Samstag , 19. September 2020
Auf dieser Decke und in diesem Schlafsack hat LZ-Reporterin Carolin George am Elbestrand bei Radegast eine Nacht unter freiem Himmel verbracht, Mikroabenteuer: ja, Schlaf: nein. Foto: Carolin George

Schlaflos am Strand

Radegast. Nur zur Sicherheit, denke ich, und gehe wieder zurück. Es ist 21.50 Uhr, ich war schon aus der Tür, aber sicher ist sicher. Lieber noch ein allerletzt es Mal zur Toilette, als dass ich heute Nacht muss. Wenn ich an der Elbe liege, allein in meinem Schlafsack.

Ich hatte von einem Mann aus Hamburg gehört, der sein Geld mit Büchern und Workshops verdient, in denen es um sogenannte Mikroabenteuer geht. Wir sollen aus unserem Alltag ausbrechen, draußen sein und etwas erleben – aber ohne aufwendige Ausrüstung. Und danach sollen wir mit neuen Perspektiven auf das Leben blicken, weil wir uns etwas getraut haben, von dem wir vorher nicht wussten, wie es wohl wird.

Als ich auf die Internetseite des Mannes gucke, sehe ich einen durchtrainierten Körper, definiert und definitiv sehr sportlich. Aber wenn es darum gehen soll, dass wir alle diese Abenteuer erleben können, muss das ja auch ohne Muskeln unter den Rippen möglich sein, denke ich.

Auf der Suche nach einem geeigneten Selbstversuch blättere ich durch die Liste der vorgeschlagenen kleinen Abenteuer. Ein Floss bauen: kann ich nicht ohne Hilfe. Bewusst einen großen Baum kennen lernen: habe ich schon gemacht, bevor ich wusste, dass das ein Mikroabenteuer ist. Eine Nacht durch den Wald laufen: ist mir zu anstrengend, denn nachts möchte ich schlafen.

Ich erinnere mich an meine Jugend im Zelt und daran, dass ich einen Schlafsack besitze. Da ich oft an der Elbe bin, weil ich sie so liebe, beschließe ich: Statt sonntagmittags fahre ich dieses Mal eben montagabends hin. Statt im Bett schlafe ich eine Nacht an ihrem Ufer. Ohne Zelt und ohne andere Menschen bei mir. Das ist ein gutes Mittelding zwischen Vertrautem und Neuem, finde ich.

Schließlich fahren dort kaum Autos und keine Busse

Ich packe also meine Sachen: Picknickdecke, Schlafsack und Mütze, Taschentücher, Block, Stift und Handy, und gehe in Jogger, Wollsocken und Kapuzenpulli zum Strand. Da, in Radegast, wo das Biosphärenreservat den Fluss und seine Auenlandschaft schützt, dürfte ich doch einen gemütlichen Platz finden für meine einsame Nacht, denke ich mir. Schließlich fahren dort kaum Autos und keine Busse, kaum Motorräder oder Schiffe.

Ich suche eine Weide aus, die mir sympathisch ist, lege die Picknickdecke in den Sand und rolle zum ersten Mal seit sechs Jahren meinen Schlafsack aus. Vor mir fließt die Elbe, mein Fluss. An seinen Ufern bin ich geboren und aufgewachsen, in seiner Nähe lebe ich noch heute. Jetzt liegt das Wasser so still vor mir, dass es alles zweimal gibt: das Orange des Sonnenuntergangs, den Sand der Buchten auf der anderen Seite und jeden Baum und Strauch dort drüben. So friedlich, wie es hier ist, lässt es sich doch sicher gut schlafen, denke ich. Auch ohne Zelt.

Die Wetter-App kündigt 14 Grad für die Nacht an, mein Schlafsack hält bis minus 4 Grad warm, bis minus 20 Grad überlebe ich, steht auf dem Schild. Wunderbar. Mir ist warm, es piekst nichts, es juckt nichts, ich habe keinen Hunger, keinen Durst, ich muss nicht zur Toilette, und selbst die Mücken wenden sich freiwillig ab von mir, sobald sie das Spray auf meiner Haut riechen.

Ich höre Kühe blöken und Gänse rufen, von irgendwo melden sich die ersten harmlosen Frösche. Ich fühle mich fantastisch. Alles wirkt so selbstverständlich, und ich bin mittendrin. Es war genau die richtige Entscheidung, statt nachts durch den Wald zu laufen, nachts hier am Strand zu sitzen.

Nur eines ist ein bisschen blöd: War ich eben noch todmüde, bin ich jetzt hellwach. Es ist 22.41 Uhr und kein bisschen dunkel. Anstatt zu schlafen mache ich mir Gedanken. Vor allem darüber, wie man das Geräusch nennt, das Frösche machen. Denn wie quaken hört sich das nicht an. Sie klingen jedenfalls, als seien sie zu Hunderten bei dem, was sie da gerade tun. Ich lege mich hin, denn im Sitzen werde ich ja auch nicht müder. Und die Frösche werden schon irgendwann leiser werden. Denke ich.

23.44 Uhr: Der Sand, der tagsüber unter meinen nackten Füßen noch ganz weich gewesen war, ist auf einmal hart wie Stein. Damit hatte ich kein bisschen gerechnet. Tagsüber war es immer so gemütlich hier! So oft ich mich jetzt drehe und wende, ich finde keine Position, in der ich gut und gerne liege. Und ohne dass irgendwo irgendwas weh tut.

Mehr will ich gar nicht. Einfach nur schlafen

0.13 Uhr: Ich habe nur noch ein einziges Bedürfnis. Ich möchte schlafen. Mehr will ich ja gar nicht. Einfach nur schlafen. Im Gegensatz zu den Fröschen. Anstatt leiser werden sie immer lauter. Von harmlos kann keine Rede mehr sein. Um 0.29 Uhr beschließe ich, ab jetzt nicht mehr auf die Uhr zu gucken. Denn ich habe mal gelesen, dass einen das vom Einschlafen abhält.

Um 1.11 Uhr frage ich mich, ob Frösche eigentlich nachtaktiv sind. Und wann sie eigentlich schlafen. Und was sie eigentlich tun die ganze Zeit so mitten in der Nacht. Es ist immer noch nicht richtig dunkel. Aber die Sterne über mir werden immer mehr. Wenn die Sterne am Himmel stehen, schläft man doch eigentlich. Dann hätte ich jetzt auch durch den Wald laufen können.

2.04 Uhr: Ich frage mich, ob man Schlaf eigentlich wirklich braucht. Oder ob ich in dieser Nacht einfach einmal darauf verzichten könnte. Wie die Frösche.

2.07 Uhr: Ich bin so müde, dass mir die Energie fehlt, meine Liegeposition zu verändern. Wobei das auch egal ist, irgendwas tut sowieso immer weh hier auf dem Sandbeton. Dass ich hier bin und nicht in meinem Bett, fühlt sich überhaupt nicht mehr richtig an. Ich bin hier völlig falsch. Hier ist das Zuhause von Tausenden Fröschen. Nicht meins.

Um 3.18 Uhr fängt der Horizont an, eine ähnliche Färbung anzunehmen wie gerade eben, als die Sonne unterging und ich in meinen Schlafsack stieg. Bitte nicht. Nicht noch heller! Nicht schon jetzt! Ich habe doch noch keine einzige Minute geschlafen.

Um 4.06 Uhr entscheide ich, das Einschlafenwollen aufzugeben. Es ist eh viel zu hell. Und die Vögel sind auch schon seit 3.30 Uhr wach. Die Frösche haben die Nacht durchgemacht und planen offensichtlich, den Tag zum Ausruhen zu nutzen, wenn ich am Schreibtisch sitze. Ich beschließe, dass Schlafen vielleicht ja wirklich überbewertet ist und der Sonnenaufgang bestimmt ganz großartig sein wird.

Ich mache die Augen auf und lasse sie offen, bis die Sonne über das Wasser blitzt. Auf einmal fühle ich mich wie ausgeschlafen, so großartig ist das Gefühl, die ganze Nacht an der frischen Luft gelegen zu haben. Es hat sich keinen Moment lang unheimlich angefühlt, ich hatte keine Sekunde lang Angst vor irgendetwas hier draußen.

Am nächsten Tag frage ich eine Biologin, wie man das nennt, was Frösche tun, wenn es nicht wie quaken klingt. „Schnarren“, schlägt sie vor. Ja, das passt. Sie schnarrten, und zwar die ganze Nacht. Ich weiß jetzt auch, warum: Frösche balzen nachts. Ihr Schnarren erreicht dabei bis zu 90 Dezibel. Normaler Straßenverkehr 85.

Aufgewachsen in Hamburg und wohnhaft in Lüneburgs Altstadt, habe ich in dieser Nacht eines gelernt: Ich bin total naiv. Ich dachte, es sei schön ruhig nachts im Naturschutzgebiet. Das nächste Mal schlafe ich im August draußen, dann ist die Paarungszeit vorbei. Und ich nehme eine dicke Isomatte mit. Oder eine Luftmatratze. Denn ich will das nochmal. Der Sonnenaufgang war nämlich wirklich großartig.

Von Carolin George

Interview

„Neue Wege gehen und Muster durchbrechen“

Christo Foerster, 42, Diplom-Sportwissenschaftler, ist selbstständiger Buchautor und Coach in Hamburg. Foerster hat den Begriff Mikroabenteuer aus dem englischen „microadventure“ des Abenteurers, Autors und Radfahrers Alastair Humphreys übernommen. Sein erstes eigenes Mikroabenteuer erlebte Foerster im März 2017: Er verabredete sich für den nächsten Morgen mit einem alten Freund zum Frühstück in Berlin und kam pünktlich um 10 Uhr an – nachdem er die Nacht hindurch von Hamburg nach Berlin mit dem Rad gefahren war. 324 Kilometer. Foerster schwört, dass er die zehn Jahre davor nie mehr als 20 Kilometer am Stück geradelt war.

Was macht ein Mikroabenteuer aus?
Christo Foerster: Es geht darum, neue Wege zu gehen und Muster zu durchbrechen. Ungewissheit zu akzeptieren, nicht vorhersagen zu können, was passiert. All das hat erst einmal nichts damit zu tun, wie weit ich weg bin von zu Hause oder wie lange eine Tour dauert, sondern vor allem mit meiner Haltung. Viele wollen ein Abenteuer erleben, aber vorher genau wissen, wie es abläuft.

Und was bringt es mir, mich aufs Nichtwissen einzulassen?
Sich in eine Ungewissheit zu begeben und damit umzugehen, schult die Persönlichkeit und fördert das Selbstvertrauen. Ich lerne: Ich kann Situationen lösen, mit dem, was ich habe, da, wo ich bin. Es muss nicht immer alles glatt laufen. Wir erzählen doch noch Jahre später von Dingen, die schiefgegangen sind.

Und wozu kann mich meine schlaflose Nacht am Strand motivieren?
Solche Erlebnisse geben uns oft neue Klarheit. Was will ich, was will ich nicht? Womit kann ich heute anfangen? Welche kleinen Schritte kann ich gehen? Arbeitgeber geben oft Ziele und Erwartungen vor, die riesig sind. Oder auch die Gesellschaft oder wir selbst. Im Abenteuer lerne ich, mit Veränderungen umzugehen. Und das ist heute die wichtigste Fähigkeit überhaupt. Beispiel Corona-Virus: Wer ohnehin gut mit Veränderungen umgehen kann, wird in dieser Zeit besser sehen können, wie das Beste daraus zu machen ist. Außerdem ziehen wir Kraft aus der Natur, die ja unser ursprünglicher Lebensraum ist.

Was kann denn noch ein Mikroabenteuer sein?
Wem der Strand zu viel ist, kann im eigenen Garten oder auf dem Balkon schlafen. Einen Sonnenaufgang zu beobachten, ist immer super: Wecker stellen und raus. Oder einen ganzen Tag wandern ohne einzukehren, von der Haustür aus. Oder einen gewohnten Weg mal zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen anstatt mit dem Auto oder der Bahn, auch wenn es zwei Tage dauert. Es geht aber auch ganz niedrigschwellig: ein gemeinsames Abendessen draußen mit dem Partner oder der Partnerin. Hauptsache, wir ändern die Perspektive und finden einen Anlass zum Aufbrechen.