Die imposante MTV-Halle, mit Schlauch- und Steigerturm für die Turnerfeuerwehr, am Eingang zum Roten Feld wurde vor 140 Jahren eingeweiht. Links oben: Eine der begehrten Eintrittskarten zur Eröffnungsfeier am 31. Oktober 1880. Foto: MTV Treubund

MTV-Halle wird 140 Jahre alt

Lüneburg. Wer heute 50, 60 Jahre oder älter ist, etwa Schüler des Johanneums war oder Mitglied im MTV, kann sich noch an sie erinnern: die altehrwürdige MTV-Halle an der Lindenstraße. Der typische Geruch nach Bohnerwachs und Fußbodenöl, die kantigen Säulen rund um die Spielfläche, die rundumlaufende Galerie, der Anbau im Süden der Halle, der zur Weitsprunggrube umgewandelt werden konnte. Am morgigen Sonnabend vor genau 140 Jahren, am 31. Oktober 1880, wurde die Halle eröffnet.

20 Jahre lang hatten die Mitglieder des 1848 gegründeten Männer-Turnvereins Lüneburg um eine Turnhalle in ihrer Stadt gekämpft. Schon 1860 war der entsprechende Beschluss im Verein gefallen, aber es fiel schwer, den Magistrat der Stadt von der Idee zu überzeugen, und auch das nötige Geld für den Bau fehlte, erzählt Ingrid Horn, die sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des MTV Treubund befasst.

Verein ging mit Anliegen an die Öffentlichkeit

Nach jahrelangen erfolglosen Gesprächen platzte den Verantwortlichen im Verein dann im Frühjahr 1876 der Kragen: Mit einer vierseitigen Beilage in den „Lüneburgschen Anzeigen“ legten die Turner ihr Anliegen einer breiten Öffentlichkeit ausführlich dar. „Gehorsamstes Gesuch des vom Männer-Turnverein hieselbst niedergesetzten Turnhallenbau-Ausschusses, betreffend die Erbauung einer den städtischen und den Vereins-Interessen gemeinsam dienenden Turnhalle nebst Zubehör“, heißt es da.

Und der Appell an die Öffentlichkeit fruchtete, plötzlich ging alles ganz schnell: Ende 1876 beschloss der Magistrat der Stadt Lüneburg den Bau der Halle. Der MTV stellte dafür Baugelände am Rande des Roten Feldes zur Verfügung, steuerte 9000 Reichsmark zu den Baukosten bei. Und es entstand „eine Halle nicht nur zum Turnen“, erzählt Ingrid Horn. Schulsport- und Vereinssport fanden in der Halle statt, sie war Schauplatz großer Wettkämpfe für Turner, Gymnastinnen, Tischtennisspieler, Leichtathleten und Handballer.

Die MTV-Halle war Schauplatz für Maskenbälle, auch Theater- und Konzertsaal. Die berühmte Lüneburger Sängerin Charlotte Huhn, die später an der Metropolitan Opera in New York auftrat, sang hier. „Die MTV-Halle war für Lüneburg wie eine Stadthalle“, sagt Ingrid Horn.

In den Weltkriegen wurde Halle umgenutzt

Im 1. Weltkrieg diente die Halle den Soldaten als Essraum, für den 2. Weltkrieg wurde hier Korn eingelagert, sie war Notlager für Ausgebombte und Flüchtlinge. In der Zeit vom 17. September bis 19. November 1945 rückte die MTV-Halle sogar in den Fokus der Weltöffentlichkeit: Dort fand der erste große Kriegsverbrecherprozess nach dem 2. Weltkrieg, der Prozess gegen die Wachmannschaften des Konzentrationslagers Bergen-Belsen statt.

1974, knapp 100 Jahre nach dem Beschluss, die Halle zu bauen, begann dann „das letzte und wohl das traurigste und dunkelste Kapitel in der Geschichte der MTV-Halle“, so Ingrid Horn. Um den neuen Stadtteil Kaltenmoor an die Stadt anzubinden, wurde eine vierspurige Straße geplant – der stand die MTV-Halle im Wege. Aller Widerstand war vergeblich, auch eine Eingabe an den Petitionsausschuss des Landtags.

Am 16. Februar 1976, fast genau 100 Jahre nach dem Beschluss für die Halle, begann deren Abriss – ein Ereignis, das alte MTV-Mitglieder noch heute mit Wehmut und Wut erfüllt, sagt Ingrid Horn: „Das imposante Gebäude fiel der Abrissbirne zum Opfer, in einer Zeit, als man noch viel dem Autoverkehr opferte.“ An Stelle der MTV-Halle entstand ein Geschäftshaus mit Bowlingbahn. Horn: „Eine von Lüneburgs größten Bausünden.“ Mittlerweile ist auch dieses Gebäude abgerissen. Der MTV Treubund bekam an der Uelzener Straße ein neues Zentrum, wo 1982 das Vereinsheim und später eine Halle gebaut wurden.

Von Ingo Petersen