Die Waldflächen sind im Landkreis Lüneburg unterschiedlich stark auf die Kommunen verteilt. (Grafik: Landesamt für Statistik; Foto: t&w)

Wie viel Wald und Biotope brauchen wir?

Lüneburg. Im Landesdurchschnitt gilt der Landkreis Lüneburg als besonders reich an Waldflächen. Das trifft aber nicht auf alle Kommunen im Kreisgebiet zu, so gelten beispielsweise die Gemeinden Amelinghausen oder Amt Neuhaus als besonders waldarm. Inwiefern sich das künftig ändern sollte, damit befasste sich jüngst der Fachausschuss für Raumordnung des Landkreises Lüneburg. Diskutiert wurde dabei auch die notwendige Festlegung von Biotop-Gebieten. Ein Vorschlag lautet, pauschal 20 Prozent der gesamten Landkreisfläche als Biotop-Verbund auszuweisen. Das brächte weitere Einschränkungen für die Ausweisung neuer Wohnbaugebiete durch die Kommunen.

Hintergrund: Es ist ein Mammutprojekt und wird über Jahre hinweg die Flächenentwicklung im Landkreis Lüneburg bestimmen mit Einfluss auf die Wohnbebauung bis hin zu Waldgebieten und Ackerland: Die Neuaufstellung des Regionalen Raumordnungsprogramms (RROP) ist in vollem Gange. In den vergangenen Monaten lief die erste Diskussionsrunde mit den Kommunen und den Kreistagsabgeordneten bereits zum Thema Siedlungsentwicklung. Kernfragen sind beispielsweise, welche Funktion Kommunen übernehmen sollen, und ob und wie weit sie wachsen dürfen. Wie viel darf es sein? Diese Frage stellt sich jetzt auch bei den neuen Zielvorgaben für Wald- und Biotopflächen.

Etwas ratlos wirkten zunächst Kreistagsabgeordnete und Kreisverwaltung, als sie sich kürzlich im Kulturforum Gut Wienebüttel im Fachausschuss für Raumordnung gegenüber saßen. Diskutiert wurde über die Festlegung „Vorbehaltsgebiete“ für Wald sowie für „von Aufforstung freizuhaltendes Gebiet“: Mit anderen Worten, wie viel Wald soll der Landkreis Lüneburg in Zukunft haben und wo soll explizit keine gezielte Aufforstung stattfinden dürfen?

„Wir wollen den Wald auch vor ungewollter Nutzung schützen, sonst haben wir nachher das Kindertrampolin, den Grünschnitt oder die Gartenhütte im Wald stehen.“ – Stefan Bartscht , Fachdienstleiter Umwelt

Mit einem Waldanteil von zirka 32,71 Prozent an der Gesamtfläche gilt der Landkreis Lüneburg als überdurchschnittlich bewaldet. Mit großen Unterschieden zwischen den Gemeinden: So gelten laut einer Karte des Landesamtes für Statistik beispielsweise die Gemeinden Amelinghausen oder Barum mit einem Waldanteil von jeweils unter zehn Prozent an ihrer Gesamtfläche als „extrem waldarm“, hingegen seien Gemeinden wie Thomasburg oder Tosterglope mit mehr als 35 Prozent „waldreich“. Im alten, noch gültigen RROP ist bereits festgelegt, dass der Wald im Landkreis weiterhin vermehrt werden soll. Die Kreistagspolitik soll in den nächsten Monaten diskutieren, ob an dem Ziel der Waldvermehrung festgehalten werden soll. Als ein Kreistagsabgeordneter wissen wollte „An wen adressieren wir die Forderung der Waldvermehrung“, kam aus den Reihen der Kreisverwaltung zur Antwort: „Gute Frage.“

Notwendiger Abstand von Wohn- zu Forstflächen

Sattelfester wurden die Diskutanten beim Thema Abstand zu Wald. Stefan Bartscht vom Fachdienst Umwelt machte klar, dass künftig an dem vorgeschriebenen Mindestabstand von 30 Metern von Wohnbebauung zu Wald festgehalten werden sollte. Bartscht: „Wir wollen den Wald auch vor ungewollter Nutzung schützen, sonst haben wir nachher das Kindertrampolin, den Grünschnitt oder die Gartenhütte im Wald stehen.“ Die Fantasie wurde indes beim Kreistagsabgeordneten Jürgen Hövermann (CDU) buchstäblich beflügelt. Er regte an, künftig die 100 Meter Abstand von Windrädern zu Wald aufzuheben. Darauf stieg Michael Gros (Grüne) ein: „Man sollte ökologisch differenzieren: Bei Aufforstungsflächen könnte man den Abstand auf unter 100 Meter verringern“, so sein Vorschlag.

Die Alarmglocken schrillten bei Alexander Blume (CDU) als es schließlich darum ging, einen Biotop-Verbund im Landkreis auszuweisen. Und zwar auf Grundlage des in der Vergangenheit viel diskutierten Landschaftsrahmenplans. Darin hatte die Kreisverwaltung 2017 im ganzen Kreisgebiet unter anderem zu entwickelnde Biotope dargestellt. Blume griff nun die Kritik vieler Kommunen von damals auf: „Uns wurde das immer als Fachplan dargestellt.“ Das Problem aus Sicht der Kritiker: Wenn der bislang nur skizzierte Biotop-Verbund Rechtskraft erlangt, würde das auch den Kommunen enge Grenzen bei der Siedlungsentwicklung setzen. Fragen warf zudem eine vorgeschlagene Grünlandvermehrung um drei Prozent auf. Dazu Hövermann: „Das wären 4000 Hektar. Warum sollten Landwirte das mitmachen und wo?“ Hinrich Bonin (SPD) sagte schließlich in Richtung Kreisverwaltung: „Ich wüsste nicht, welchen Arbeitsauftrag wir Ihnen jetzt geben sollen. Ich habe grundsätzliche Fragen.“ Die Themen sollen zunächst in den Kreistagsfraktionen beraten werden, darunter eben auch die Frage: Wie viel Wald und Biotope brauchen wir?

Von Dennis Thomas