Donnerstag , 13. August 2020
Rund 500 neue Auszubildende erwartet die IHK in diesem Jahr im Landkreis Lüneburg. Foto: Adobe Stock

„Lehrstellen gibt es noch bis Herbst“

Lüneburg. Der coronabedingte Shutdown der Wirtschaft hat viele Betriebe vor große Herausforderungen gestellt. Das hat auch Folgen für den Ausbildungsstart, der eigentlich klassisch am heutigen 1. August ist: Unternehmen bieten weniger Plätze an, gleichzeitig sind aber noch viele Lehrstellen frei. Denn nicht nur Betriebe haben wegen der unkalkulierbaren Wirtschaftslage mit der Einstellung von Azubis gezögert, auch Schüler waren und sind verunsichert, weil Möglichkeiten zur Berufsorientierung fehlten. Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg, äußert sich heute im Gespräch mit LZ-Mitarbeiter Thomas Mitzlaff zur Ausbildungsplatzsituation im Kreis.

foto:Michael Behns Interview Michael Zeinert IHK Hauptgeschäftsführer

Herr Zeinert, wie viele junge Menschen steigen in diesen Wochen ins Berufsleben ein?
Unsere IHKLW verzeichnet zum 31. Juli 426 neue Ausbildungsverträge. Das sind zwar 16,6 Prozent weniger als im Vorjahr, trotzdem stimmen die Zahlen angesichts der coronabedingten Krisensituation zuversichtlich. Sie zeigen, dass die regionalen Betriebe nach wie vor in ihre Zukunft investieren.

Aber es ist ein Rückgang. Und der Grund ist die Corona-Krise?
Nein, das ist nicht nur die Folge der Pandemie. Viele Ausbildungsbetriebe hatten ohnehin schon mit weniger Berufsanfängern geplant, schließlich fehlen uns durch den Übergang von G8 zu G9 rund zwei Drittel des Abi-Jahrgangs. Aber natürlich waren die Bedingungen im Vorfeld ungleich schwieriger. Es konnten keine oder nur veränderte Vorstellungsgespräche stattfinden, es gab keine Ausbildungsmessen, keine Kontakte zwischen Betrieben und Schülern in den Schulen. Deshalb wird der Start ins Ausbildungsjahr 2020 später stattfinden. Nach meinem Eindruck ist die Lage auf dem Lehrstellenmarkt aber deutlich besser, als es zunächst aussah.

Dann ist es noch nicht zu spät für eine Ausbildungsplatzsuche?
Laut IHK-Lehrstellenbörse haben wir noch über 100 freie Stellen im näheren Umfeld. Im Umkreis von 50 Kilometern, zu dem dann auch Hamburg schon gehört, sind es sogar 1000 Stellen. Für junge Leute ist Hamburg ein interessanter Markt, es gibt ja auch eine gute Zuganbindung. Für unsere Betriebe ist das natürlich wiederum Konkurrenz.

Es kann also noch einige Bewegung in den Markt kommen in den nächsten Wochen?
Ja, denn ich gehe davon aus, dass sich der Start ins Ausbildungsjahr 2020 um zwei bis drei Monate verzögern wird. Für die Betriebe ist es wichtig zu wissen, dass man bis in den Herbst hinein neue Ausbildungsverträge abschließen kann. Das ist im Übrigen nichts Ungewöhnliches, denn auch in anderen Jahren orientieren sich junge Leute in der Probezeit noch um oder es gibt Nachbesetzungen.

Und mit welchen Problemen melden sich die Betriebe bezüglich der Ausbildung in diesen Wochen bei Ihnen?
Für viele ist es eine Herausforderung, die Ausbildung fortzusetzen, während die Belegschaft in Kurzarbeit geschickt wird. Auszubildende dürfen ja kaum in Kurzarbeit gehen. Und es stellt sich dann die Frage, wie man das praktisch umsetzt, weil zum Teil ja auch die Ausbilder in Kurzarbeit oder im Homeoffice sind. Wir haben aber den Eindruck gewonnen, dass die Unternehmen da sehr kreativ sind und tolle Lösungen entwickelt haben. Das geht bis zum Ausbildungssharing zwischen verschiedenen Betrieben. Wir wünschen uns da aber perspektivisch, dass die Betriebe vom ersten Tag an Kurzarbeitergeld für Azubis erhalten können.

Und bezüglich der Bewerbersuche?
Auch das ist eine Herausforderung. Denn wie will man Kontakt zu Interessenten bekommen, wenn die Schulen geschlossen sind und es keine Messen gibt. Wir haben deshalb im Juli erstmals ein Online-Speeddating angeboten. Da haben allein aus dem Raum Lüneburg 60 Unternehmen und 84 Bewerber teilgenommen, es kam super an. Das wollen wir im August wiederholen. Außerdem haben wir letztes Jahr die digitale Ausbildungskampagne „Moin Future“ gestartet. Die Plattform wirbt unter moin-future.de bei jungen Menschen für eine Ausbildung in der Region und bietet jetzt auch Formate für das Azubi-Marketing von Unternehmen. Das wollen wir ausweiten.

In welchen Branchen ist die Ausbildungslage problematisch?
Erfahrungsgemäß haben Gastronomie und Handel Probleme, freie Stellen zu besetzen. Wobei wir gerade in der Gastronomie einen massiven Rückgang an Ausbildungsplätzen erwarten.
Bund und Land haben ja Förderprogramme für die Ausbildung angekündigt, wir erwarten noch in dieser Woche die konkreten Förderrichtlinien. Womöglich werden es gar nicht so viele Betriebe sein, die von der Unterstützung des Bundes profitieren können. Die Landeshilfe wird deutlich breiter wirken.

Wie haben sie die Situation an den Berufsbildenden Schulen wahrgenommen, auch bezüglich der Prüfungen?
Wir hätten uns auf Seiten der Schulen einen höheren Digitalisierungsstandard gewünscht, und setzen jetzt darauf, dass die Schulen aus dem Digitalpakt verstärkt abfragen. Es gibt da ja auch ein Sofortausstattungsprogramm des Landes für digitale Endgeräte, das sollte man nutzen. Und dann brauchen sie natürlich Lehrer, die damit umgehen können, Weiterbildung ist hier ein wichtiges Stichwort.

Zur Sache

Digitales Berichtsheft

Zum Ausbildungsstart 2020 führt die IHK das digitale Berichtsheft ein. „Wir wollen es so einfach wie möglich machen, den Ausbildungsnachweis zu pflegen, deshalb kann das digitale Berichtsheft am PC, dem Tablet und dem Smartphone genutzt werden“, sagt Sönke Feldhusen, Leiter des „Menschen bilden“. Mit dem digitalen Berichtsheft können Auszubildende ihre Aufgaben auf Tages- und Wochenbasis in Stichpunkt- oder Freitextform eintragen und online bei ihren Ausbildenden einreichen. Über die integrierte Dialogfunktion können Ausbilder schnell und einfach Feedback geben und die Einträge kommentieren. Das digitale Berichtsheft ist die erste Ausbaustufe des neuen Serviceportals Bildung. Über das bundesweite Angebot der IHKs sollen in Zukunft alle Standardprozesse der beruflichen Aus- und Weiterbildung abgewickelt werden können. Geplant sind unter anderem Anwendungen zum Prüfungsmanagement sowie eine Azubicard und ein digitaler Karriereberater. Zum 3. August steht das digitale Berichtsheft allen IHK-Ausbildungsbetrieben und Auszubildenden kostenfrei zur Verfügung – nachdem sie sich für das Serviceportal Bildung registriert haben. Die Registrierung ist seit dem 27. Juli möglich, weitere Infos sind zu finden unter www.ihk-lueneburg.de/berichtsheft.

Überblick

1141 freie Plätze

Auf dem Ausbildungsmarkt in Lüneburg ist in diesem Jahr noch viel Bewegung: Laut Arbeitsagentur suchten Ende Juli noch 469 junge Leute einen Ausbildungsplatz und 364 Stellen waren noch unbesetzt. In den drei Landkreisen Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg gibt es insgesamt sogar noch 1141 freie Stellen. Doch Angebot und Nachfrage zusammenzuführen, sei nicht ganz einfach, sagt Agenturchefin Kerstin Kuechler-Kakoschke. Denn nicht immer passen Traumberuf und Angebot, Wohn- und Arbeitsort, Wünsche und Anforderungen zueinander. Für einen Start ins Berufsleben sei es aber noch nicht zu spät: „Ganz klassisch verbinden viele mit August den einen Ausbildungsbeginn, aber auch zum 1. September starten viele Ausbildungsgänge und noch später ist ein Einstieg möglich“, so Kuechler-Kakoschke. Ein Fazit wird die Agentur erst im November ziehen.

Gesucht werden im Landkreis Lüneburg vor allem noch Azubis zum Kaufmann im Einzelhandel, Verkäufer, Kaufmann für Büromanagement, Zahnmedizinischer Fachangestellter, Kfz-Mechatroniker, Maschinen- und Anlageführer Anlagemechaniker, Sanitär- und Klimatechnik. Jugendliche können sich online informieren unter www.arbeitsagentur.de/bildung/berufsberatung, sowie unter (04131) 745-437. tm