Hartmut Werner bei der Arbeit: Hier bastelt er an einem Modell eines Liberty-Frachters. (Foto: be)

Der Mann mit den goldenen Händen

Lüneburg. Sie hängen, stehen und liegen zu Hunderten in der Zwei-Zimmer-Wohnung auf dem Kreideberg. Die stummen Zeugen einer jahrzehntelangen Berufslaufbahn und gleichzeitigen Leidenschaft: Schiffsuhren, Top-Laternen, Schiffsschrauben, ein alter erstklassig erhaltener Maschinentelegraph, Kompasse, ein mittels einer Glasscheibe zu einem veritablen Wohnzimmertisch umfunktioniertes Steuerrad von 1,50 m Durchmesser und - natürlich - Dutzende filigran gebauter Modellschiffe. Vom kleinen Buddelschiff über große historische Segler bis hin zum etwa 1,50 m langen Frachtschiff ist alles dabei.

Kapitän in diesem Reich ist Hartmut Werner, ein Mann mit 45 Jahren Erfahrung als Binnenschiffer, ehe er sich Anfang 2018 zur Ruhe setzte. Der heute 64-jährige Lüneburger hat sich mit großer Begeisterung und Akribie dem Bau von Schiffsmodellen verschrieben.

Der elterliche Betrieb geriet in Not

Hartmut Werner war erst 17 Jahre alt, als sein Vater 1973 überraschend starb. Der elterliche Schifffahrtsbetrieb geriet in Nöte. „Ich bin dann nach der 11. Klasse von der Herderschule abgegangen und habe bei meinem Cousin den Beruf des Binnenschiffers erlernt, um zu helfen, den Betrieb zu erhalten“, erzählt er. Er hätte danach zurückgehen können zur Schule, das Abitur machen können. „Aber ich habe meiner Mutter angeboten, an Bord zu bleiben.“

Er blieb an Bord, nannte in den 45 Jahren seiner Berufslaufbahn zwei Frachtschiffe sein eigen (60 und 70 m lang). Beide hießen „MS Gerda“, der Vorname seiner Mutter. Hartmut Werner war auf den großen Flüssen in ganz Deutschland und im benachbarten Ausland unterwegs, zuletzt verstärkt in den Kanälen. „Im Dienste der Landwirtschaft“, sagt er lächelnd, „wir haben zuletzt vor allem Getreide und Futtermittel transportiert.“

„Ich liebe die Individualität. Die Details machen ein gutes Modell erst aus. Deswegen improvisiere ich, bringe eigene Ideen ein. Mein erstes Modellschiff habe ich mit 11 Jahren gebaut.“ – Hartmut Werner

Schon als Kind war Hartmut Werner von allem fasziniert, was sich auf dem Wasser fortbewegte. „Mein erstes Modellschiff habe ich mit 11 Jahren gebaut.“ Während seiner beruflichen Laufbahn hat er diese Beschäftigung ausgebaut und perfektioniert. Stundenlang saß er oft nach getaner Arbeit in seiner Kajüte, tüftelte, schnitt, schnitzte, klebte und setzte Unmengen an kleinen Teilen zusammen. „Das war gut, um runterzukommen. Eine tolle Beschäftigung. Man lag ja auch oft etwas abgelegen in den Häfen und mit dem Fernsehempfang war das auch nicht immer leicht“, sagt er schmunzelnd.

Gebaut hat er im Laufe der vielen Jahre die verschiedensten Bootstypen – mit den unterschiedlichsten Materialien: in Holzbauweise, Baukastensystemen oder Plastikbausätzen. Seit Kurzem begeistert ihn der Papiermodellbau. Alle Boote sind kleine bis große Kunstwerke. Was seine Hände anfassen, wird zu (Schiffs)-Gold.

Keine Grenzen für den Einfallsreichtum

Auch deshalb, weil er sich nicht strikt an die Baupläne hält, sondern die Modelle modifiziert und aufbessert. „Ich liebe die Individualität. Die Details machen ein gutes Modell erst aus. Deswegen improvisiere ich, bringe eigene Ideen ein“, sagt er.

Hartmut Werners Einfallsreichtum sind da keine Grenzen gesetzt. So ergänzt er zum Beispiel Details wie Treppen aus kleinen geriffelte Stücken von Kabelbindern, bastelt zusätzliche Navigationstafeln, Laternen und Festmacherleinen, fügt einem Modell des historischen Raddampfers „Kaiser Wilhelm“ aus Lauenburg die Fahrgäste oder dem Dampf-Eisbrecher „Stettin“ den durch Wolle simulierten Dampf oder eine Platte, die die Eisfläche darstellt, hinzu. Und das alles handwerklich höchst geschickt. Nichts davon wirkt kitschig oder übertrieben.

„Am liebsten mag ich alte Boote mit Masten und Schornsteinen“, erzählt er. Ein Lieblingsstück habe er nicht. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“ Darüber hinaus beschäftigt sich der 64-Jährige mit der Geschichte der Boote, die er bastelt. Sie alle haben ihre Geschichte und Geschichten. Aktuell arbeitet er an einem etwa 1,10-m langen Modell der „Axel Dijk“. Ein Schiff aus der Reihe der Liberty-Frachter aus den USA. „Sie wurden vor allem gebaut, um die Gegner des dritten Reiches mit Waren und Proviant zu versorgen“, weiß er.

„Das ist ein schöner Erfahrungsaustausch“

Seine Ideen für die nächsten Projekte ergeben sich „einfach so“. Die Bausätze bestellt er bei Spezial-Anbietern im Internet. „Anders bekommt man die gar nicht mehr.“ Anregungen holt er sich aber in der Papiermodellbaugruppe des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Lüneburg. Auf deren Treffen wurde er durch eine Notiz in der LZ aufmerksam. „Das ist ein schöner Erfahrungsaustausch“, sagt er. Mittlerweile trifft sich die kleine Gruppe wieder montags um 17.30 Uhr in den Räumen der Thorner Straße 19. „Wer Interesse hat, kann gerne mal vorbeikommen. Wir freuen uns.“

Von Matthias Sobottka