Donnerstag , 13. August 2020

Wenn aus Feierlust Streitlust wird

Offenbar schädigt der Corona-Virus das Gehirn doch stärker, als bislang angenommen. Zumindest wäre das eine einfache Erklärung für die zunehmende Gewaltbereitsc haft auch rund um die öffentliche Partyszene in der Lüneburger Innenstadt.

Bisher sind die Probleme aber noch meilenweit entfernt von den Krawallen in Frankfurt/Main und Stuttgart, wo es zu massiven Ausschreitungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei kam und Jugendliche Beamte mit Steinen und Flaschen bewarfen. Gleichwohl dürften die Ursachen für den Unmut unterschiedlicher Ausprägung doch die gleichen sein. Die Sehnsucht nach Normalität im Alltag teilen wir alle, für das soziale Miteinander wäre es gewiss besser, wenn es die Corona-Einschränkungen nicht gäbe. Doch sie sind notwendig.

Die Lockerungen in den vergangenen Wochen, insbesondere im Bereich der Kontaktvorschriften im Gastro- und Kneipenbereich, hat ein Ventil geöffnet. Vor allem jüngere Mitmenschen gierten regelrecht nach Treffen mit Freunden, nach gemeinsamen Feiern. Die Clubs und Diskotheken haben weiterhin geschlossen – wenn sie denn je wieder öffnen. Da bleibt nur das Feiern in der Öffentlichkeit, das Nachtleben findet auf Straßen, Plätzen und in Lüneburg zuletzt auf der Stintbrücke statt. In Hamburg heißt das Trinken und Feiern an der Straßenecke „cornern“, in Lüneburg war es das „Bridgen“. Wer nun das feiernde Volk nach der langen Durststrecke des Corona-Lockdowns auch noch von öffentlichen Plätzen verbannt, setzt das Streichholz an einer sehr kurzen Lunte an. Das haben beispielsweise auch die Vorfälle in Frankfurt gezeigt, als plötzlich der Opernplatz für öffentliche Gelage tabu wurde.

Hinzu kommt eine politische, eigentlich positive Entwicklung, die aber missbraucht wird und im Zusammenhang mit frustriertem Partyvolk hier und Polizei dort eine gefährliche Mischung ergeben kann: Die aktuelle Rassismus-Debatte, befördert durch die „Black Live Matters“-Bewegung, ist wichtig und richtig!

Doch Polizeibeamte berichten, dass immer häufiger kontrollierte Personen den Rassismus-Vorwurf auch gezielt nutzten, um sich einer gerechtfertigten Maßnahme zu entziehen. So sollen Schuldgefühle bei den Beamten einerseits hervorgerufen werden und andererseits bei umstehenden Personen eine Solidarisierung ausgelöst werden, heißt es. Und das wird offenbar immer alltäglicher: So berichtete die Polizei vergangenes Wochenende von einem Mann, den sie stoppte, weil er mit einem Handy telefonierte, während er Fahrrad fuhr. Daraufhin habe der Mann mit türkischen Wurzeln die Beamten als „scheiß Rassisten“ beschimpft. Später wurden bei ihm auch noch Betäubungsmittel sichergestellt, hieß es.

Während der Radfahrer kein größeres Publikum im Umfeld fand, war es bei der Auseinandersetzung im Uni-Viertel in der Nacht zu Freitag anders. Da solidarisierte sich eine vermutlich studentische Gruppe mit einer anderen Gruppe junger Männer, die wegen mutmaßlichen Marihuana-Konsums kontrolliert wurde. Auch hier wurde der Rassismus-Vorwurf erhoben. In dem Fall sprangen Fremde, einige alkoholisiert, in falsch verstandener Solidarität Menschen bei, die der Polizei teilweise als gewaltbereit bekannt sind.

Vor dem Hintergrund war es rückblickend doch gar nicht so verkehrt, dass im Lockdown jeder für sich zu Hause alleine gefeiert hat. Dennis Thomas