Montag , 19. Oktober 2020
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„Jeder kann etwas tun“

Hannover/Lüneburg. Manch einer mag sich darüber freuen, dass die Windschutzscheibe im Sommer länger sauber bleibt, das Essen im Garten entspannter ist, weil wen iger hektisch herumgefuchtelt wird.

Tierschützer hingegen sind besorgt, das Insektensterben ist alarmierend, sagen sie. So sind in Niedersachsen allein 62 Prozent der Wildbienen vom Aussterben bedroht, ebenso 46 Prozent der Libellen.

Das große Insektensterben macht sich auch bei den Schmetterlingen bemerkbar. In Deutschland ist rund die Hälfte aller Schmetterlingsarten vom Aussterben bedroht, bereits ausgestorben oder verschollen.
Das Bundesamt für Naturschutz in Bonn meldet, dass bereits mindestens 60 Schmetterlingsarten in Deutschland vollständig ausgestorben sind. 494 weitere Arten seien vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet.

Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Tieren

Hierzulande gelten außerdem 29 Prozent der Schwebfliegen, 32 Prozent der Raubfliegen, 35 Prozent der Heuschrecken, 37 Prozent der Laufkäfer und 87 Prozent der Wasserkäfer als ausgestorben oder bestandsgefährdet. Matthias Freter vom Naturschutzbund Niedersachsen (NABU) geht davon aus, dass die Situation noch dramatischer ist: „Dass die Lage ernster ist, als es die Rote Liste suggeriert, verdeutlicht die Tatsache, dass von den etwa 30.000 in Deutschland vorkommenden Arten gerade mal knapp 8000 Arten durch die Rote Liste bewertet wurden“, meint er.

Mehr als beunruhigt zeigt sich auch Bernhard Stilke vom BUND Lüneburg. „Insekten sind die Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Tieren“, sagt Stilke. „Der Rückgang wesentlicher Bestände wird Folgen haben.“

Insekten mangelt es an Nahrung

Das Insektensterben beruhe auf vielen Faktoren, die ineinandergreifen: Jegliche Ansätze mehr Wildnis und Urwald zuzulassen, seien gescheitert, bedauert Stilke, die Landschaft deshalb aufgeräumter als früher. „Den Insekten mangelt es an Nahrung bei all den Schottersteinen und englischen Rasenflächen. In den aufgeräumten Gärten hört man auch weniger Vögel zwitschern, denn ohne Insekten bleiben sie hungrig.“

Kritisch sieht er auch die Entwicklung, dass in den Wäldern und Gärten Totholz aus ästhetischen Gründen schleunigst entfernt werde. „In meiner Kindheit gab es jede Menge Hirschhornkäfer“, erinnert sich der Umweltschützer. „Das ist vorbei. Es gibt viele Käfer, die von Totholz leben, denen fehlt jetzt die Nahrungsgrundlage.“

Blühwiese oder Reisighaufen können helfen

Auch viele Schmetterlinge befänden sich in der Bredouille: „Gerade die Spezialisten, die sich nur von einer Wirtspflanze ernähren, wie dem Jakobskreuzkraut, das vielerorts beseitigt wird, sind vom Aussterben bedroht.“ Aber auch Generalisten wie der Fuchs, der Kleine Bär, der Distelfalter oder das Tagpfauenauge seien gefährdet. „Für etliche Schmetterlinge ist zum Beispiel die Brennessel sehr wichtig. Die Menschen mögen sie nicht und vernichten sie.“ Verantwortlich für das Insektensterben seien außerdem die Insektizide vieler Landwirte und der Klimawandel. „Im Zuge des Klimawandels ist die Schwarze Hornisse bei uns heimisch geworden. Die kommt eigentlich aus Asien. Wir kriegen andere Arten, und das übt natürlich Druck auf die hiesigen Arten aus. Wir haben keinen knackigen Frost mehr von acht Wochen. Das stört die Insekten in ihrem Winterschlaf, sie erwachen und finden nichts zu futtern.“ Eine Reduktion der Insekten sei nur ein Anzeiger der Verarmung der Landschaft, mahnt er.

Aber er will auch kein Drohszenario aufbauen, viel wichtiger sei es, die Menschen zu motivieren, der aktuellen Entwicklung entgegenzusteuern. „Jeder kann etwas tun, eine Blühwiese oder ein Reisighaufen im Garten, in dem sich die Tiere verstecken können, einfach ein bisschen mehr Unordnung, damit ist schon viel erreicht. Und bei Blühpflanzen am besten etwas, was von Januar bis Dezember blüht, wie der Winterjasmin. Insekten brauchen Blüten, wenn sie wach werden.“

Nahrungsgrundlage für Vögel

Einfach umsetzbare Tipps hat auch Claudia Kutzick vom Kreis-imkerverein Lüneburg: Abgeblühte Pflanzen sollen nicht gleich abgeschnitten werden, die Stauden noch ein bisschen stehen bleiben für die Insekten. „Dort suchen sie sowohl Zuflucht als auch Nahrung. Vielen Menschen sind Insekten vielleicht gleichgültig, aber sie sind Nahrungsgrundlage für Vögel. Und wenn die nicht mehr zwischern, das merken die Leute dann schon.“

Ihr Appell an Eltern: Mit Kindern rausgehen, Insekten beobachten, sie auch mal auf die Hand nehmen. „Damit sie ein Verständnis dafür entwickeln, dass sie auch zum Kreislauf gehören und Raupen nicht zerdrücken, denn sonst kann kein schöner Schmetterling daraus werden. Wer von klein auf mit Spinnen, Wespen, Grashüpfern, Raupen und Schmetterlingen in Berührung kommt, der entwickelt keine Angst, Ekel oder Scheu.“

Von Lea Schulze

Mitmachaktion

„Zählen, was zählt“

Wieder lädt der NABU vom 31. Juli bis zum 9. August zur Mitmachaktion „Insektensommer“ ein. Mit der Insektenzählung möchte der NABU das Bewusstsein der Menschen für die Insekten vor ihrer Haustür schärfen. Gleichzeitig helfen die gesammelten Daten ihm dabei, die Insektenentwicklung in Deutschland besser zu verstehen. Bei der Insektenzählung kann jeder mitmachen, der Lust hat, sich Schmetterlinge und weitere Insekten einmal für eine Stunde lang genauer anzusehen. Gezählt werden kann alles, was sechs Beine oder mehr hat, benötigt wird nur ein Stift und Zettel oder die Zählhilfe mit den häufigsten Arten, die auf der NABU-Website runtergeladen und ausgedruckt werden kann. Dort finden sich auch weitere Materialien, um die Sechsbeiner besser kennenzulernen und unterscheiden zu können. „Wer diese Tiere nicht kennt, kann sie ganz einfach mit dem NABU-Insektentrainer unterscheiden lernen. Das tolle am Insektensommer ist, dass alle, völlig unabhängig von Vorkenntnissen, mitmachen können“, sagt Matthias Freter.

Die Daten der Zählaktion „Insektensommer“ werden in Zusammenarbeit mit der Plattform www.naturgucker.de erfasst. Die Ergebnisse werden vom NABU ausgewertet und zeitnah veröffentlicht. Der Insektensommer findet dieses Jahr zum dritten Mal statt. Im vergangenen Jahr beteiligten sich 16.300 Menschen mit über 6300 Beobachtungen. Mehr Informationen dazu gibt es unter www.insektensommer.de