Isabelle Stoppel (l.) und Kathrin Gelinsky kommen beide aus dem Landkreis Lüneburg und haben das gleiche Ziel.: Sie wollen Miss Germany werden. Foto: t&w

Miss Germany: Es geht um die Persönlichkeit

Lüneburg. Sie sitzen seit fünf Minuten im Café, da kommt Isabelle Stoppel so ein Gedanke: „Darf ich eben eine Story machen, oder ist das blöd?“ Kathrin Gelinsky schmunzelt: „Überhaupt nicht. Wir sollten auch noch ein Foto schießen.“ Und dann geht es los: ein Selfie, zwei, drei. Instagram hat immer hunger. Da muss auch der Cappuccino mal eben warten können.

Die beiden Frauen verbindet aber weit mehr als nur ihre Begeisterung für soziale Medien. Beide wollen Miss Germany 2021 werden. Beide sind unter den Top fünf des Landes Niedersachsen. Und beide kommen aus dem Landkreis Lüneburg.

Der Bikini war gestern

Was für manche Kandidatinnen die Erfüllung eines frühen Kindheitswunsches sein mag, ist für Isabelle Stoppel und Kathrin Gelinsky absolutes Neuland. Eine Freundin hatte die 21-jährige Isabelle zur Wahl motiviert. Erste Reaktion: „Um Himmelswillen, ich laufe doch nicht über einen Catwalk!“ Ist sie später aber doch. „Das Gute ist ja, dass es bei der Wahl nicht mehr um Äußerlichkeiten geht, sondern die Persönlichkeit“, erklärt Kathrin Gelinsky. „Wir müssen nicht mehr im Bikini posen.“

Stattdessen gibt es ein mehrstufiges Auswahlverfahren, dem sich die beiden Frauen stellen müssen. Fotos, Fragebögen, Motivationsschreiben, Videos. Eigentlich eine Sache, die der 34-jährigen Kathrin bekannt vorkommen dürfte: Als Kate Glitter lässt sie die Welt auf Instagram und ihrem eigenen Blog an ihrem Leben teilhaben. 109.000 Follower zählt sie zurzeit – und seit sie Anwärterin für den Titel der Miss Germany ist, steigt das Interesse täglich: „Seit Bekanntgabe ist die Reichweite um Einiges gestiegen“, freut sie sich.

Sie studiert Luft- und Raumfahrttechnik

Das sei gut – für ihre Karriere, aber auch für ihre Mission, die sie in die Welt tragen wolle: „Ist ein Weg versperrt, gibt es einen anderen.“ Oder – sie schaut noch einmal in ihrem Notizblock nach – vielleicht auch einfach nur: „Geht nicht, gibt‘s nicht!“ Diese Erfahrung habe sie mit 27 Jahren gemacht: „Als mein Sohn kam, konnte ich nicht einfach so zurück in meinen Job. Mir wurde ziemlich schnell klar: Will ich Zeit mit meinem Kind verbringen, brauche ich einen Plan B.“ Den fand sie in der Selbstständigkeit. Online. Als Influencerin. Nebenher schreibt sie für eine bekannte Modefirma über die Handtasche der Woche und veröffentlicht Kolumnen über das Leben als Mutter. Dabei wird es manchmal auch politisch: „Es ist ein Fulltime-Job, den nächsten Steuerzahler großzuziehen“, sagt sie, nippt am Cappuccino und ergänzt: „Es bräuchte eine staatliche Mindestrente für Elternteile, die für ihre Kinder beruflich zurücktreten.“ Für solche Anliegen wolle sie als Miss Germany dann Gehör finden.

Isabelle Stoppel nickt. Die 21-Jährige nimmt seit Kurzem als eine von rund fünf Frauen unter schätzungsweise 70 Männern an Physik- und Mathematikvorlesungen teil. Sie studiert Luft- und Raumfahrttechnik in Bremen. Nachdem sie 2017 an der Wilhelm-Raabe-Schule ihr Abitur gemacht hat, war sie zwei Jahre lang als Flugbegleiterin im Einsatz. Jetzt packt sie jedes Mal die Sehnsucht, wenn eine Maschine am Himmel auftaucht. Flugzeuge lotsen, bauen oder lenken – wo genau die Reise hingehen soll, weiß die Lüneburgerin noch nicht. Hauptsache Flugzeuge. Nebenher ist sie mit ihrer Geige in diversen Orchesterprojekten zu hören. Die Musik ist ihr Hobby. „Ich stamme aus einer Musikerfamilie“, verrät sie. „An Heiligabend spielen wir sogar das Weihnachtsoratorium.“ Das lässt Kathrin Gelinsky sofort aufhorchen: „So etwas musst du in deiner Story teilen. Das wollen die Leute sehen!“ Dann entschuldigt sie sich. Sie muss mal eben online ihrem Sohn etwas zu Essen bestellen. Der wartet mit Papa im Familiengeschäft.

Warten bis zum Februar

Isabelle Stoppel brütet gedanklich derweil über dem letzten Fragebogen, den ihr das Miss-Germany-Team zugeschickt hat. Ist der versendet, gibt es noch ein Treffen mit Firmenkunden, die die Bewerberinnen besser kennenlernen wollen – dann heißt es warten bis zum Frühjahr. Isabelle Stoppel und Kathrin Gelinsky rechnen erst im Februar mit der Nachricht, wer die neue Miss Germany ist.

80 Kandidatinnen aus ganz Deutschland sind noch im Rennen, mehrere Tausend haben sich allein in Niedersachsen um eine Titel-Chance beworben. Neben einer Jury konnte sich auch die Öffentlichkeit online an dem Abstimmungsverfahren beteiligen. Und da gab‘s ordentlich Zustimmung für die beiden Lüneburgerinnen.

Kathrin Gelinsky kennt das schon, Isabelle Stoppel gewöhnt sich langsam daran, beide haben eine Mission: den Titel der Miss Germany nach Lüneburg holen.

Von Anna Petersen