IT-Experte David Richter hat in seiner Masterarbeit die Risiken der Digitalisierung von Schulen in Hinsicht auf den Datenschutz beleuchtet. Foto: t&w

Die Gefahren des digitalen Sprungs

Lüneburg. „Das Coronavirus bringt definitiv einen Innovationsschub in Richtung digitale Schule“, sagt David Richter, der soeben in einer Masterarbeit die Risiken dieser Digitalisierung beleuchtet hat. „IT-Sicherheit und Datenschutz muss man konzeptionell schon mitbedenken, bevor man die erste Hardware anschafft“, sagt der Lüneburger IT-Experte, der jüngst in dieser Funktion das niedersächsische Innenministerium beriet. „Viele Unternehmen haben das bei ihren ersten Digitalisierungsschritten versäumt und später bereut.“ Damit Schulen diese Erfahrung erspart bleibt, hat Richter in seiner Arbeit einen IT-Risikomanagementprozess für Schulleiter und Behörden skizziert.

Vor dem Verbesserungsvorschlag steht allerdings die Analyse des Status Quo, und die fällt in der 131 Seiten starken Arbeit eher ernüchternd aus. „Im Corona-Lockdown im Frühjahr mussten sich die Schulen von jetzt auf gleich etwas aus den Fingern saugen. Diese Notlösungen können langfristig aber nicht weiterverfolgt werden, weil der Datenschutz dabei vernachlässigt wurde.“

Die Schulen sieht Richter allerdings auch nicht in der Pflicht, derartige Konzepte zu entwickeln. „Aus Interviews mit Schulen weiß ich, dass das Thema Digitalisierung meist den IT-Lehrern zugeschanzt wird. Die gibt es naturgemäß an Gymnasien mehr als an Grundschulen. Aber auch IT-Lehrer sind zuallererst Pädagogen.“ Statt dass sich Lehrer nebenamtlich mit der Sicherheit ihres IT-Systems beschäftigen, wäre eine landesweite Beratungsstelle mit technischen Experten sinnvoll“, meint David Richter.

5,5 Milliarden Euro haben Bund und Länder im Digitalpakt aufgelegt, damit die Schulen von der Kreide- in die Cyberzeit springen. Nach einem Jahr, Stand August 2020, wurden davon erst 15,7 Millionen Euro, entsprechend 0,29 Prozent, abgerufen. Die Gründe für das Schneckentempo des Fortschritts sind vielfältig: Ältere Lehrer fremdeln bisweilen mit Bits und Bytes.

„Den Schulen ist oft nicht klar, über welch sensible Daten sie verfügen"

37,7 Prozent der Lehrer im Bund sind über 50 Jahre, in Niedersachsen immerhin noch 32 Prozent. Schulen bemängeln den Verwaltungsaufwand beim Beantragen der Förderung. Schulleiter wissen nicht, wer Server und Computer auf Stand halten soll. Oder sie fürchten Folgekosten, denn die Betriebskosten will der Bund nicht übernehmen. Richter: „Hier muss nachgebessert werden, ein neuer Pakt für die Jahre nach 2024 beschlossen werden.“

In Niedersachsen, wo von den dem Bundesland zustehenden rund 500 Millionen Euro auch erst 0,27 Prozent abgerufen wurden, will die Landesregierung bis 2022 Glasfaseranschluss an jeder Schule sehen – keinesfalls aber von Seiten der Schulen mobile Endgeräte ausgeben. „Müssen die Schüler aber ihre eigenen Tablets mitbringen, birgt das Probleme“, sagt Richter, etwa Sozialneid zwischen den Schülern, erschwerter Datenschutz und die Hürde, dass die Schulen nicht auf die Geräte zugreifen dürfen, um sie abzusichern.“

An der Notwendigkeit, die Digitalisierung der Schulen planvoll anzugehen, lässt Richter keinen Zweifel: „Den Schulen ist oft nicht klar, über welch sensible Daten sie verfügen. Dem steht eine riesige Täter-Industrie gegenüber, die Geld verdient, indem sie Schadprogramme entwirft. Immer öfter beobachten wir zielgerichtete Angriffe auf einzelne Menschen. Etwa eine Mail mit einem Link, der vermeintlich zu den Hausaufgaben führt. Klickt der Schüler den Link an, verschlüsselt sich sein Gerät oder ein Wurm wartet darauf, dass er sich auf dem Schulserver einloggt, um diesen lahmzulegen – oder die Abi-Klausuren zu stehlen.“

Der Raum für digitale Innovationen ist groß, meint Richter. „So kann Homeschooling auch nicht mehr – wie im Frühjahr – bedeuten, dass Hausaufgaben per Mail versandt, abgearbeitet, eingescannt und zurückgeschickt werden.“ Hier brauche es Plattformen, auf die Schüler wie Lehrer zugreifen können, um direkt zu kommunizieren.

Von Joachim Zießler