Sonntag , 25. Oktober 2020
Der Stellmacher erklärt Besuchern seine Arbeit. Foto: Stine Wangler

Geschichte hautnah

Langenrehm. Zukunft bedeutet Veränderung. Und die kann mitunter existenzbedrohend sein. Das musste auch der alte Heinz Peters feststellen. Über Jahrzehnte hatte sich seine Familie dem Stellmacherhandwerk verschrieben, sich mit dem Gewerbe ein kleines Vermögen aufgebaut. Doch als Gummi auf den Markt kam, die hölzernen Räder nicht mehr angesagt waren, kam er zumindest finanziell unter selbige. Dennoch blieb er stur seiner Berufung verbunden. Zum Glück.

Noch bis 1970 stellte der geschickte Langenrehmer vor allem die rollende Basis für Schubkarren her. Dann schloss er die Werkstatt mit allen Maschinen, die sich darin befanden. Sie wurden nicht modernisiert, sind aber dennoch bis heute voll funktionstüchtig. Der Familienbetrieb mit seiner langen Tradition blieb erhalten – zumindest seine materiellen Güter. Und die sind mittlerweile nicht nur denkmalgeschützt, sie bilden heute auch eine Außenstelle des Freilichtmuseums am Kiekeberg. „Der alte Stellmacher ist letztlich dann vor rund zehn Jahren gestorben“, erklärt Marion Junker, Pressesprecherin der Einrichtung, „die Gemeinde Rosengarten kaufte das Ensemble und baute es gemeinsam mit anderen Förderern um, bevor es Teil des Museums wurde.“ Das Ensemble – das ist der 2000 Quadratmeter große, idyllisch gelegene Hof, der neben der Werkstatt auch ein Sägewerk sowie ein altes Fachwerk-Wohnhaus umfasst. „In diesem zeigen wir, wie die alte Stellmacherfamilie Peters um 1930 zusammenlebte und -arbeitete, denn fast alles ist im Zustand etwa dieser Zeit erhalten geblieben.“ Und das macht es so einzigartig.

„Das ist äußerst faszinierend“

Die Besucher können somit eintauchen in eine längst vergangene Welt, als die Wäsche im Zuber gewaschen, der Herd mit Holz befeuert und drei Räume mit einer einzigen elektrischen Lampe beleuchtet wurden. Original sind auch Böden und Wanddekorationen, Möbel und Geschirr – und natürlich auch die Werkstatt. „Und hier steht noch alles, was die Handwerker damals für die Herstellung von hölzernen Schubkarren benötigten“, erklärt Marion Junker, „denn auf dem Bau waren diese damals unersetzlich.“ Und somit wurden es auch die Stellmacher. Das alte Handwerk ist heute aber längst Geschichte, doch gibt es bis jetzt einige ganz wenige, die es noch lernten. Sie haben ihr Wissen an Jüngere weitergegeben, die sich mit der Verarbeitung von Holz gut auskennen. „Die zeigen es heute während der Öffnungszeiten den Besuchern“, sagt die Pressesprecherin, „und das ist äußerst faszinierend.“ Aus Holz ein Rad zu formen sei schon eine Kunst für sich, weiß sie, „von der Herstellung der Naben ganz zu schweigen“.

Reizvolle Lage

Eben diese hätte – zumindest theoretisch – mittlerweile einen Produktionsaufschwung erleben können: Seit kurzem ergänzt eine sehr gut erhaltene und funktionsfähige Radmaschine aus Bremervörde den kleinen Maschinenpark. „Sie war ein Allzweckmittel zur Herstellung von Rädern“, sagt Marion Junker, „an ihr drechselte der Stellmacher die Naben, bohrte sowohl in diese als auch in die Felge Löcher, stemmte eckige Auslässe auf die Speichen und fräste Zapfen hinein.“ Die Geschichte hätte aber auch dieser Apparat nicht zurückdrehen können und auch den Stellmacher nicht vor den schweren Zeiten bewahrt. Sein Erbe jedoch blieb erhalten und beeindruckt durch die Komplexität und Authentizität im gesamten Ensemble. Gepaart mit seiner überaus reizvollen Lage direkt am Heidschnuckenweg wird es in seiner mittlerweile dritten Saison wieder zu einem lohnenden Ausflugsziel – ab sofort auch wieder mit dem Café im Garten.

Die Stellmacherei Langenrehm hat sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. In dieser Zeit können Besucher den ehrenamtlichen Stellmachern bei ihrer Arbeit zusehen und sich umfassende Informationen zum alten Handwerk holen. Besondere Termine gibt es am 3. September mit einem „Tag des offenen Denkmals“ mit Kinderprogramm, Vorführungen und Führungen, am 20. September ab 12.30 Uhr mit der „Langenrehmer Kulturwanderung“ in Teilen auf dem Heidschnuckenweg sowie am 25. Oktober mit einem kleinen Markt zum Saisonabschluss. Wer noch Näheres in bewegten Bildern über die Stellmacherei erfahren möchte, sollte am Montag, 3. August, um 19.30 Uhr „Hallo Niedersachsen“ einschalten.

Von Ute Lühr

Zur Sache

Im Süden heißt es Wagner

Ein Stellmacher (süddeutsch Wagner) stellte Räder, Wagen, Pflüge und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz her. Einsatzfähig wurden solche Fahrzeuge letztlich dann durch die Arbeit des Schmieds, der die Achsen richtete und sie einband, Reifen auf die Räder warm aufzog und sämtliche Beschläge anbrachte. Beide Berufszweige spielten daher eine wichtige Rolle besonders für das Leben auf dem Land.