mitarbeiter, während er ins Auto steigt. „Oft würde ich den Menschen gern noch mehr helfen, mich auch mal hinsetzen und klönen – nicht nur husch husch, rein, raus.“ Kurzes Schweigen. „Aber jetzt sitzt er wieder allein dort mit seinen Sittichen.“ Kopfschütteln.

Weiter geht’s durch Lüneburg: Zweimal Stützstrümpfe anziehen in jeweils sechs Minuten. Sechs Minuten, die die Kasse zahlt – und manchmal zwei, die ihm sein Gewissen abverlangt. Stoppuhr an, Stoppuhr aus. Die Sonne löst gerade die Laternen ab, da muss Norbert Stiehl-Schäfer Ludwig Schneider* aus dem Schlaf holen. Ein hagerer Mann linst unter der Bettdecke hervor, der Pfleger hilft ihm beim Aufsetzen und plaudert fröhlich vor sich hin. Wie das Wetter wird und was jetzt alles ansteht: Wunden ausmessen und verarzten, Beinprothese anlegen, waschen.

„Viele Sachen gehen einem da auch ans Herz.“

Die beiden Männer verbindet eine längere Geschichte: Norbert Stiehl-Schäfer hat bereits Schneiders Frau gepflegt, bevor sie verstarb, dann miterlebt, wie der Senior nach einer Operation mit der Prothese kämpfte und Selbstständigkeit zur Unmöglichkeit wurde. „Da baut man eine Beziehung zu den Menschen auf“, erklärt Norbert Stiehl-Schäfer. „Viele Sachen gehen einem da auch ans Herz.“ Und das schlägt weiter, auch wenn die Stoppuhr aus ist. Schmerzt, wenn ein Abschied naht. Bei aller Professionalität: Manchmal beschäftigt ihn das tagelang. Was man dagegen tun kann? Schulterzucken. „Aber das darf auf keinen Fall Überhand nehmen. Sonst geht man daran zugrunde.“

Der routinierte Monolog des Frohsinns nach Stiehl-Schäfer folgt einer einfachen Formel: das Wetter, die Schlagzeilen und ein gesundes Repertoire an Zitaten für alle Lebenslagen. Für Hannelore Maler* hat Norbert Stiehl-Schäfer heute Joachim Fuchsberger in petto: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“, kommentiert er ihr lautes Fluchen über müde Knochen. Die Seniorin muss unwillkürlich lachen. Das tut sie oft, wenn „ihr“ Norbert zu Besuch ist. Sonst klingelt ja auch selten einer an der Tür. Freunde? „Da bin ich nicht so für.“ Familie? „Lebt weit weg.“

„Aber das war heute nicht drin“

Also muss Norbert dafür sorgen, dass sie das Essen nicht vergisst, ihre Medikamente einnimmt, ihr Haar sitzt – und sie ihr Lachen nicht verliert. Im Heim, sagt sie, würde sie wohl eingehen. „Nein, zu mir kommt besser der gute Norbert.“ Der weiß genau, wie sie ihren Kaffee mag, wo die Fernbedienung liegt und von welchem Arzt sie welche Rezepte braucht. Nur Zeit hat er selten. Scherzen kann er, auch wenn er von Zimmer zu Zimmer rennt, um das Frühstück vorzubereiten oder die Wundsalbe zu suchen, kurz Platz nehmen aber kann er nicht. Wie jeden Tag setzt er am Ende in seiner Handy-App Haken für Haken hinter die vollbrachten Leistungen – ein Feld aber bleibt bei Hannelore Maler leer: „Betreuung“, steht davor. Heißt übersetzt: Zeitung vorlesen oder Spiele spielen. „Aber das war heute nicht drin“, seufzt Norbert Stiehl-Schäfer, als er die Tür hinter sich zuzieht. Das ist, genau genommen, selten drin.

Manchmal lässt ihn das hadern – nicht mit seiner Berufswahl, sondern mit dem System. Das werde „kaputtgespart“, klagt er. Das Nachsehen hätten nicht nur die, die gepflegt werden, sondern auch die, die pflegen. „Dieser Job ist etwas für Idealisten, aber Geld verdienen kann man damit kaum.“ Dazu die Arbeitsbelastung – psychisch wie physisch: „Das kann man nicht bis zur Rente durchziehen“, sagt Norbert Stiehl-Schäfer. „Wenn ich es bis 58 durchhalte, ist das schon gut.“ Obwohl auch er Idealist sei.

Unflexible Anfahrtspauschalen der Kranken- und Pflegekassen

Kathrin Kästner, Leiterin des DRK-Pflegedienstes, kennt diese Sorgen. Die Folgen: Pflegenotstand und Unterversorgung – vor allem im ländlichen Raum. Inzwischen herrsche auch in Lüneburg ein regelrechter „Kampf um die Kräfte“. Zwölf DRK-Mitarbeiter versorgen rund 80 Menschen im Stadtgebiet und in den angrenzenden Ortschaften. Die meisten Kollegen, sagt Kästner, seien aber keine Pflegefachkräfte, sondern Hilfskräfte – und damit nicht für medizinische Leistungen einsetzbar.

Dieser Umstand und die unflexiblen Anfahrtspauschalen der Kranken- und Pflegekassen führten dazu, dass immer wieder potenzielle Kunden in entfernteren Orten abgelehnt würden. Die LZ hatte bereits am Montag von einem Fall in Grünhagen berichtet, bei dem die Suche nach Unterstützung gescheitert war. Kästner plädiert daher für eine politische Kehrtwende hin zu mehr Wertschätzung für das Pflegepersonal. „Dass nun jeder vom Arbeitsamt in die Pflege geschickt wird, ist jedenfalls ein fataler Fehler. Diesen Beruf kann nicht jeder machen.“

Das sagt auch Norbert Stiehl-Schäfer. Er sei gern der „gute Norbert“, sagt er, aber ein noch besserer Norbert würde er wohl sein, wenn er sich Zeit nehmen könnte für die Menschen, für die sich niemand Zeit nimmt.

*Namen von der Redaktion geändert

Von Anna Petersen