Deutsch Evern meteorologe Reinhard Zakrzweski im Winter mit Schnee Foto: privat

Endlich mal wieder ein knackiger Winter?

Lüneburg. Nach dem kalten Gruß vom Nordmeer gestern setzte sich am Wochenende wieder mildere Luft durch. In der neuen Woche dominiert unter Hochdruckeinfluss meist trübes Herbstwetter. Gebietsweise können sich Nebel- und Hochnebelfelder zäh halten. Hin und wieder sind auch ein paar Regentropfen drin. An den Temperaturen ändert sich zunächst wenig. Richtung erster Advent und Monatsende sinken die Temperaturen leicht ab und es bleibt voraussichtlich trocken. Nacht- oder Bodenfrost wird wohl kaum ein Thema sein.

„La Niña“ ist förderlich für knackiges Winterwetter

Damit wären wir schon bei der Frage: „Wann wird’s mal wieder richtig Winter?“ Und tatsächlich spekulieren einige Medien und Meteorologen über einen bevorstehenden kalten und schneereichen Winter. Für knackiges Winterwetter ist offenbar das Klimaphänomen „La Niña“ (spanisch „das Mädchen“) förderlich, das sich derzeit im Südpazifik aufbaut. Dabei sorgt ein ungewöhnlich kräftiger Südostpassat für eine starke und großflächige Abkühlung des Meerwassers vor Südamerika.

Ganz anders verhält es sich beim gefürchteten Bruder „El Niño“ (spanisch das Christuskind, weil das Phänomen immer um die Weihnachtszeit auftritt). In diesem Fall schwächelt der Südostpassat. Dann kann sich sehr warmes Oberflächenwasser aus dem Raum Australien und Indonesien nach Südamerika ausbreiten – mit den entsprechenden katastrophalen Folgen. 2015/2016 suchte einer der stärksten „El Ninos“ jemals mit sintflutartigen Regenfällen weite Teile der wüstenhaften Küstenregionen von Peru und Chile heim. Gleichzeitig litten andere Regionen der Welt unter extremer Trockenheit und Ernteausfällen.

Ein Jahr mit zwei Wintern

Das letzte starke „La Niña“-Ereignis fand 2010 statt. Damals war das Wasser in einem repräsentativen Gebiet des Humboldt­stroms vor Südamerika im Oktober um 1,7 Grad Celsius zu kalt. Gleichzeitig erlebte Deutschland ein Jahr mit „zwei“ Wintern. Sowohl im Januar und Februar als auch im folgenden Dezember herrschte strenges Winterwetter mit viel Schnee – auch zu Weihnachten 2010. Aktuell soll „La Niña“ seine größte Intensität im Januar erreichen und die negative Abweichung der Wassertemperaturen sogar 2,0 Grad Celsius betragen.

Bleibt die Frage: Wie kann der ferne Pazifik unseren Winter überhaupt beeinflussen? Die Antwort geht so: Ein Teil des kalten Pazifikwassers strömt rund um Kap Hoorn nordwärts bis in den tropischen Südatlantik. Hier mischt es sich mit dem warmen Wasser des Golfstroms, der im Verlauf als Nordatlantikstrom die „Warmwasserheizung“ für unseren Winter ist. Kühlt sich die Strömung durch die Zufuhr von sehr kaltem Wasser aus der Südhemisphäre ab, werden polare Kaltluftausbrüche über dem Nordatlantik weniger abgemildert als sonst. Darüber hinaus kann die Neigung zu hohem Luftdruck über Nordeuropa den Vorstoß russischer Kaltluft nach Mitteleuropa begünstigen.

Hieb- und Stichfest sind diese Zusammenhänge aber nicht, denn die weltweite Wettermaschine ist sehr kompliziert. Trotzdem: „La Niña“ zog in der Vergangenheit häufig einen eher kalten mitteleuropäischen Winter nach sich.

2009/2010 ruhte die Region unter einer Schneedecke

Dass es so dick kommt wie 2009/2010 ist angesichts der beschleunigten Klimaerwärmung unwahrscheinlich. Damals war die Jahreszeit zwischen Aller und Elbe im Vergleich zum Klimamittel (1961-1990) um 2,1 bis 2,6 Grad zu kalt und an drei Viertel aller Wintertage ruhte unsere Region unter einer teils hohen Schneedecke (Maximum Faßberg/42 cm/2. Februar)

Aktuell lassen die Jahreszeitenmodelle des Amerikanischen und des Deutschen Wetterdienstes noch keine Umstellung der Großwetterlage in die Richtung kalt erkennen. Ganz im Gegenteil: Schon seit Monaten berechnen sie konstant einen ein bis zwei Grad zu milden und normal feuchten mitteleuropäischen Winter 2020/2021. Doch was nicht ist, kann ja noch werden – warten wir es ab.

Von Reinhard Zakrzewski