Matthias S. – hier am ersten Verhandlungstag – verantwortet sich mit dreifachem Rechtsbeistand vor Gericht. Foto: Michael Behns

„Jetzt habe ich die Bilder wieder im Kopf“

Lüneburg. Die Kapuze hat sie sich über den Kopf gezogen, eine Hand umklammert die der Mutter. „Weißt du, warum du heute hier bist“, fragt der Vorsitzende Richte r der 2. großen Jugendkammer, Thomas Wolter, behutsam. „Weil der Mann das im Schwimmbad gemacht hat“, antwortet die zehnjährige Luisa (alle Namen geändert) leise. Der das gemacht haben soll, sagt auch am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Lüneburg kein Wort.

Über einen seiner drei Verteidiger hat er lediglich mitteilen lassen, dass er etwas anderes einräumt, nämlich den sexuellen Missbrauch der Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin. Mindestens 13 Mal soll Matthias S. (53) zwischen 2005 und 2009 das zunächst erst elfjährige Mädchen auf verschiedenste Weise vergewaltigt und mit Drogen gefügig gemacht haben.

Hunderte Missbrauchsfotos und -videos

Die Taten wären wohl nie ans Licht gekommen, wenn der Mann aus dem Kreis Uelzen sich nicht vergangenes Jahr im Winsener Freibad unter anderem vor der damals neun Jahre alten Luisa entblößt hätte – so zumindest steht es in der Anklage der Staatsanwaltschaft. Bei der anschließenden Hausdurchsuchung fand die Polizei hunderte Missbrauchsfotos und -videos. Matthias S. hatte alle Taten gefilmt und auf seinem Rechner akribisch dokumentiert.

Zu dem Vorfall im Freibad aber schweigt er. Und so stehen am Freitag zwei sichtlich verunsicherte Mädchen mit ihren Müttern in Saal 121 des Landgerichts, um nach mehr als einem Jahr ihre Aussage zu machen. Richter Wolter packt erst einmal zu, schiebt den Zeugenstuhl näher an den Richtertisch heran, schafft Vertrauen. Luisa nimmt ihre Kapuze ab. Stockend beginnt sie zu erzählen, was sie unter Wasser gesehen hat, als Verteidiger Jonas Hennig ihr das erste Mal in die Parade fährt. Der Vorsitzende Richter müsse sie deutlich belehren, dass sie die Wahrheit zu sagen habe, fordert er.

Zehnjährige schlägt sich tapfer

Wolter lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, betreibt weiter Vertrauensaufbau. Jedes Detail muss die damals Neunjährige schildern, denn der Anwalt liegt in Lauerstellung, wartet auf Widersprüche. Das Mädchen tastet nach der Hand der Mutter, die neben ihr sitzt. Die 44-Jährige will ihrer Tochter erklärend zur Seite springen, sofort geht der Anwalt dazwischen. Derzeit werde nur Luisa befragt.

Die Zehnjährige schlägt sich tapfer, kann schließlich die Vorgänge schildern. Dann kommen die Fragen der Verteidigung. Wie denn das Geschlechtsteil aussah, ob er es mit beiden Händen anfasste. Anschließend ist für den Verteidiger klar: Der Angeklagte habe sich in der Badehose nur sortiert, von einer sexuellen Handlung könne keine Rede sein (*).

Das will nicht so recht zur Schilderung von Luisas Mutter passen. Nachdem die Neunjährige und ihre Freundin sich ihr offenbart hatten, stellt sie den mutmaßlichen Täter noch am Beckenrand zur Rede. „Erst sagte er, das sei aus Versehen geschehen. Aber als ich sagte, dass so etwas nicht aus Versehen passiert, sagte er, dass es kein Versehen gewesen sei und er jetzt gehen würde.“

Für die Mutter waren die Wochen nach dem Vorfall eine schlimme Zeit, „ich wusste ja nicht, ob er mein Kind auch angefasst hat.“ Luisa habe jedes Gespräch abgeblockt, weil sie sich so ekelte. Verteidiger Jonas Hennig sieht sich veranlasst, auch diese Aussage zu bewerten: Er glaube nicht, dass es das Gespräch zwischen seinem Mandanten und der Mutter so gegeben habe.

Es gibt noch weitere Vorwürfe

Das nächste Mädchen muss auf den Zeugenstuhl. Klara, damals neun Jahre alt, heute elf. „Ich hatte das eigentlich schon wieder vergessen, aber weil wir jetzt hier zum Gericht mussten, hatte ich die Bilder wieder im Kopf“, sagt sie. Den Tat schildert sie präzise. Und auch dass es kein unglücklicher Zufall war: „Das hat der Mann länger gemacht.“ Unter Wasser sei das schwierig zu sehen gewesen, fasst der Verteidiger anschließend seine Einschätzung zusammen.

Zu Beginn der Sitzung hatte der Vorsitzende Richter noch darauf aufmerksam gemacht, dass für Matthias S. auch eine Sicherungsverwahrung in Betracht komme. Und im Verlauf der Verhandlung wird immer deutlicher, warum das so ist. Denn unter dem Deckmantel eines Model-Fotografs soll Matthias S. auch kleine Kinder mit Wissen und in Anwesenheit von Müttern fotografiert haben – die Betroffenen ahnten aber nicht, dass sie beim Umziehen im Schlafzimmer dann versteckt gefilmt wurden. Als Schulbusfahrer soll er ein zehnjähriges Mädchen entkleidet und angefasst haben. Und es gibt noch weitere Vorwürfe.

Der Angeklagte schweigt, drei Anwälte aus halb Deutschland versuchen Vorwürfe zu entkräften. Den bestellten Lüneburger Gutachter Dr. Frank Wegener, ein anerkannter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, lehnen sie ab. Ebenso das Angebot des Gerichtes, bei einem vollständigen Geständnis eine Haftstrafe nicht über zehn Jahren und neun Monaten zu verhängen. Das hätte den Mädchen die Aussage erspart. Und so wird auch der nächste Verhandlungstag für manch Prozessbeteiligten nur schwer zu ertragen sein. Denn dann muss das Gericht einige der Videos als Beweis vorspielen.

Von Thomas Mitzlaff

(*) Anmerkung der Redaktion: Wir haben möglichst auf die detaillierte Schilderung der angeblichen Tatabläufe verzichtet. An dieser Stelle ließen sich aber Andeutungen nicht vermeiden, um dokumentieren zu können, welchen Fragen sich die Kinder seitens der Verteidigung ausgesetzt sahen.