Freitag , 18. September 2020
Dave Claessen ist neuer Dirigent beim Sinfonischen Blasorchester Lüneburg. Foto: bau

Vollblutmusiker am Pult

Lüneburg. Endlich wieder gemeinsam musizieren. Nach mehr als vier Monaten Corona-Zwangspause haben sich Akteure des Sinfonischen Blasorchesters Lüneburg (SBL) zu einer mehrstündigen Probe im Freien auf dem Sportplatz in Wittorf getroffen. Die ersten Klänge nach der langen Unterbrechung waren für viele trotz der ungewohnten Distanz zu den Mitspielern durch die einzuhaltenden Abstands- und Hygieneregeln ein besonderer Moment – speziell für Dave Claessen.

Der 45-Jährige ist seit März der neue musikalische Leiter des Orchesters. Doch erst jetzt war es ihm möglich, sein Ensemble erstmals zu dirigieren. „Ein besonderes und schönes Gefühl“, sagt Dave Claessen. Der Niederländer ist der fünfte Dirigent des SBL. Seit der Gründung 2007 schwangen dort Dominik Hälker (2007 bis 2009), das Duo Henning Brockhöft/Stefan Pleß (2009 bis 2011), Stefan Pleß (2011 bis 2014) und Jens Illemann (2014 bis 2020) den Taktstock.

Klares Votum der Musiker

Dave Claessen hatte von der Suche nach einem Nachfolger erfahren, sich für das Amt beworben und beim erforderlichen Probe-Dirigat aller Bewerber das Orchester sofort begeistert. Entsprechend überwältigend fiel das Votum für ihn als neuen Leiter durch die SBL-Akteure aus. „Wir haben mit ihm einen Vollblutmusiker am Pult bekommen“, freute sich die 1. Vorsitzende Rebecca Kock. Hauptberuflich ist Dave Claessen 3. Hornist im NDR-Elbphilharmonie-Orchester.

Dave Claessen stammt aus Melick, einem 3500-Einwohner-Dorf in der Provinz Limburg in den Niederlanden. Im dort beheimateten Musikverein – mit dem Sinfonischen Blasorchester „Harmonie Concordia Melick“ als Herzstück – entstand schon früh seine Leidenschaft zur Musik. Mit acht Jahren fing er an, Trompete zu spielen. Mit 13 Jahren stieg er auf das Horn um. Sein Weg führte ihn nach seinem Horn-Studium bei Charles Petit sowie den Professoren Erich Penzel und Will Sanders als Berufsmusiker über das Philharmonische Orchester Dortmund nach Hamburg zum NDR-Sinfonieorchester und heutigen NDR-Elbphilharmonie-Orchester.

Claessen liebt Blaskapellenmusik

Schon als 14-Jähriger durfte er sein Blasorchester „Harmonie Concordia“ dirigieren. Spontan holte ihn der damalige „de Directeur“ Harry Wolters Junior bei einem Platzkonzert ans Podest. „Das Gefühl war fast so sagenhaft wie E-Gitarre spielen in der Schulband“, sagt Dave Claessen. „Meine anfängliche Euphorie legte sich aber nach der Standpauke eines älteren Musikers, der einiges an meiner Amtsausübung zu monieren hatte.“ Dennoch hatte er Feuer gefangen. Zwei Jahre später übernahm er die musikalische Leitung der Tanzkapelle „Concordiaband“.

Dave Claessen liebt Blaskapellenmusik. „Zum Frühstück höre ich vorzugsweise handgemachte Tiroler Volksmusik.“ Danach, sagt der Familienvater schmunzelnd, entscheide der Tag, aber auch seine Frau und die beiden Kinder, was auf den Plattenteller kommt. Das kann dann bei ihm klassische Musik und Chorgesang sein, aber auch die Rolling Stones, Bob Dylan, Jimi Hendrix oder sogar Motörhead. Wenn es seine Zeit zulässt, dann greift der Niederländer auch gerne in die E-Gitarren-Saiten.

Mit Anfang seines Horn-Studiums ließ das Interesse am Dirigieren zunächst nach. 2004 aber stieg er wieder ein. Nach einem Probe-Dirigat wurde er vom Jungen Orchester Hamburg zum neuen künstlerischen Leiter gewählt. Von 2012 bis 2018 hatte er die musikalische Leitung der Familien- und Schulkonzerte des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters inne. Vorangegangen war wieder eine zufällige Anekdote. Chefdirigent Alan Gilbert hatte ihn während einer Probe des NDR-Sinfonieorchesters gebeten, den Taktstock zu übernehmen. Er wollte sich die Balance im Saal anhören.

Feinschliff für einen Diamanten

„Gefühlte zwei Stunden lang stand ich vorne und dirigierte einen Abschnitt aus Tschaikowski’s Vierter Sinfonie“, sagt Dave Claessen schmunzelnd. Es waren zwar lediglich dreieinhalb Minuten. Doch die absolvierte er so überzeugend, dass er die Leitung der Familien- und Schulkonzerte des NDR Elbphilharmonie Orchesters anvertraut bekam. Jetzt freut er sich auf seine Aufgabe im SBL. „Ich hoffe sehr, dass wir irgendwann wieder ohne Einschränkungen proben und spielen dürfen“, sagt Dave Claessen. Er möchte den erfolgreichen Weg des Orchesters weitergehen, aber auch neue Reize setzen, um beispielsweise den Klang des Orchesters noch besser zu machen. „Dieser Diamant braucht noch ein bisschen Feinschliff“, sagt der Dirigent lachend.

Von Marcel Baukloh

Zur Sache

Verstärkung gesucht

Trotz der Größe mit mehr als 60 Akteuren ist das Blasorchester stetig auf der Suche nach Verstärkung. Derzeit werden Musiker für die Instrumente Waldhorn, Posaune, Tuba, Kontrabass, Schlagzeug, Schlagwerk und an den Mallets gesucht. „Wer ein Instrument mit guten bis sehr guten Fähigkeiten beherrscht und Interesse hat, bei uns mitzuspielen, kann sich über unsere Homepage www.sbl-lueneburg.de melden“, sagt die 1. Vorsitzende Rebecca Kock. Neben dem Anspruch, Originalkompositionen für sinfonisches Blasorchester auf hohem Niveau zu präsentieren, spielt das Orchester Bearbeitungen verschiedenster Genres, von Rock-/Pop-Musik über klassische Werke bis hin zu Musik aus den Bereichen Swing und Jazz sowie Musicals.