Sonntag , 27. September 2020
Franz Schweitzer ist da, wenn die historische Figur vor dem Rathaus Hilfe braucht. Foto: t&w

Große kleine Dame

Lüneburg. Sie ist eine kleine, etwas kokett wirkende Dame. Mit nichts als einem um die Hüften geschwungenen Tuch hat sie auf dem Brunnen vor dem Rathaus seit vielen Jahren Position bezogen. In den Händen hält Frau Luna Pfeil und Bogen, was sie wehrhaft erscheinen lässt. Doch regungslos muss die Bronze-Figur immer wieder mitansehen, wie Vandalen sie ihres Jagdgerätes berauben. In solchen Fällen muss Franz Schweitzer ran.

Der gebürtige Eichenbrücker kam 1945 nach Oedeme, „wo wir bei Blumen-Müller einquartiert wurden“, erzählt er im lichtdurchfluteten Wintergarten seines Wohnhauses sitzend, das hinter seiner Schlosserei an der Soltauer Allee liegt. Seine Lehrzeit absolvierte er in dem Betrieb von Emil Dreyer, machte 1968 seine Meisterprüfung und übernahm 1969 von dem ehemaligen Inhaber das Unternehmen. Türen, Terrassen, Überdachungen, Garagentüren, Wintergärten und vieles, vieles mehr hat er in all den Jahren mit seinen Mitarbeitern für private und gewerbliche Kunden hergestellt. Neben den üblichen Aufgaben einer Schlosserei wird Schweitzer aber auch gerne angerufen, wenn komplizierte oder filigrane Aufgaben anstehen. Frau Luna ist da so ein Fall.

Vollständige Nachbildung des Brunnens

Zu der Historie des Brunnens erläutert Stadtarchäologe Prof. Dr. Edgar Ring: „Die unteren Schalen schuf 1435 der Künstler Hans Snitker. Um 1540 wurde der Brunnen neu gestaltet. Er erhielt eine Mittelsäule, auf der eine Figur mit Pfeil und Bogen steht: die römische Göttin Diana, die auf dem Kopf einen halben Mond trägt. Diana ist als Göttin der Jagd bekannt, doch ursprünglich war sie eine Frauen- und Mondgottheit und wurde auch „Luna“ genannt. Im 16. Jahrhundert stand der Mond für Lüneburg, weil man den Stadtnamen fälschlicherweise von dem lateinischen Wort ‚luna‘ (Mond) herleitete.“

1970 rückten böse Buben der Figur zu Leibe, sägten sie oberhalb der Füße ab und ließen sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Doch es gelang ein Nachguss. Und man entschloss sich, den erhaltenen Originalbrunnen im Museum aufzustellen und für den Marktplatz eine vollständige Nachbildung des Brunnens zu fertigen.

Bogen hing auf „Halbmast“

Unzähligen Attacken war Frau Luna seither aber ausgesetzt. Dass Pennäler ihr ein Schaumbad spendierten, ist dabei noch zum Schmunzeln. Schlimmer hingegen sind die Diebstähle von Pfeil und Bogen – zum Teil mit brachialer Gewalt ausgeübt. Die Stadt beauftragte Franz Schweitzer, der auch schon dem Rathaus aufs Dach gestiegen ist, um Fahnenstangen zu montieren oder Schlüssel für den Alten Kran nachgearbeitet hat. „Die ersten beiden Garnituren habe ich von einer mir bekannten Kunstgießerei am Niederrhein anfertigen lassen.“ Später hat die Stadt das in die Hand genommen. Anfänglich seien Pfeil und Bogen angelötet worden, „doch da bestand die Gefahr, dass bei der nächsten Attacke die Hand mit abgerissen wurde“. Da Schweitzer das Wohl von Frau Luna am Herzen liegt, hat er nach einer kreativen Lösung gesucht. In die Hand wurde ein Gewinde geschnitten und ein anschraubbarer Pfeil entwickelt.

Zuletzt hatten Vandalen einen Stuhl an das Jagdgeschirr gehängt. Der Bogen hing auf „Halbmast“, die Sehne war zerrissen. Um sie zu ersetzen, „habe ich einen Kupferdraht von meinen Weinranken am Haus genutzt, der schon Patina angesetzt hatte“, berichtet er.

Im kommenden Jahr will Schweitzer seine Firma an einen Nachfolger übergeben. Frau Luna kann aber weiter auf sein Reparatur-Geschick vertrauen – es sei denn, er ist gerade mit seiner 40 Jahre alten Cessna unterwegs.

Von Antje Schäfer

Foto: Kevin Riesebeck

Schaumbad für Luna

Ein unfreiwilliges Schaumbad hat Lüneburgs Mond-Göttin „Luna“ an diesem Wochenende genommen. Spaßvögel hatten dem Brunnen auf dem Markt vorm Rathaus so viel Spülmittel beigemischt, dass sogar die beiden oberen Wannen noch in vollem Schaum standen. Bei der Stadt kam die Aktion nicht gut an: „Wir werden Anzeige gegen Unbekannt erstatten“, sagte Pressesprecherin Suzanne Moenck. Das Wasser des Luna-Brunnens soll zudem in dieser Woche ausgetauscht werden. Es ist der zweite „Angriff“ auf den Brunnen innerhalb weniger Wochen. Am 14. Juli hatten Unbekannte einen Klappstuhl auf die Figur gehängt und die empfindliche Konstruktion dadurch beschädigt. us