Jens Böther
Am 1. November 2019 ist Jens Böther als neuer Landrat ins Kreishaus eingezogen. (Foto: t&w)

Und dann kam Corona

Lüneburg. Ins kalte Wasser gesprungen ist Jens Böther vor einem Jahr nicht. Eingetaucht ist der heute 54-Jährige vielmehr in für ihn bekannte Gewässer, als er am 1. November 2019 das Amt des Lüneburger Landrats antrat. Zuvor hatte der Echemer bis 2006 in leitender Funktion im Kreishaus gearbeitet, war dort in der Folgezeit auch als hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Bleckede ein- und ausgegangen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, den Bau der Elbbrücke zwischen Darchau und Neu Darchau zur Chefsache zu erklären. Ansonsten wollte der Christdemokrat vieles fortsetzen, was Politik und Verwaltung unter seinem Vorgänger Manfred Nahrstedt (SPD) angeschoben hatten. Doch dann kam Corona.

80 bis 90 Prozent seiner Arbeitszeit habe das Virus zu Beginn der Krise, die sich zur Pandemie ausweitete, im Frühjahr gebunden, sagt Böther. Erst in den ruhigen Sommermonaten habe er sich dann verstärkt auch um andere Themen kümmern können. „Doch das ändert sich gerade wieder mit den sprunghaft ansteigenden Corona-Neuinfektionen.“

Auch ohne dass der Landrat sich angesteckt hätte, hat das Virus in den vergangenen Monaten seine Spuren hinterlassen: „Man spürt sehr viel deutlicher als sonst, welche Verantwortung man hat. Szenen wie zu Beginn der Pandemie in Italien möchte ich im Landkreis Lüneburg nicht erleben. Das liegt einem schon schwer auf den Schultern“, sagt Böther. Auch sehe er, wie hart die kommenden Wochen für die Lüneburger Gastronomen, das Theater und viele andere werden. „Trotz toller Vorbereitung und ausgefeilter Hygienekonzepte gehören sie zu denen, bei denen jetzt der Schlüssel wieder umgedreht wird.“ Wem das zu weit gehe, müsse Alternativen nennen. Doch welche? „Eine Ausgangssperre?“, fragt Böther – ohne eine Antwort zu erwarten.

Stolz ist der Landrat darauf, „dass wir noch immer alle Fälle ,eingehaust‘ bekommen, die Infektionsketten nachvollziehen können“. Doch mit den rapide steigenden Fallzahlen im Kreis dürfte das in Zukunft noch schwieriger werden.

Zugleich hat Böther mit Altlasten zu tun, die sein Vorgänger auf dem Landratsschreibtisch hat liegen lassen. Noch immer ist der Bau der Arena Lüneburger Land nicht abgeschlossen, noch immer will der neue Chef der Kreisverwaltung keine Entwarnung für das umstrittene Projekt geben. Nur so viel: „Wir haben viel dafür getan, um auf die Zielgerade zu kommen. Doch gibt es nach wie vor Unwägbarkeiten. Abhaken können wir das Thema also noch nicht.“ So müsse das Verkehrskonzept noch umgesetzt werden, und auch baulich seien noch viele Dinge zu erledigen, „und das beinhaltet immer Risiken“. Auch seien Betreiber und Gastronom für die Arena noch nicht gefunden, „angesichts der Corona-Lage überlegen wir aktuell, wann der richtige Zeitpunkt ist, diese beiden Bereiche auszuschreiben“.

Reichlich Arbeit erwartet Böther zudem bei der weiteren Umsetzung des Nahverkehrsplans. Noch sind nicht in allen Gemeinden des Landkreises die neu eingeführten Rufbusse unterwegs, auch wird am Donnerstag im Mobilitätsausschuss über die Rückkehr zu alten Streckenführungen verhandelt. Unzufrieden sind darüber hinaus viele Kreistagsabgeordneten mit dem Vertragspartner KVG. Das private Busunternehmen sei zu unflexibel, zu wenig innovativ, lautet die Kritik. Auf Antrag von SPD, Grünen und Linken wird die Kreisverwaltung deshalb auch die Gründung einer kreiseigenen Busgesellschaft prüfen.

Zufrieden ist der Landrat dagegen in Sachen Elbbrücke. „Nach einem Jahr sind wir nun soweit, dass wir in die konkrete Planung einsteigen können.“ Spätestens der Besuch des Landtagspräsidiums im September habe gezeigt, dass der Brückenbau auch in Hannover inzwischen als „Landesprojekt“ gesehen werde.

Zur Sache

Gemeinden finanziell besser ausgestattet

Die LZ hat Jens Böther nach prägenden Momenten in seinen ersten zwölf Monaten im Kreishaus gefragt.

Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Einer der schönsten und auch bewegendsten Momente war die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Lutz Röding im frisch sanierten Schlosssaal des Bleckeder Elbschlosses. Als ehemaliger Stadtdirektor in Bleckede hat er den Kauf und die Sanierung des Elbschlosses vor 20 Jahren auf den Weg gebracht. Als letzter Schritt wird in diesem Jahr die Sanierung des Nordflügels abgeschlossen, die ich selbst noch als Bürgermeister geplant habe.

Welches war die für Sie schwerste Entscheidung?

Der Erlass der ersten Allgemeinverfügung im Zuge der Corona-Krise. Schließlich hatte diese Entscheidung Einfluss auf das Leben von 184 000 Menschen.

Was war das größte Lob, das Sie erhalten haben?

Sehr viel Lob gab es im Frühjahr dafür, wie es uns gelungen ist, die Corona-Situation zu managen. Ich habe etliche Rückmeldungen erhalten mit dem Tenor: „Das habt Ihr gut gemacht.“ Das Lob gebührt natürlich nicht nur mir, sondern vor allem meinen Mitarbeitern.

Welche Kritik hat Sie am meisten getroffen?

Sehr zu Herzen genommen habe ich mir die Kritik über das Vorgehen beim Neukauf der Elbfähre in Bleckede. Ich wollte einen anderen Weg gehen als ursprünglich beraten. Den Weg habe ich auch als richtig empfunden und dafür im Kreisausschuss eine knappe Mehrheit erhalten. Womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, war, dass viele Kreistagsabgeordneten dieses Vorgehen ganz anders wahrgenommen haben. Am Ende hieß es, ich hätte das Thema mit der Stimme der AfD durchgedrückt. Dabei war das nie so geplant.

Welche Ziele haben Sie im ersten Jahr erreicht?

Wir hatten uns vorgenommen, die Kindertagesstätten-Vereinbarung mit den Gemeinden trotz Corona neu zu regeln. Das haben wir hinbekommen. Die Gemeinden sind finanziell nun deutlich besser ausgestattet. Außerdem ist es uns gelungen, der Politik einen Entwurf für den Finanzvertrag zwischen Stadt und Landkreis Lüneburg vorzulegen, der alle zehn Jahre neu verhandelt wird. Es ist ein guter Vertrag für die Region, und ich hoffe, dass er nun bis Ende November vom Kreistag und vom Stadtrat beschlossen wird.

Welche Ziele wollen Sie 2021 erreichen?

Wir wollen im kommenden Jahr den Breitbandausbau für schnelle Internetanschlüsse im Landkreis abschließen und die Arena Lüneburger Land in Betrieb nehmen.

Von Malte Lühr