Sternchen, Unterstrich oder doch ganz anders? Wie lässt sich geschlechtergerecht schreiben? Darüber diskutierte der Stadtrat. (Symbolfoto: AdobeStock)

Gendergerechte Sprache: Überfällig oder grotesk?

Lüneburg. Da muss etwas passieren, die Dominanz der männlichen Form in der Sprache müsse bald der Vergangenheit angehören, tat Jule Grunau (Grüne) im Rat der Stadt ihre Meinung kund. „Um alle Menschen in Lüneburg, unabhängig von ihrem Geschlecht, anzusprechen, bedarf es einer geschlechtersensiblen Sprache.“ In einem Antrag forderte ihre Fraktion die Verwaltung auf, einen Leitfaden zur Verwendung einer solchen für sämtlichen Schriftverkehr der Stadt zu entwickeln. Das gab viel Zuspruch, unter anderem auch von Thomas Buller. Der Christdemokrat gab aber zu bedenken, dass so ein Projekt viele administrative Ressourcen binde. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie stellte sich seine Fraktion die Frage: Ist das der richtige Zeitpunkt?

Für Jule Grunau und ihre Fraktion ist es allerhöchste Zeit für eine gendersensible Sprache, über die sich die Gleichbehandlung von Frauen, Männern und diversen (intergeschlechtlichen) Menschen ausdrücke. „Alle sollten über Sprache respektvoll behandelt werden“, das wirke auch einer Diskriminierung entgegen.

Jeder wollte etwas zu dem Thema sagen

Es sei einer von vielen kleinen Schritten. Der Lüneburger Leitfaden könne an den der Stadt Lübeck oder der Leuphana angelehnt werden, alle Geschlechter umfassende Formulierungen, wie zum Beispiel Studierende oder Beschäftigte, seien da möglich, aber auch das Gendersternchen (Beispiel Bürger*innen) könne verwendet werden. Die Grünen-Politikerin hätte sich eine schnelle Entscheidung gewünscht, der Rat plädierte jedoch mit großer Mehrheit für die Überweisung in den Gleichstellungsausschuss. Gleichwohl war jede Fraktion bemüht, noch im Rat etwas zum Thema zu sagen.

Carmen Maria Bendorf (SPD) nannte die gendersensible Sprache einen wichtigen „Baustein für Gleichberechtigung“. Da es aber eine Vielzahl von Varianten bei der Ausgestaltung gebe, bedürfe es fachlicher Expertise, die im Ausschuss diskutiert werden solle. Christoph Podstawa (Linke) bedauerte, dass über den Antrag nicht direkt im Rat abgestimmt werde, „denn er ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn wir eine offene, liberale und gerechte Gesellschaft wollen, brauchen wir auch eine gerechte Sprache“.

AfD lehnt Gender-Mainstreaming ab

Auch Christdemokrat Buller bekräftigte, dass seine Fraktion es sich gewünscht hätte, dass es inzwischen eine gendergerechte Sprache gebe. Doch den Leitfaden jetzt umzusetzen, wo die Verwaltung aufgrund der Pandemie bereits vor großen Herausforderungen stehe, sehe seine Fraktion kritisch. Die Liberale Birte Schellmann erklärte, dass die FDP alle Bemühungen um eine sprachliche Gleichbehandlung unterstütze.

Den Antrag der Grünen lehne die FDP allerdings ab. Der Grund seien die bestehenden Leitfäden, die völlig Unterschiedliches empfehlen würden, „oft ohne Rücksicht auf Sprachlogik, Grammatik und Stil. Zum Teil werden Wortungetüme, wie zum Beispiel Studierendenschaft, entwickelt, die selbst Befürworter der diskriminierungsfreien Sprache ablehnen“. Als geradezu „grotesk“ bezeichnete es Dirk Neumann (AfD), „sich in dieser dramatischen Situation mit so einem Thema zu beschäftigen“. Seine Fraktion lehne das Gender-Mainstreaming ab. „Wir wollen Sprache nicht in ein bürokratisches Korsett zwängen, damit sie politisch korrekt ist“.

Fortgesetzt wird die Debatte nun im Gleichstellungsausschuss. Der tagte zuletzt vor zwei Jahren.

Von Antje Schäfer