Gefangen in der eigenen Wohnung (Symbolfoto): Viele ältere Menschen sind im Alltag auf Unterstützung angewiesen. Die auch zu bekommen, ist aber nicht immer leicht (Foto: stock.adobe).

Zu stolz für Hilfe? 97-Jährige bekam keinen Pflegegrad II

Lüneburg. Wenn Wilma Lorenz* mal an die frische Luft muss, steht sie mit ihrem Rollator in der Tür – hinter der Schwelle, die sie von jener Welt trennt, die auch mal ihre war. Dann lässt sie sich einige Minuten lang einen Hauch Leben um die Nase pusten und schiebt sich auf dem Rollator sitzend wieder zurück an den Küchentisch. Das ist ein Kraftakt, das tut den kaputten Knien nicht gut. Aber der Rollstuhl passt nun mal nicht um die engen Kurven, ist nicht wendig genug – „und das Altenheim wäre der letzte Ort, wo ich hingehe“. So viel will sie klarstellen.

Der Weg vor die Tür wurde zur Unmöglichkeit

Was also tun? Bislang hat sie immer für alles eine Lösung gefunden. Als sie den Rollator noch schieben konnte, krabbelte sie abends die Treppe zum Schlafzimmer auf allen Vieren hinauf und morgens wieder hinab, „wie ein Hund“. Die 97-Jährige lacht bitter auf. Als der Weg vor die Tür zur Unmöglichkeit wurde, trommelte sie Nachbarn und Bekannte zusammen, damit die hin und wieder Einkäufe für sie erledigen. Seit auch die Tiefkühltruhe hinter der Stufe zum Abstellraum unerreichbar ist, kommt täglich jemand, um ihr ein paar Scheiben Brot oder etwas für die Pfanne herauszuholen. Der Plan ist gut, aber nicht ganz wasserfest. Fällt einer aus, wird es kompliziert. Dann telefoniert sie sich durch die Nachbarschaft, um nicht hungern zu müssen. „Es ist nicht schön, wenn man im Alter so abgeschoben wird“, sagt Wilma Lorenz – und meint damit nicht die Nachbarn, sondern das Pflegesystem grundsätzlich.

Keine Lust mehr auf den "Idiotentest"

2018 hat die Seniorin zweimal den Medizinischen Dienst im Haus gehabt. Doch den erhofften Pflegegrad II bekam sie nicht. „Wahrscheinlich haben sie das abgelehnt, weil ich mir den Hintern weder abwischen noch waschen lassen will – und wenn es eine Stunde dauert“, mutmaßt sie. Überhaupt habe sie die Treffen als herabwürdigend empfunden. Ob sie wohl den Knopf an der Jacke selbst schließen könne, hätten sie gefragt. Da habe sie sich wiederum gefragt, „ob man denn mit über 90 gleich dement sein muss“. Wilma Lorenz beherrscht alle wichtigen Telefonnummern auswendig, Notizen macht sie sich selten. Sie ist schnell im Kopf. Das hört sie gern, dann wird sie rot und zwinkert: „Ach wissen Sie, ganz neu bin ich trotzdem nicht mehr.“ Deshalb ja der Pflegegrad II. „Damit könnte ich zumindest die Menschen bezahlen, die für mich arbeiten.“

Die LZ hat bei der Barmer-Krankenkasse nachgefragt. Von dort heißt es, seit September 2018 habe weder die Versicherte selbst noch ihre Betreuerin bezüglich Pflegeleistungen Kontakt mit ihnen gehabt. „In der Zwischenzeit kann doch viel passiert sein. Bei der betagten Dame bietet es sich also an, dass zeitnah ein Höherstufungsantrag gestellt wird.“ Wilma Lorenz aber sagt: „Ich habe keine Lust mehr, das dritte Mal den Idiotentest zu machen.“ Und so herrscht Stillstand in der Sache.

Corona hat die Situation zusätzlich erschwert

Ein Einzelfall? Beate Lockemann, Leiterin des SoVD-Beratungszentrums Lüneburg, begegnen immer wieder Menschen, bei denen Gefühle wie Scham, Stolz oder auch Angst zu einer Fehleinstufung des Pflegegrades führten. „Manche haben Sorge, dass sie ins Heim kommen, wenn einer sieht, dass die Pflege zu Hause nicht sichergestellt ist.“ Dann werde der Medizinische Dienst erst gar nicht kontaktiert, in der Folge vielleicht eine dringend notwendige Leistung nicht bezogen. Wenn eine Person wiederum im Gespräch behaupte, sie brauche keine Hilfe beim Toilettengang, obwohl dieser ohne Unterstützung eine ganze Stunde in Anspruch nimmt, könne das schon entscheidend sein für die Einstufung des Pflegebedarfs.

Aufgrund der Corona-Pandemie seien die Gespräche mit dem Medizinischen Dienst zuletzt oftmals am Telefon geführt worden. Das mache die Situation nicht besser – im Gegenteil: „Manche Menschen sind ja gar nicht in der Lage dazu, ihre Probleme sprachlich auszudrücken“, weiß Beate Lockemann. „Dann sacken sie hinterher in sich zusammen und sagen: Ich habe mich doch gut präsentiert.“ Ja, aber eben an der Realität vorbei. Vor Ort würden die Schwierigkeiten der hilfsbedürftigen Personen schneller offensichtlich, zum Teil auch direkt durch praktische Tipps und Lösungen beseitigt. Stolperfallen zum Beispiel.

Gestolpert oder gestürzt ist Wilma Lorenz bislang nicht, „aber man weiß ja nie“. Sie ringt mit sich und ihrem Stolz. „Vielleicht lasse ich doch noch einmal jemanden von der Krankenkasse kommen“, sagt sie. Dann aber bald. „In meinem Alter kann ja jeder Tag der letzte sein.“

*Name von der Redaktion geändert

Von Anna Petersen