„Wir fahren auf Null runter“, sagt Krone-Chef Lutz Stoffregen. Foto: t&w

Frust bei Lüneburgs Gastronomen

Lüneburg. Verzweiflung? Empörung? Viele Lüneburger Gastronomen reagieren auf die am Montag beginnende Zwangspause ihrer Betriebe eher mit einer Mischung aus Resignation, Verunsicherung und einer Prise Galgenhumor.

„Es nervt sehr“, sagt Holger Klemz. Die Gastronomie-Betriebe sollen geschlossen werden, „obwohl wir gute Hygienekonzepte haben“ und kein Betrieb zum Hotspot geworden ist. „Wenn man dann erfährt, dass im Rathaus erst jetzt eine generelle Maskenpflicht für die Mitarbeiter gilt und in Schulen Tische nicht regelmäßig abgewischt werden und Seifen- und Desinfektionsspender oft nicht gefüllt oder nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind, „fühlt man sich schon ein wenig verarscht“.

Der Mälzer-Chef wird für seine rund 70 Mitarbeiter wieder Kurzarbeit anmelden müssen. Die von der Politik in Aussicht gestellten Hilfen von 75 Prozent der Umsätze des Vorjahresmonats November begrüßt er, aber „man muss abwarten, was dabei am Ende wirklich herauskommt“. Verärgerung und Verunsicherung sind groß, das verdeutlicht eine weitere Aussage des Mälzer-Chefs: „Wer weiß, ob wir am 1. Dezember wieder öffnen dürfen? Und wenn, könnte es dann am 1. Januar vielleicht schon wieder vorbei sein.“ Während der Schließung im November wird das Mälzer Außer-Haus-Verkauf anbieten. „Eine reduzierte Speisekarte und Bier.“ Viele bereits gekaufte Lebensmittel müssten dennoch entsorgt werden.

Verständnis für November-Aus hält sich in Grenzen

„Ich möchte nicht die Entscheidung für das Land treffen“, sagt Lutz Stoffregen. Ansonsten hält sich das Verständnis für das November-Aus in Grenzen. „Wir Gastronomen haben den erneuten Lockdown sicher nicht zu verantworten“, sagt der Krone-Chef. Er bezweifelt auch, dass die angekündigte 75-Prozent-Hilfe am Ende auch ankommt: „Woher soll denn das ganze Geld kommen?“ Vor allem für seine Mitarbeiter sei die Zwangspause schwierig. „Ich war heute morgen schon bei der Behörde“, sagt Stoffregen. Er wird seine Crew, die er erst kürzlich aufgestockt hat, wieder in Kurzarbeit schicken müssen. Außer-Haus-Verkauf wird es nicht geben „Wir fahren auf Null runter.“

Die Verunsicherung sei groß. „Ich kann meinen Mitarbeitern ja nicht mal sagen, ob wir am 1. Dezember wieder öffnen können.“ Einen kleinen Trost gibt es. Sein Vermieter hat ihm angeboten, im November komplett auf die Miete zu verzichten. „Das findet man nur selten“, betont Stoffregen. Und was ist mit den Lebensmittelvorräten? „Wir machen quasi einen Ausverkauf. Ein Stammgast hat gesagt, er kommt noch vorbei und wird essen, was übrig ist.“ Alles andere wird der Wirt etwa dem „Fairteiler“ geben.

Viele Lebensmittel  müssen entsorgt werden

Birte Grimme kann die Entscheidungen der Politik nicht mehr nachvollziehen. „Wir haben uns an alle Auflagen gehalten, waren sogar noch strenger“, sagt die Capitol-Chefin. Sie kritisiert, dass es im Sommer immer mehr Lockerungen gegeben hat. „Man hätte dabei bleiben sollen, maximale Anzahl von Personen aus maximal zwei Haushalten.“ Ihre Gäste seien nach dem Essen wieder nach Hause gefahren und nicht feiern. Die Gastronomie sei kein Corona-Hotspot. Trotzdem muss sie jetzt wieder alles herunterfahren.

„Für 19 Mitarbeiter muss ich Kurzarbeit anmelden, dabei hatte ich gerade erst einige eingestellt“ – das sei angesichts des Fachkräftemangels ohnehin schon schwierig gewesen. „Ich weiß noch nicht, ob die Reservierungen für Dezember storniert werden müssen. Ich kann nichts planen.“ Und die bereits eingekauften Lebensmittel? „Einiges kann eingefroren, der Rest muss entsorgt werden.“

Keine Rücklagen für die schwachen Monate

Sven Maaß von der Adendorfer Ratsdiele sieht die Maßnahme „zwiegespalten“: Es sei ein schwieriger Spagat. „Auf der einen Seite steigt das Risiko, wenn man Freizeiteinrichtungen schließt, weil dann mehr Menschen in Restaurants und Kneipen gehen würden. Andererseits haben ich und sehr viele Kollegen alle Hygienevorschriften penibel eingehalten.“ Da er schon beim ersten Lockdown kaum Geld mit dem Außer-Haus-Verkauf verdienen konnte, „muss ich nun wieder viele Lebensmittel entsorgen“. Wenn die angekündigten Hilfen schnell kommen, „wäre das schon mal was“. Das große Problem sei aber, dass auch das Dezember-Geschäft wegzubrechen droht. Dann könnten keine Rücklagen für die eher umsatzschwachen Monate Januar, Februar und März gebildet werden. „Das wird vielen das Genick brechen.“

„Aus Unternehmer-Sicht ist die Schließung nicht gerechtfertigt, aus Sicht des Bürger muss ich sagen: Ich weiß es nicht so genau“. Klar ist für Martin Zackariat von der Wassermühle Heiligenthal dagegen, dass sich viele Kollegen strikt an die Auflagen gehalten haben und nun trotzdem schließen müssen. Er werde wieder Kurzarbeit für seine rund 25 Angestellten anmelden müssen.

Die angekündigte Unterstützung helfe zwar, den November zu überbrücken. Aber danach dürfte es für viele Betriebe sehr schwer werden. Die Wassermühle wird wieder einen Außer-Haus-Verkauf anbieten. Sonst könnte nach dem Prinzip des Hörensagens hängenbleiben, dass die Wassermühle dicht gemacht hat, meint Zackariat. „Man muss Flagge zeigen.“

Hilfen müssen schnell kommen

Heiko Meyer, Vorsitzender des Lüneburger Citymanagements, findet die Zwangspause „sehr schade für all jene, die sich an die Auflagen gehalten haben, die investiert haben in Hygienekonzepte“. Wichtig sei, dass die angekündigten Hilfen schnell kommen. „Für viele ist es bereits jetzt fünf vor zwölf.“ Allerdings sehe man Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie mit anderen Augen, wenn man „selbst miterlebt hat, wie schlecht es jemandem gehen kann, der an Covid-19 erkrankt ist“.

Von Werner Kolbe