Mittwoch , 12. August 2020
Schuldnerberaterin Erika Holland begleitet Menschen auf ihrem Weg aus der Entschuldung. Foto: t&w

Schuldenfalle Corona

Lüneburg. Vor neun Jahren hat Erika Holland ihr Büro mit Blick auf den Kirchturm der Johanniskirche bezogen. Und sie möchte hier nicht mehr weg.

Schuldnerberaterin, für Holland, die vorher in der freien Wirtschaft tätig war, ist dieser Beruf Berufung. „Mich fasziniert die Möglichkeit, Schulden zu regulieren. Menschen zu helfen, sie zu informieren und zu beruhigen, das ist mein Ding, ich liebe das“, schwärmt sie.

Einem Job nachzugehen, ohne dafür zu brennen, das könnte sie nicht. „Ich würde immer weitersuchen, bis ich meine Erfüllung finde“, sagt Erika Holland. Dass sie ihren Job gut macht, glaubt man der 42-Jährigen sofort. Freundlich, ruhig und besonnen wirkt sie, auch ihr Mandant Thomas Hartwig, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt: „Schon nach dem ersten Telefongespräch mit Frau Holland habe ich mich befreit gefühlt. Obwohl die Situation mir unangenehm ist und mich sehr belastet, war es von Anfang an kein Problem, offen mit ihr darüber zu sprechen.“

Vor ein paar Monaten: undenkbar

Er und seine Beraterin sind sich nicht unähnlich, auch der 64-jährige Familienvater erzählt mit Leidenschaft von seinem Job im Vertrieb. Sein Ehrgeiz hat ihn weit gebracht, Hartwig gehört zu den Besserverdienern. Doch warum sitzt der erfolgreiche Kaufmann jetzt hier in der Schuldnerberatung? Vor ein paar Monaten: undenkbar. Seine wirtschaftliche Situation war immer gut, so gut, dass die Banken ihm zinslose Kredite hinterhergeworfen haben, sagt Hartwig. Und er griff zu. „Die Angebote waren einfach zu verlockend.“

Seit die Pandemie Covid-19 unser aller Leben ordentlich durcheinanderwirbelt, seien viele Menschen wie Thomas Hartwig bei ihr vorstellig geworden, berichtet Erika Holland.

„Herr Hartwig ist das perfekte Fallbeispiel. Wir haben eine ganz neue Klientel: Gut situierte Menschen, die ihre Verbindlichkeiten seit 20 Jahren problemlos gewuppt haben, nie nachlässig waren. Dann kam Corona und mit Corona die Kurzarbeit.“ Hartwig stimmt zu, genau so sei es gewesen.

Als sein Arbeitgeber drei Monate Kurzarbeit ankündigte, schwante ihm schon Böses. Er schlief kaum noch, war fahrig und nervös, fühlte sich körperlich nicht gut. April, Mai und Juni, das hätte er gerade noch geschafft. Mit Bauchschmerzen zwar, aber es wäre gegangen. Dann die Hiobsbotschaft: Die Kurzarbeit hält auf unbestimmte Zeit an, eine ertragreiche Beratertätigkeit, der er nebenher nachgeht, bricht von einem auf den anderen Tag weg. Da wird Hartwig klar, dass das nicht gutgehen wird. 100.000 Euro Schulden hat er noch abzustottern, monatlich mehrere Kredite mit insgesamt 1500 Euro zu bedienen. „Bei 4000 Euro Netto ist das kein Problem. Wenn es plötzlich nur noch 2000 Euro sind, dann schon.“

Hätte das neue Auto wirklich sein müssen?

Er hat immer gerne finanziert, warum auch nicht, die Banken haben es ihm leicht gemacht. „Ich bin da anfällig und voll auf den Konsumzug aufgesprungen, jede neue Kreditkarte, die man mir anbot, habe ich dankbar angenommen“, sagt er selbstkritisch.

Hätte das neue Auto wirklich sein müssen? Nein, denkt er heute. „Jetzt ist meine Devise: Wenn ich kein Geld für einen Fernseher habe, kaufe ich ihn nicht. Frau Holland hat mir da die Augen geöffnet.“ Er ist ihr dankbar. Dafür, dass sie Mittlerin ist zwischen ihm und den Gläubigern. „Die Banken und Kreditversicherer gehen so massiv auf einen zu, bauen mit Inkasso ein Drohszenario auf. Als Frau Holland sich dazwischenschaltete, war gleich der Druck raus.“ Erika Holland nickt. „Das Auftreten ist oft aggressiv. Kommen wir dazu, werden die Gläubiger stiller, weil sie wissen, dass wir uns auskennen.“

Hartwig hat nun einen Fahrplan: Im Oktober wird Erika Holland für ihn das Insolvenzverfahren beantragen, dank des neuen Gesetzes zur weiteren Verkürzung des Restschuldbefreiungsverfahrens ist er dann in drei Jahren schuldenfrei. „Das wird mein Neuanfang“, sagt er erleichtert. „Ich weiß jetzt, was auf mich zukommt und vor allem, dass ich es händeln kann.“ Holland lächelt.

Persönliches Ritual

Es sind Momente wie dieser, die sie erfüllen. „Wenn die Menschen zu uns kommen, ist der erste Schritt getan. Aber da haben sie noch diesen Tunnelblick, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Das Problem der Verschuldung ist keins, das man nicht lösen kann. Den Hilfesuchenden Perspektiven aufzuzeigen, macht mich glücklich.“

Doch der Job sei auch belastend, räumt sie ein. „Die Geschichten, wie es zu den Schulden gekommen ist, sind häufig tragisch.“ Um dies nicht mit nach Hause zu nehmen, hat die zweifache Mutter ein persönliches Ritual: „Mein Heimweg dauert eine halbe Stunde. In dieser Zeit lasse ich den Tag Revue passieren, überlege, was mich belastet hat und warum. Dann verabschiede ich mich von diesen Geschichten, mache mir bewusst, dass sie nicht mich persönlich betreffen und lasse los.“

Menschen, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken, rät sie: Nie Umschulden. „Das ist nur eine Verlagerung der Probleme und setzt oft eine Spirale in Gang. Nicht in Schockstarre verfallen, sondern sich auf den Weg machen“. Jedem rät sie: „Rücklagen bilden, es kann immer mal etwas Unerwartetes passieren. Und nur das kaufen, wofür das Geld auch reicht, so niedrig der Zinssatz auch sein mag.“

Die Filiale in Lüneburg ist unter (04131) 709192 zu erreichen. Die Kosten für die Schuldnerberatung werden meist durch das Land übernommen.

Von Lea Schulze