Samstag , 19. September 2020
Ruthild (l.) und Sophia Voss planen drei Wohnungen im Dachgeschoss ihres Hofes in Wittorf. Sie freuen sich sichtlich auf die neue Nachbarschaft mit ihren Mietern. Foto: geo

Wohnen auf dem einstigen Heuboden

Wittorf. Hinein in den Badeanzug, herüber auf die andere Straßenseite und schwupps in die Ilmenau: Diese Erfrischung gönnt sich Ruthild Voss aus Wittorf immer wieder gern. Und wenn alles glatt geht, können sich in etwas mehr als einem Jahr auch ihre Mieter direkt von zu Hause aus zum kleinen Bad in den Fluss aufmachen. Denn anstatt ihren ehemaligen Heuspeicher weiter leerstehen zu lassen, baut die Familie den riesigen Dachboden zu Wohnungen um. Ein Mammutprojekt, unterstützt vom Landkreis Lüneburg.

„Für uns ist das Haus zu groß“, sagt Sophia Voss, Tochter des Hauses. Ihr Onkel hatte auf dem Hof in der Bardowicker Straße einen Fohlen-Notdienst betrieben, doch seit seinem Tod vor 15 Jahren wird der Heuboden nicht mehr gebraucht. „Würden wir nichts machen, verfiele er nach und nach. Daher haben wir entschieden, das Dachgeschoss auszubauen und zu vermieten.“

Einige Jahre Planung stecken bereits in dem Projekt, für die Finanzierung des aufwendigen Ausbaus hat die Familie ein Grundstück verkauft und einen Kredit aufgenommen. Durch die Vermietung wird sich die Investition tragen, hofft Sophia Voss. „Wir sind Altbaufans und möchten den Hof erhalten“, sagt die 30-Jährige. „Wir planen den Ausbau so, dass wir das Gebäude für die nächsten 100 Jahre konservieren.“

Gemeinschaftsfläche vor dem Haus

Drei Wohnungen sollen entstehen: knapp 100, etwa 85 und 45 Quadratmeter groß. Da das Dach noch aus der Entstehungszeit des Hauses stammt, 1928, wird es nun neu eingedeckt. „Das ist zwar schade um die alten Pfannen“, sagt Ruthild Voss (61), „ist aber nicht anders möglich, weil der Putz nach und nach herunterkommt.“ Dazu eine zeitgemäße Dämmung und Isolierung, damit es nicht zu warm und nicht zu kalt wird. Vor dem Haus soll zudem eine gepflasterte Fläche entstehen, die alle gemeinsam nutzen können: Familienmitglieder und Mieter, zum Beispiel für einen kleinen Klönschnack.

Neues Leben in ungenutzten Altbauten entstehen lassen: Was in Wittorf passiert, ist ein Paradebeispiel für das Ziel eines neuen Fördertopfes, den der Kreistag im Mai beschlossen hat. Unter dem Titel „Wohnen und Arbeiten im ländlichen Raum“ können Privatleute und Kommunen finanzielle Unterstützung beim Kauf und beim Umbau von Bestandsgebäuden beantragen, in erster Linie in Gemeinden mit weniger als 12.000 Einwohnern. Ziel ist, dass das Ortsbild bestehen bleibt.

„Das ist ideal“

Zwei weitere Projekte hat der Landkreis bereits bewilligt: In dem Gebäude des „Handorfer Hofs“ von Malte Luhmann in Handorf sollen, ähnlich wie in Wittorf, im ehemaligen Heuspeicher im Dachgeschoss drei kleine Mietwohnungen entstehen, auch dort wird aus leerstehendem Wirtschaftsraum nun Wohnraum.

Im Dachgeschoss des „Wittorfer Hofes“ sollen drei kleine Wohnungen entstehen. Foto: geo

Direkt neben der Schule in Handorf hat die Gemeinde ein Grundstück gekauft, auf dem nicht nur Kindergarten, Krippe und Mensa gebaut werden sollen. Sondern auf dem vorne an der Straße auch ein Haus steht, das die Handorfer seit jeher kennen: das der einstigen Sattlerei Rötting. „Für uns ist dieses Grundstück ideal, um die Grundschule zum Schulcampus zu erweitern“, sagt Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann. Auch Bürgermeister Jörg Meyer zeigt sich glücklich über den Kauf: „Wir werden alle Einrichtungen von der Krippe bis zur Grundschule in fußläufiger Verbindung haben, und das mitten im Dorf. Das ist ideal.“

Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann vor der ehemaligen Sattlerei in Handorf, die zum Gemeindebüro werden soll. Foto: geo

Das Bestandsgebäude mit dem schmucken Giebel zur Straße hin soll zukünftig nicht nur erstmals das Handorfer Gemeindebüro beherbergen, das es bisher nicht gibt. Sondern in dem Haus soll außerdem eine Werkstatt entstehen, in der die Kinder der Grundschule spielerisch an Physik und Chemie herangeführt werden.

200.000 Euro im Kreishaushalt

Insgesamt hat der Kreistag pro Jahr 200.000 Euro im Haushalt für das Programm bereitgestellt. Wer mit dem Kauf eines alten Hauses liebäugelt, kann schon vor der Umsetzung von Umbauarbeiten auf die Unterstützung der Verwaltung setzen. Zuständig für die Koordination der Fördermittel ist Inga Masemann. „Eine Erstberatung mit einem Architekten oder Hochbauingenieur wird mit 1000 Euro unterstützt“, sagt sie. „Für Investitionen ist eine Förderung von bis zu 10.000 Euro möglich. Mit dem Geld können Sanierungs-, Ausbau- oder Umbauarbeiten angeschoben werden.“

Malte Luhmann, die Gemeinde Handorf und Familie Voss aus Wittorf sind die ersten, die Geld aus dem neuen Fördertopf erhalten. Malte Luhmann erhält pro Wohnung 8000 Euro Zuschuss, die Gemeinde Handorf bekommt 10.000 Euro und die Familie Voss pro Wohnung 10.000 Euro. Alle wollen so schnell wie möglich mit den Umbauarbeiten beginnen und hoffen darauf, dass bereits nächstes Jahr neues Leben in ihre alten Häuser zieht.

Von Carolin George

Zur Sache

So funktioniert der Antrag

Wer ein altes Haus kaufen oder umbauen möchte, hat viele Fragen – vor allem als Laie. Der Landkreis will daher bereits bei der Beratung potenzieller Käufer ansetzen. Wer also einen Antrag auf kostenlose Architektenberatung und oder auf Unterstützung des eigenen Bauvorhabens beim Landkreis stellen möchte, muss folgende Voraussetzungen mitbringen: Das Haus ist Baujahr 1960 oder älter, es ist ortsbildprägend und steht seit mindestens sechs Monaten leer.

Auf der Internetseite des Landkreises gibt es eine Checkliste und einen Musterbogen, Antragsfristen sind jeweils der 15. September und der 15. März eines Jahres. Fragen dazu beantwortet Inga Masemann unter Telefon (04131) 261 374 oder E-Mail inga.masemann@landkreis-lueneburg.de. www.landkreis-lueneburg.de/kreisentwicklung. Und wer Interesse hat an den Wohnungen bei Familie Voss in Wittorf, kann sich per E-Mail melden unter: ruthild-voss@t-online.de.