Mittwoch , 12. August 2020
Rebecca von Brockhusen ist seit zwei Jahren 1. Vorsitzende des Ambulanten Hospizdienstes in Lüneburg. Foto: t&w

„Wir mussten sie unbeachtet sterben lassen“

Lüneburg. Plötzlich waren die Menschen weg, die Halt gaben, die einen durch die schwersten Stunden begleiteten, die dem Tag mehr Leben gaben. Mit dem Ausbruch des Corona-Virus lernte Deutschland den Begriff der Risikoperson kennen. Schwerst- und Todkranke gehören dazu. Sie mussten von einem Tag auf den anderen auf jene Unterstützung verzichten, die eigentlich unverzichtbar ist. Doch die Mitarbeiter des Ambulanten Hospizdienstes Lüneburg konnten nicht mehr helfen. Jetzt, vier Monate später, fährt der Verein den Betrieb wieder hoch.

Rebecca von Brockhusen erinnert sich noch genau an jenen Tag im März, als plötzlich alle ehrenamtlichen Mitarbeiter keinen persönlichen Kontakt mehr zu den Betroffenen haben durften. „Damals begleiteten wir 48 Menschen“, schildert die 1. Vorsitzende des Ambulanten Hospizdienstes. „Sie nicht mehr treffen zu dürfen, war das Schlimmste, was passieren konnte.“ Seniorenheime verrammelten sich, Krankenhäuser erließen Berufsverbote „und wir mussten ertragen, dass diese Menschen, denen wir eine Hilfe waren, unbeachtet sterben“. Per Telefon und E-Mail versuchen die Helfer den Kontakt aufrecht zu erhalten, „aber letztlich war da nur eine schreckliche Ohnmacht“.

Verzweifelte Familienangehörige

Über 80 Ehrenamtliche aus allen Lebensbereichen, seien es Lehrer, Handwerker oder Studenten, engagieren sich im Ambulanten Hospizdienst für schwerst- und todkranke Menschen. „Manchmal ist es nur eine kurze Begegnung von wenigen Stunden, manche begleiten wir über Jahre“, schildert Rebecca von Brockhusen, die seit viereinhalb Jahren dabei ist und dem Verein seit zwei Jahren vorsteht. Die Krankenkassen refinanzieren ein Büro mit zwei hauptamtlichen Koordinatoren, die erste Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige sind und die bei einem ersten Termin abklären, wer als Begleiter für die Betreffenden in Frage kommt. Alles andere rund um das kostenlose Angebot des Ambulanten Hospizdienstes wird über Spenden finanziert – sei es die Weiterbildung der Ehrenamtlichen oder auch die Erweiterung der Palliativstation im Städtischen Klinikum.

Die 1. Vorsitzende lässt nach dem Shutdown im März Postkarten drucken, die die Mitarbeiter an die Kranken schicken, die sie nun nicht mehr besuchen dürfen. „Zeit schenken“ steht da drauf, ergänzt um einige persönliche Zeilen. Immer wieder melden sich in den Wochen darauf auch verzweifelte Familienangehörige, die der Situation hilflos gegenüber stehen. „Meine Mutter fragt ständig nach ihnen“, schreibt beispielsweise ein Sohn.

Halt geben und Trost spenden

Monatelang ist der Ambulante Hospizdienst lahm gelegt, bis er in den vergangenen Wochen wieder langsam hochfahren kann. Doch das Arbeiten ist ein völlig anderes geworden. Wo sonst Nähe gefragt war, ist Distanz das Gebot der Stunde. Denn man hat es ausschließlich mit Hochrisiko-Personen zu tun. Vorsicht ist das Gebot der Stunde, „es ist natürlich auch für uns ein Prozess, sich auf diese neue Situation einzustellen und die Distanz vielleicht irgendwie anders zu durchbrechen“, schildert von Brockhusen. Denn zuvor gehörte die körperliche Berührung für viele Betroffene einfach dazu, um Halt zu geben und Trost zu spenden.

„Wir sind wieder da, aber vieles ist anders“ – das ist auch die Botschaft, mit der der Verein jetzt an die Öffentlichkeit geht. Die Hotline 04131/731500, unter der rund um die Uhr jemand erreicht werden kann, ist freigeschaltet. Und der Verein ist wieder so aufgestellt, dass er jederzeit reagieren kann, wenn ein akuter Hilferuf bei ihm aufläuft. „Manchmal reicht ein Telefonat als erste Unterstützung, manchmal schicken wir auch sofort jemanden los“, schildert von Brockhusen den Handlungsspielraum. Diese Flexibilität sei das große Plus der Mitarbeiter. Auch wenn einiges sich noch schwierig gestaltet. Besuche in Seniorenheimen und Kliniken müssen noch immer ganz genau abgesprochen werden, es melden sich noch nicht so viele Hilfesuchende wie vor der Pandemie

Große Dankbarkeit ist der Lohn für die Ehrenamtlichen

Seit viereinhalb Jahren engagiert sich Rebecca von Brockhusen im Ambulanten Hospizdienst Lüneburg. Früher jettete sie als Maklerin von Großimmobilien durch Europa, bis eine schwere Erkrankung sie zur Berufsaufgabe zwang. Seitdem bereichert die Unterstützung schwerstkranker Menschen ihr Leben. „Der Lohn ist unendliche Dankbarkeit und auch für einen selbst bekommen Begriffe wie Demut und Barmherzigkeit eine neue Bedeutung“, sagt sie.

Das Betreuungswesen fährt allmählich wieder hoch, das Spendenaufkommen noch nicht. Und so sieht die 1. Vorsitzende es als eine ihrer wichtigen Aufgaben an, den Verein wieder in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Denn Corona habe vieles verändert, das Motto des Hospizdienstes aber bleibe: „Wir geben dem Leben nicht mehr Tage, aber wir geben dem Tag mehr Leben.“

Von Thomas Mitzlaff