Von Seiten des Landkreises gibt es nur selten Erklärungen zu den Entwicklungen, auch im Falle der Lüneburger Senioren Residenz. Foto: Michael Behns

Wenn Behörden zu lange schweigen

Lüneburg. Corona-Ausbruch in einer Seniorenresidenz – solche Nachrichten elektrisieren Behörden und Bürger gleichermaßen. Denn Altenheime können schnell zu Covid-19-Hotspots werden, Meldungen von mehreren Todesopfern in Dannenberg und Wolfsburg sind dafür Beispiele. Doch als Anfang vergangener Woche die ersten Infektionsfälle in einem Lüneburger Seniorenheim gemeldet wurden, erfuhr die Öffentlichkeit davon tagelang nichts. Erst als sich besorgte Angehörige von Bewohnern bei den Medien meldeten, bestätigte der Landkreis den Ausbruch – zögerlich und bis heute mit veralteten Zahlen.

Politische Debatte über die Informationspolitik

Es sind Vorgänge wie diese, die in diesen Wochen auch eine politische Debatte über die Informationspolitik der Behörden in Sachen Corona lostreten – und durch die sich schlimmstenfalls Verschwörungstheoretiker bestätigt sehen. So fordert die SPD-Fraktion im Winsener Stadtrat den Bürgermeister jetzt eindringlich auf, die Menschen mindestens einmal wöchentlich über die Entwicklung der Covid-19-Infektionen in der Stadt zu unterrichten und nicht nur Statistiken zu veröffentlichen. Transparenz und Aufklärung seien wichtige Beiträge zur Prävention und zur Schaffung von Akzeptanz bei den Bürgern für Maßnahmen.

Wie es gehen kann, ist derzeit in Uelzen zu beobachten: Dort tritt Bürgermeister Jürgen Markwardt regelmäßig in Videos auf dem Facebook-Account der Stadt auf und erläutert etwa, warum Spielplätze geschlossen werden und wo neuralgische Punkte in der Stadt seien, an denen die Einhaltung der Maskenpflicht deshalb verstärkt vom Ordnungsamt kontrolliert wird. Scheinbar banale Details manchmal, doch die Menschen werden mitgenommen. Die Leserbriefspalten der Uelzener Allgemeinen Zeitung sind voll des Lobes für das Stadtoberhaupt: Markwardt erkläre nachvollziehbar und sorge so für viel Einsicht, schreiben Bürger.

In diese Kerbe schlägt auch die Winsener SPD: In der Bevölkerung werde längst intensiv über Zusammenhänge und Auswirkungen des Anstiegs der Infektionszahlen diskutiert. „Die mangelhafte Information wird dabei immer wieder als Versuch der Geheimniskrämerei bezeichnet“, erklärt der Fraktionsvorsitzende Benjamin Qualmann. Neben den üblichen Daten sei daher durch den Bürgermeister darzustellen, ob angesichts neuer Risikocluster besondere Vorsicht geboten ist. Der Landkreis veröffentliche jedoch lediglich die Gesamtzahlen für den Kreis Harburg ohne Differenzierung von Schwerpunkten oder Kommunen.

Konkrete Zahlen könne man nicht liefern

Das ist im Kreis Lüneburg nicht anders: Auf Nachfrage der LZ hieß es aus dem Kreishaus lediglich, Risikobereiche seien überall da, wo Menschen nicht ausreichend Abstand halten und keinen Mund-Nase-Schutz tragen. Der überwiegende Teil des Infektionsgeschehens spiele sich in der Stadt Lüneburg ab sowie „ungleich verteilt in einzelnen Gemeinden“. Konkrete Zahlen? Könne man nicht liefern, da der Kreis-Statistiker in der Kontakt-Nachverfolgung sitze und dies im Moment oberste Priorität habe. Bleibt die Frage, ob der Krisenstab des Kreises, der wöchentlich die Lage einschätzen muss, über diese elementaren Daten verfügt...

Die Lüneburger Stadtverwaltung erklärt auf Anfrage, dass der Landkreis als zuständige Gesundheitsbehörde entscheide, welche Zahlen erhoben und veröffentlicht werden. Das „Prinzip eine Quelle ist wichtig, um Irritationen zu vermeiden“, sagt Sprecherin Suzanne Moenck.

Tagesaktuelle Zahlen über den Corona-Ausbruch in einem Lüneburger Altenheim erhält die Öffentlichkeit derweil von offizieller Seite bis heute nicht: Sie werden, wie auch die anderen Infektionsfälle, erst mit bis zu 24 Stunden Verspätung vom Landkreis mitgeteilt, übers Wochenende sogar mit bis zu drei Tagen Verspätung. Das habe sich bewährt, heißt es zur Begründung. Die Folge sind gewaltige Schieflagen in den Statistiken: So meldete das Robert-Koch-Institut für Dienstag 24 neue Fälle für den Kreis Lüneburg, der Kreis selbst verkündete am selben Nachmittag lediglich drei aktuelle Neuinfektionen. Der große Schwung wurde dann erst gestern mitgeteilt.

Von Thomas Mitzlaff